Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Zwei Christkinder, zwei Weihnachtswunder

Geburten an Heiligabend Zwei Christkinder, zwei Weihnachtswunder

Die Geburt an sich ist schon ein kleines Wunder. Wenn ein Kind aber an Heiligabend zur Welt kommt, ist es etwas ganz Besonderes: für Christen, aber auch für ein geflüchtetes muslimisches Paar aus Syrien.

Voriger Artikel
"Keine Fake-News": Der Heiland ist geboren
Nächster Artikel
Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk

Links: Kai Ina und Tobias Maurer freuen sich über ihr „Christkind“. Der kleine Bene kam am 24. Dezember um 22.21 Uhr per Kaiserschnitt im UKGM zur Welt. Rechts: Nourulhuda al Daher und Khalil Kashkush sind aus Syrien geflohen. Ihre Tochter Rittal wurde am 24. Dezember um 21.27 im Diakoniekrankenhaus in Wehrda geboren.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Erschöpft, aber glücklich hält Kai Ina Maurer ihr Baby im Arm. Mehr als 12 Stunden lang lag sie in den Wehen. Eigentlich sollte der kleine Bene auf natürlichem Wege im Storchennest in Gisselberg das Licht der Welt erblicken, aber bei einer Größe von 58 Zentimetern, einem Gewicht von 4 120 Gramm und 38 Zentimetern Kopfumfang kann das ganz schön schwierig sein.

Und so kam „der Brocken“, wie ihn seine Mutter liebevoll nennt,  per Kaiserschnitt an Heiligabend um 22.21 Uhr im Universitätsklinikum zur Welt. „Ist schon lustig, dass er jetzt mit Jesus Geburtstag hat“, sagt sein Vater Tobias Maurer lachend. Der 28-Jährige ist genauso wie seine 30-jährige Frau gläubig evangelisch, und deshalb finden sie es auch „besonders“ und „schön“, dass Bene in der „stillen und heiligen Nacht“ geboren wurde.

„Unser holder Knabe mit lockigem Haar“, zitiert der stolze Vater schmunzelnd aus dem Weihnachtslied „Stille Nacht“ und streicht seinem Sohn vorsichtig über die vollen, braunen Haare. Das Paar aus Bieberthal-Frankenbach macht sich allerdings bereits jetzt Gedanken darüber, wie der Heiligabend bei ihnen später gefeiert wird. Mutter Kai Ina ist es wichtig, dass trotz des Weihnachtsfestes niemals der Geburtstag ihres Jungen untergeht. „Vielleicht bekommt er an Heiligabend morgens seine Geburtstagsgeschenke und abends dann die Weihnachtsgeschenke. Mal sehen.“

Ehepaar hat die Gräuel des Krieges hinter sich gelassen

Darüber machen sich Nourulhuda al Daher und Khalil Kashkush keine Gedanken. Das Ehepaar ist vor gut einem Jahr aus Syrien geflohen. Dass sie die Gräuel des Krieges hinter sich gelassen haben und nun ein gesundes Mädchen namens Rittal im Arm halten, ist für den 25-Jährigen und seine 21 Jahre alte Frau ein wahres Weihnachtswunder.
Über einen Monat war Sportlehrer Khalil auf der Flucht. Allein eine Woche brauchte er, um mit gut 200 anderen Geflüchteten von der Türkei nach Italien übers Meer zu gelangen. „Es war schwierig. Das Schiff war sehr alt“, erinnert sich Khalil und streicht seiner kleinen Tochter sanft über die schwarzen Haare.

Nourulhuda blickt aus dem großen Fenster im Diakoniekrankenhaus Wehrda in die Ferne. Es ist trüb und nass. Die beiden Geflüchteten sind froh, dass ihr Baby in Sicherheit geboren wurde. Ihre Gedanken sind jedoch bei ihrer Familie, die sich noch immer in Damaskus aufhält. Der Stadt, die seit drei Tagen ohne Wasser auskommen muss. Fünf Millionen Menschen sind davon betroffen. „Es ist schlimm. Wir haben unseren Eltern Fotos von unserem Mädchen geschickt, aber natürlich würden Oma und Opa sie gerne im Arm halten“, sagt der stolze Vater mit traurigem Blick.

Nachdem Khalil Deutschland erreicht hatte, machten sich auch seine Frau und sein kleiner Bruder auf den beschwerlichen Fluchtweg. Die 21-Jährige, die in der syrischen Hauptstadt Damaskus Lehramt studierte, floh über die Türkei nach Griechenland. Im Erstaufnahmelager in Gießen war das Ehepaar endlich wieder vereint. Anderthalb Monate verbrachten sie in Gießen, dann ging es für drei Monate nach Stadtallendorf ins Flüchtlingscamp. Nun wohnen Nourulhuda und Khalil zusammen mit seinem kleinen Bruder in Marburgs Oberstadt. „Es ist eine schöne Stadt. Die Menschen sind sehr freundlich“, sagt Khalil, der in sechs Monaten Sprachkurs bereits recht gut Deutsch gelernt hat.

"Wir wünschen uns Frieden"

Auch seine Frau versteht schon eine Menge. Sie will, wenn das möglich ist, in Deutschland ihr Studium beenden und als Lehrerin arbeiten. Khalils Traum ist es, wieder als Sportlehrer Geld zu verdienen. Oder ein Restaurant aufzumachen. „Ein arabisches, das wäre schön“, betont er lächelnd. Vorerst sind beide jedoch damit beschäftigt, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, um hier Fuß zu fassen.

Ob ihr Kind hier in Deutschland aufwachsen soll? Bei dieser Frage blicken sich Khalil und Nourulhuda lange in die Augen. „Ich weiß nicht. Wir wünschen uns Frieden. Wenn in Syrien kein Krieg mehr herrscht, dann würden wir vielleicht auch wieder zurückgehen“, überlegt Khalil.

Zwar sind die beiden muslimischen Glaubens, trotzdem freuen sie sich sehr über das besondere Geburtsdatum ihrer Erstgeborenen. „Es ist schön, dass sie an Heiligabend geboren ist. Das ist etwas sehr besonderes“, betont er lächelnd. Schließlich war auch Jesus ein Flüchtlingskind. Für Khalil und seine Frau zählt im Moment nur das, was auch für Maria und Josef und wohl jedes Elternteil auf der Welt das Wichtigste ist: dass ihr Kind in Frieden und Geborgenheit aufwachsen kann.

von Nadine Weigel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr