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Zusammen leben, voneinander lernen

Wohnraum für Flüchtlinge Zusammen leben, voneinander lernen

Eine ganz normale WG, die dennoch ganz besonders ist. Denn einer unter den fünf Bewohnern ist besonders froh, ganz „normal“ zu leben.

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Nora (von links), Tedros, Anton, Alexa und Mo in ihrer Marburger WG.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg.. Am Herd der kleinen Küche wird Tedros zum „Chefkoch“. Seine Stimmung steigt, wenn Töpfe klirren und es in der Pfanne brutzelt. Der 22-Jährige ist angekommen. Und das trifft gleich auf mehrere Lebensbereiche zu.
Tedros musste aus seine Heimat Eritrea flüchten. Vor anderthalb Jahren kam er nach Deutschland. Von der Erstaufnahmestelle in Gießen ging es weiter in eine Gemeinschaftseinrichtung im Landkreis. Seit November wohnt er zusammen mit Alexa, Mo, Anton und Nora in der Marburger Oberstadt. Es ist eigentlich eine ganz normale WG-Geschichte. Zuerst das Casting – Tedros ist einer unter vielen, der gerne in das frei gewordene Zimmer einziehen würde.  

Entscheidung setzt gleichzeitig Zeichen für Toleranz

Die Entscheidung für Tedros fällt aus Sympathie – nicht aus einer Art Helfersyndrom heraus, weil Tedros ein Asyl-Bewerber ist. Dennoch setzten die vier mit ihrer Mitbewohner-Wahl ein Zeichen. Ein Zeichen für Toleranz und gegen so manch bestehendes Vorurteil. Eines dieser Vorurteile lautet, Flüchtlinge könnten keine Miete aufbringen. „So ein Unsinn“, sagt Jana Vogel vom Verein Asylbegleitung Mittelhessen.
Wurden Wohnungsgröße und -kosten als angemessen befunden, erteilt das zuständige Amt einen Wohnberechtigungsschein und übernimmt die Kosten für die Unterkunft, erklärt Vogel: „Die Miete ist damit sicherer als bei manchem Studenten.“ Jana Vogel geht es aber nicht um den finanziellen Aspekt des Projekts, das die Asylbegleitung unter dem Namen „WG-Börse“ angestoßen hat. Ziel ist es, Wohnraum für Flüchtlinge zu finden und diese langfristig zu integrieren. Dabei übernimmt die Sprache die entscheidende Rolle.

Anschluss finden

In den Gemeinschaftsunterkünften würden die Flüchtlinge zumeist ihre Heimatsprache sprechen, was die Integration natürlich erschwere, erklärt Vogel. Bei der WG-Börse geht es vor allem darum, „Anschluss zu finden. Darum, ein Teil von etwas zu werden“, sagt Vogel. Menschen, die Wohnraum zur Verfügung stellen wollen, können sich mit dem Verein in Verbindung setzen (siehe Hintergrundkasten)  
Die WG-Mitglieder sind nicht nur von Tedros´ Kochkünsten begeistert: „Er ist mit Sicherheit der Sauberste von uns“, sagt Mo  und lächelt in die Runde, worauf er zustimmendes Kopfnicken erntet. Alles läuft wie in jeder anderen WG auch, sagen die vier Mitbewohner. Klar, ab und an müssten sie mal helfen beim Übersetzen eines Briefes, aber sonst gebe es keine Unterschiede zu anderen Wohngemeinschaften. Den Kontakt zur Asylbegleitung hatte Studentin Alexa hergestellt, die sich in dem Verein im Bereich der Kinderbetreuung engagiert. Tedros hat sein Zimmer nach seinen Wünschen eingerichtet – inklusive Familienfotos und Deutschlandfahne.

Ein Leben mit Freiheit in den eigenen vier Wänden

Der 22-Jährige versucht weiterhin, den Kontakt zu Freunden zu halten, die er in den verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen kennengelernt hat. Dennoch unterscheidet sich sein Leben nun erheblich vom oft eintönigen Alltag in einer solchen Unterkunft. Er führt ein Leben in den eigenen vier Wänden, mit der Freiheit, zur Schule gehen zu können und der Möglichkeit, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren, der er selbst jede Menge zurückgeben kann. Und natürlich nicht nur, wenn er in der WG-Küche kocht. Freunde besuchen ihn. In der WG entsteht ein kultureller Austausch, der dazu beiträgt, das Gegenüber ein wenig besser zu verstehen. „Wir haben den Mitbewohner gewählt, bei dem wir uns am wohlsten gefühlt haben“, sagt Nora.
Jana Vogel hofft nun darauf, dass sich weitere Menschen finden, die dem Vorbild der Oberstadt-WG folgen und Flüchtlingen eine Chance geben

von Dennis Siepmann

Hintergrund: Der Verein Asylbegleitung Mittelhessen

Der Verein „Asylbegleitung Mittelhessen“ kümmert sich in vielen Bereichen um das Wohl von Flüchtlingen. Deutschkurse in den Unterkünften und Gemeindehäusern des Landkreises stehen im Vordergrund der Tätigkeit der etwa 80 freiwilligen Helfer (derzeit sind es 15 Kurse mit 6 bis 30 Teilnehmern). Hinzu kommen aber auch administrative Aufgaben: etwa die Hilfe beim Kontakt mit deutschen Behörden. Der Verein bemüht sich im Wesentlichen um soziale Integration und Akzeptanz der Flüchtlinge in einem neuen Lebensumfeld.

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