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"Zur Not Neuanfang in der B-Klasse"

VfB Marburg am Abgrund "Zur Not Neuanfang in der B-Klasse"

In letzter Sekunde hat der VfB Marburg eine Insolvenz vorläufig noch abgewendet und sich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bewahrt.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Selbst altgediente Mitglieder des VfB Marburg können sich an eine solch turbulente Mitgliederversammlung in ihrem Verein nicht erinnern. Vier Stunden lang diskutierten sich die Teilnehmer die Köpfe heiß, um einen Ausweg aus der Finanzmisere des Vereins zu finden, die den Verein seit Jahren drückt - und zwar von Jahr zu Jahr mehr.

Derzeit sogar so stark, dass Vorsitzender Dietrich Möller mehrmals damit drohte, am kommenden Tag zum Insolvenzrichter zu gehen, wenn die Versammlung seinem Vorschlag nicht folge. „Dazu bin ich verpflichtet“, sagte Möller, der sich nach eigener Aussage im Vorfeld mit einem Anwalt in dieser Frage beraten hatte: Die Liquidität des Vereins sei erschöpft. „Ich möchte nicht noch wegen Insolvenzverschleppung Schwierigkeiten bekommen.“

Die Ausgangslage: Schulden und fehlende Liquidität

Möllers Plan, um die Insolvenz zu verhindern: Der VfB Marburg verkauft sein Vereinsgelände an einen Investor zum Preis von 935000 Euro - 30000 Euro würden laut Vertrag sofort fällig, 250000 zum Jahresende und die Restsumme Anfang 2016 - ob mit oder ohne der Auflage, dass bis dahin ein rechtsgültiger Bebauungsplan für Wohnbebauung vorliege, darüber gab es unterschiedliche Ansichten derjenigen, die den Vertrag mit dem Investor im Vorfeld eingesehen hatten.

Der Vorsitzende rechnete vor: 30000 Euro würden die Liquidität zumindest vorläufig wiederherstellen, 250000 Euro die Forderungen der Sparkasse Marburg-Biedenkopf bedienen und die Grundschuld tilgen, die auf dem Platz liegt. Mit der Restsumme könne der Verein dann später seine restlichen Schulden begleichen und würde noch knapp 200000 Euro übrig behalten.

Schon früh im Verlauf der Versammlung wurde deutlich, dass der Vorsitzende mit diesem Vorschlag auf Granit beißen würde: Zu viele offene Baustellen gibt es nach wie vor beim VfB Marburg, als dass ein einfacher Platzverkauf alle Probleme lösen würden.

Problem 1: Der Wert des Platzes

Unterschiedliche Schätzungen und Beurteilungen taxieren den Wert des Platzes zwischen 750000 und 1,4 bis 1,8 Millionen Euro - unter der Voraussetzung, dass er künftig als Bauland genutzt werden kann.

Genau das schloss das Vereinsmitglied Egon Vaupel aus. Mittelfristig gebe es keine politische Mehrheit für eine Änderung der Bauleitplanung, sagte Vaupel. Als Sportfläche sei der Platz lediglich 300000 Euro wert.

Vergeblich erinnerte Möller daran, dass Vertreter mit der Stadt immer wieder über die Möglichkeit des Verkaufs an die Stadt gesprochen hätten. Vaupel, im Hauptberuf Oberbürgermeister, berichtete, dass Vertreter aller Fraktionen die Vorlage eines Finanzkonzepts zur Bedingung für Verkaufsverhandlungen gemacht hätten. Das liege bis heute nicht vor.

Problem 2: Die Finanzen

Mit 861000 Euro Schulden hatte Möller den Verein 2005 übernommen. Sein Sanierungskonzept sah im Kern die Aufstockung und Vermarktung der Gebäude an der Stirnseite zur Gisselberger Straße und den Verkauf des Platzes vor.

Ersteres spülte 375000 Euro in die Kassen des Vereins, der Ende 2011, so Kassenprüfer Thomas Pfeifer, dennoch einen Schuldenstand von 750000 Euro vermelden musste.

Das liegt vor allem, so berichtete Pfeifer, daran, der Verein seit Jahren deutlich mehr ausgibt als er einnimmt. Im Jahr 2011 öffnete sich die Schere auf knapp 60000 Euro. Warum dies seit Jahren so ist, dafür lieferte Pfeifer seine Interpretation gleich mit: 125000 Euro seien an Löhnen und Gehältern für den Spielbetrieb geflossen - davon nur 11000 Euro an Trainer der Jugendabteilung, die mit ihren aktuell 140 Jugendlichen in 11 Mannschaften in den vergangenen Jahren mehrfach für das Defizit verantwortlich gemacht wurde.

Im Grunde lasse diese Situation nur eine Schlussfolgerung zu, sagte Hans Nass, früher einmal im Vorstand des Vereins: „Verhandlungen mit der Sparkasse führen, um die Liquidität wieder herzustellen und neu anfangen - zur Not auch in der B-Klasse.“

Problem 3: Der Hauptgläubiger

Wichtigster Gläubiger des Vereins ist der Vorsitzende selbst: Dietrich Möller. Immer wieder habe er Fehlbeträge „mit privatem Geld“ ausgeglichen, sagte Möller der Versammlung. Seine Forderungen, nur zum kleinsten Teil zumindest vertraglich abgesichert, summieren sich inzwischen auf einen sechsstelligen Betrag.

Das wirft nicht nur das Problem für Möller selbst auf, wie er im Falle einer Vereinsinsolvenz an sein Geld kommt, sondern schafft ihm auch subjektiv ein Glaubwürdigkeitsproblem: Am Montagabend jedenfalls musste er sich heftige, teils unwürdige Vorwürfe anhören, er gebe nicht alles zum Besten des Vereins. Fest steht aber auch: Jede Lösung jenseits einer Insolvenz muss den geschäftlichen Umgang des Vereins mit seinem Vorsitzenden lösen.

Problem 4: Der Vertrag

Der von Möller und seinem Vorstand vorbereitete Vertrag warf in der Versammlung gewichtige Fragen auf, die vor allem von Thomas Pfeifer und Vorstandsmitglied Dr. Helmut Feiber formuliert wurden. Es mag nur eine Geschmacksfrage sein, dass der Vertrag vor der Jahreshauptversammlung von zwei Vorstandsmitgliedern unterzeichnet worden war - für die Rechtskraft hätte es der Zustimmung des Vereins bedurft. Ob aber die Zahlung der Hauptsumme auch dann erfolgt, wenn der Platz nicht zum Baugebiet erklärt wird, ob die Hauptsumme zur Not zwangsvollstreckt werden kann, darüber gab es massive Unklarheiten.

Der Showdown: Wahl einer Verhandlungsgruppe

Möller hätte, das steht zweifelsfrei fest, eine krachende Niederlage erlitten, hätte er den Vertrag abstimmen lassen. Der Gang zum Insolvenzrichter wäre die logische Konsequenz gewesen.

Buchstäblich in letzter Sekunde fand die Versammlung eine andere Lösung. Nachdem Oberbürgermeister Egon Vaupel angedeutet hatte, dass die Stadt nach wie vor zum Kauf des Platzes bereit sein könne, wenn der Verein nur ein tragfähiges finanzielles Konzept vorlege, erteilten die Mitglieder einer vierköpfigen Gruppe das Mandat, ein solches Konzept kurzfristig zu erstellen und mit der Stadt zu verhandeln. Gewählt wurden Hans Nass, Dr. Helmut Feiber, Thomas Pfeifer und der Sportkreis-Vorsitzende Jürgen Hertlein. Es ist nun an ihnen, eine Lösung zu finden, die auch in der Stadt eine politische Mehrheit findet und den Fortbestand des Vereins sichert.

von Till Conrad

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