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Zur falschen Zeit am falschen Ort

Aus dem Amtsgericht Zur falschen Zeit am falschen Ort

Keine Dosen, keine Farbspuren, kein hinreichender Tatverdacht. Weil er angeblich einen Waggon der Bahn mit einem Graffiti verschandelte, musste sich ein junger Mann trotzdem vor dem Amtsgericht verantworten.

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Das Amtsgericht hat einen mutmaßlichen Graffiti-Sprayer freigesprochen, weil es keine Tatnachweise gibt.

Quelle: dpa

Marburg. Ende März dieses Jahres um kurz vor Mitternacht hatte ein Beamter der Bundespolizei ein unbefugtes Betreten der Abstellanlage des Marburger Bahnhofs festgestellt. Das genaue Aussehen des Eindringlings konnte die dort installierte Wärmebildkamera nicht erfassen. Lediglich die „typischen Steuerbewegungen“ eines Graffiti-Sprayers waren klar erkennbar, teilte der Polizist vor Gericht mit.

Die Person schrieb das Wort „Saik“ auf einen der Waggons und entfernte sich aus der Halle. Es entstand ein Schaden von 200 Euro. Die alarmierten Kollegen trafen einige Zeit später den Angeklagten in Begleitung einer jungen Frau auf dem Gelände am Ortenbergcenter an.

Beide liefen „schnelleren Schrittes“ über den Parkplatz, waren jedoch nicht auf der Flucht, teilte einer der Beamten mit. In dem Glauben, dass der junge Mann der gesuchte Sprayer sei, überprüften sie dessen Personalien und zeigten ihn an. Gegen den späteren Strafbefehl der Staatsanwaltschaft legte der 22-Jährige Einspruch ein.

Beweise sind „ein bisschen dünne“

Während der Hauptverhandlung machte der Mann keine Angaben zu den Vorwürfen. Der Anfangsverdacht bestätigte sich nicht vor Gericht. Dass die Angelegenheit im Vorfeld überhaupt weiter polizeilich verfolgt wurde, verwunderte die Prozessbeteiligten. Weder waren auf den Infrarotaufnahmen Details zu erkennen, noch fanden sich Spraydosen oder entsprechende Farbspuren an Kleidung oder Haut des Beschuldigten.

Da das Gelände zudem über mehrere Ausgänge verfügt, sei nicht ausgeschlossen, dass andere Personen den Bereich in Richtung Waggonhalle verließen oder sich ganz woanders aufhielten, merkte Strafrichter Cai Adrian Boesken an. „Wir arbeiten nicht mit Tatverdacht und Vermutung, sondern mit Überzeugung“, stellte der Richter klar. „Bei allem Wohlwollen für die Polizeiarbeit – das ist ein bisschen dünne.“

Der Tatverdacht begründete sich lediglich auf einen zeitlich-örtlichen Zusammenhang, schloss sich auch Amtsanwältin Tina Grün den Zweifeln an. Daneben wurde der Angeklagte lediglich in Tatortnähe, „nicht einmal am Tatort selbst“ angetroffen, erklärte die Vertreterin der Staatsanwaltschaft und befürwortete einen Freispruch. „Wir haben gar nichts“, konnte sich auch Verteidiger Gunther Specht kurz fassen. Sein Mandant sei einfach „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen.

Dem schloss sich Boesken umfassend an und sprach den Angeklagten von allen Vorwürfen frei. Es gebe zwar „eine gewisse Wahrscheinlichkeit“, dass der Mann die Tat begangen hat, jedoch „überhaupt keine anderen Tatnachweise“, schloss der Richter.

von Ina Tannert

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