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Zwei Container voller Erinnerungen

Zwangsversteigerung Zwei Container voller Erinnerungen

Weil sie verhindern wollte, dass persönliche Gegenstände einer Bekannten von Fremden ersteigert werden, kaufte eine Frau am Montag für 255 Euro den Inhalt eines Containers und steht nun vor neuen Problemen.

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Christine Breitner hat Kleinmöbel und Haushaltsgegenstände einer Bekannten ersteigert und weiß nun nicht, wo sie diese unterbringen soll.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. Wie rettet man eine Bekannte vor dem Ruin? Wie verhindert man, dass sie ihre letzten persönlichen Gegenstände verliert? Diese Fragen stellten sich am Montag Christine Breitner und eine Freundin – und sie mussten innerhalb kürzester Zeit eine Antwort, eine Lösung finden.

Mit dem Ergebnis der Überlegungen von Christine Breitner ist keiner so richtig zufrieden, sie selbst auch nicht. Christine Breitner hat am Montag für 255 Euro die Hälfte des Hausrats ihrer Bekannten gekauft und muss nun bis Dienstag noch eine neue Abstellmöglichkeit finden. Ansonsten wird alles entsorgt.

Die sehr persönliche, emotionale Geschichte in Kurzform: Eine 51-jährige Marburgerin steht vor dem Nichts, nachdem sie aufgrund ihrer Frühverrentung zum Sozialfall wurde. Christine Breitner kann bestätigen: Die frühere Nachbarin ihrer Schwester führte einen gepflegten Haushalt, ging einer Anstellung im öffentlichen Dienst nach, ist gut ausgebildet und hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Heute lebt die 51-jährige, sehr gepflegte Frau quasi in einer Notunterkunft.

Und weil in dem kleinen möblierten Zimmer der Hausrat der früheren Angestellten nicht hinein passt, ist dieser seit zwei Jahren in zwei Containern auf dem Gelände des Umzugsunternehmens Heppe im Stadtwald gelagert. Das Amt zahle Wohngeld, aber kein Containergeld, habe man ihr mitgeteilt, sagt die Frau. Man sei bereit, ihr mehr Geld für eine Wohnung zu geben, aber nicht für die Unterbringung der Möbel, erklärt die 51-Jährige. Doch sie finde nunmal keine bezahlbare Wohnung und auch keinen Abstellplatz. Ein Teufelskreis.

„Bin auch kein Unmensch“

Christine Breitner will der Bekannten helfen, doch sie rennt gegen die Zeit, und am Montag steht sie auch noch in einer Art Wettbewerb. Am Samstag veröffentlichte der Firmenchef von Heppe, Jürgen Spreyer, eine Anzeige und kündigte darin eine Versteigerung an. Zwei Container mit Haushaltsgütern und Möbel sollten an den Meistbietenden gehen. Die Bezahlung erfolgt in bar, der Container muss bis zum nächsten Tag geräumt sein, so lauten die Bedingungen.

Es ist das erste und das letzte Mal, dass Jürgen Spreyer eine Hausratsversteigerung auf seinem Gelände in die Wege leitete, sagt er nach der kurzen, aber emotional schwierigen Veranstaltung. Weniger als ein Dutzend Menschen sind gekommen, der Gerichtsvollzieher beginnt um 13 Uhr mit der Versteigerung. Dabei ist auch die 51-jährige Besitzerin der Gegenstände.

Der Gerichtsvollzieher öffnet die Container, die Teilnehmer sehen Kartons, Kleinmöbel, einen Katzen-Kratzbaum, ein Fahrrad, einen Rucksack. Was sich dahinter verbirgt, wird nicht sichtbar. Wühlen ist nicht erlaubt. Was im Kopf und in der Seele der 51-Jährigen vor sich geht, kann in diesem Moment auch keiner erkennen. „In den Kartons sind Fotoalben, damit kann doch keiner etwas anfangen“, sagt sie fast flehend und fotografiert die Szene. Schweigen.

Keiner will den Anfang machen, Christine Breitner flüstert: „Hoffentlich steigert keiner mit, dann haben wir eine Chance.“ Doch dann geht es los. Ein Mann bietet die Mindestsumme von 200 Euro an, Christine Breitner startet, ohne in ihre Geldbörse zu schauen, in den Wettkampf. 255 Euro bietet sie am Ende und will resignieren. Doch der andere Mann steigt aus. „Ich möchte nicht mehr. Ich bin ja auch kein Unmensch“, sagt er. Das Ganze gehe ihm auch zu nah. „255 Euro zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten.“

Container kostet 170 Euro im Monat

Christine Breitner hat einen von beiden Containern ersteigert. Nur den Inhalt. Nun kommt das nächste Problem. Bis diesen Dienstag, 16 Uhr, muss der Container ausgeräumt werden, sonst landet alles im Müll. Ob sie nicht wenigstens einige Sachen ausräumen könne, bittet sie ihre Bekannte. Diese will nicht. Die Helferin ist ratlos, die Stimmung gereizt. Ein Mann, der sich die Versteigerung nur aus Interesse anschauen wollte, wie er selbst sagt, fasst die Situation zusammen:

Die 51-Jährige habe keine Kraft, um die Dinge zu regeln. Ob sie einen guten Anwalt habe, fragt der Mann. Sie habe Aktenberge voller juristischer Schreiben, sagt die Frau, zeigt auf Dokumente. Christine Breitner weiß, dass es im Moment nicht darum geht, wer Recht hat. Sobald der andere Container oder Hausrat in fremde Hände gelange, seien persönliche Gegenstände, Fotos oder Briefe womöglich verschwunden.

Jürgen Spreyer erklärt, dass die Monatsmiete für einen Container rund 170 Euro kostet. Seit zwei Jahren habe er kein Geld mehr dafür erhalten. „Es gibt keinen typischen Fall. Jeder kann von heute auf morgen in Not und in eine schwierige Situation geraten“, sagt er.

Daher habe er versucht, der Frau entgegenzukommen. Doch er benötige den Platz. Warum sie sich nicht schon viel früher wenigstens um ihre Fotoalben gekümmert habe, fragt ein Mann. „Daran sind Sie doch selbst schuld.“ Keiner widerspricht ihm. Christine Breitner stellt jetzt andere Fragen: Wer hilft ihr dabei, die persönlichen Gegenstände ihrer Bekannten in Sicherheit zu bringen?

von Anna Ntemiris

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