Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Zur Not wird mit Kabelbinder geflickt

Das Phantomtor zählt Zur Not wird mit Kabelbinder geflickt

Das "Phantomtor" von Stefan Kießling - erzielt durch ein Loch im Tornetz - bleibt ein gültiger Treffer. Zwei neue Wörter sind geboren: "kießlingen" und "Phantomtor".

Voriger Artikel
Egon Vaupel nach Infarkt in Klinik
Nächster Artikel
Bau des Sprachatlas nimmt vorletzte Hürde

Frankfurt/Marburg. Der Vorsitzende Richter des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz lehnte gestern in Frankfurt den Einspruch des Hoffenheimer Bundesligisten gegen den 2:1-Sieg von Bayer Leverkusen vom 18. Oktober ab. Für ein Wiederholungsspiel sah er keine Rechtsgrundlage. Hoffenheim kann gegen das Urteil Einspruch einlegen und vor das DFB-Bundesgericht ziehen. "Wir prüfen das", sagte Alexander Rosen, Leiter Profifußball des Clubs.

Schiedsrichter Felix Brych (unten rechts) konnte das Phantomtor nicht genau erkennen, da ihm Spieler die Sicht versperrt hatten. Der Prozess wäre zu vermeiden gewesen, so Lorenz, „wenn wir uns dazu durchringen könnten, die Tor-linientechnologie einzusetzen“. Lorenz hatte ausdrücklich die Unabhängigkeit des Sportgerichts von der Fifa erklärt. Der 62-Jährige folgte aber den Regeln des Weltverbandes, wonach die Tatsachenentscheidung der Schiedsrichter unumstößlich ist.

Der Begriff hat ja wohl eindeutig das Zeug zum Wort des Jahres. Oder zum Unwort, je nachdem. Und vermutlich wird die deutsche Sprache schon sehr bald um das Verb „kießlingen“ bereichert sein. Ich kießlinge, du kießlingst, er kießlingt, heißt so viel wie: Ich mogele, du mogelst, er mogelt.

Historisches Ereignis

Als er als Junge mit dem Fußball auf dem Land begonnen habe, da sei es eher die Ausnahme gewesen, wenn kein Loch im Netz war, sagte gestern Hans E. Lorenz. Der Vorsitzende beim DFB-Sportgericht - ein echter Spaßvogel, der vielleicht auch gut daran tat, dem bierernsten Streit um die angeblich schönste Nebensache der Welt ein ganz klein wenig die Spitze zu nehmen.

Nur ein einziges Mal in der deutschen Fußball-Bundesliga-Geschichte soll es bisher einen Treffer gegeben haben, der ähnlich wie jetzt das Kießling‘sche 2:1 gegen Hoffenheim fiel. Bis ins Jahr 1978 zurück und bis in die 2. Liga mussten sich die Sporthistoriker durcharbeiten: In der Partie zwischen Borussia Neunkirchen und den Stuttgarter Kickers gab es in den späten 70ern ein Tor der Kategorie „Horch, was kommt von draußen rein“ - in einer Partie, die zunächst 4:3 für Neunkirchen endete. Die Stuttgarter protestierten, die Begegnung wurde wiederholt und endete dann mit einem knappen 1:0-Sieg für die Kickers.

Der Schiedsrichter-Assistent hat geschludert

Pech für die Hoffenheimer, dass 35 Jahre später Richter Hans E. Lorenz das etwas anders sah: Schiri Felix Brych hatte sich nach Überzeugung des DFB-Gerichts in der fraglichen Begegnung keines Regelverstoßes schuldig gemacht, ergo gibt‘s auch kein Wiederholungsspiel. Weil ihm selbst die Sicht aufs Tor versperrt gewesen sei und seine Assistenten ihn eher in der Annahme bestärkt hatten, dass ein reguläres Tor gefallen sein musste, habe Brych in Richtung Mittelkreis gezeigt, sagte der Mann mit der Pfeife.

Dass bei der obligatorischen Tornetzkontrolle vor Spielbeginn das Loch nicht entdeckt wurde, spricht nicht unbedingt für die Akkuratesse des Schiedsrichter-Assistenten. Aber das schien gestern während der Beweisaufnahme auch niemanden wirklich zu interessieren.

Zudem ist es offenbar Usus, dass beim Check der Netze eher darauf geachtet wird, dass das Maschengeflecht ordnungsgemäß an Pfosten und Latte festgehakt ist. Das zumindest erklärte gestern im Gespräch mit dieser Zeitung Markus Bengelsdorff. Für den Öffentlichkeitsbeauftragten der Schiedsrichtvereinigung Marburg war es keine allzu große Überraschung, dass das Sportgericht gegen eine Wiederholung des „Phantomtor-Spiels“ entschied: „Wir hatten damit gerechnet, dass letztlich die Fifa-Regelung der Tatsachenentscheidung den Ausschlag geben würde.“

Kießling beruft sich auf "Sehstörung"

Bengelsdorff und seine Schiri-Kollegen, die Woche für Woche auf den heimischen Sportplätzen auflaufen, kennen das Problem defekter Tornetze zur Genüge: „Im Amateurfußball gibt es da große Mängel - zur Not muss dann unmittelbar vor Anpfiff noch mit Kabelbindern oder Ähnlichem geflickt werden.“

In den meisten Bundesliga-Arenen, so der Marburger Schiedsrichter, hängen moderne, engmaschige Synthetiknetze in den Toren - nicht so in Sinsheim, wo ein einziger defekter Knoten und ein wohl eher unabsichtlich an die „richtige“ Stelle des Außennetzes platzierter Kopfstoß am 18. Oktober für die Skandalszene gesorgt hatte.

Und wie sah Torschütze Stefan Kießling die Situation selbst? Nun, eigentlich gar nicht, denn er hatte sich auf ähnliche Sehstörungen berufen wie der Schiedsrichter. Unmittelbar nach dem Kopfball wegdrehen vom Tor und erst wieder hinschauen, als die mitgereisten Bayer-Fans in der Rhein-Neckar-Arena jubeln - klar, klingt nicht völlig unlogisch, könnte so gewesen sein.

von Carsten Beckmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr