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Zum Pfarrer gesellt sich ein Pianist

Beigeordneten-Wahl Zum Pfarrer gesellt sich ein Pianist

Zwei Kandidaten stehen zur Auswahl fürs Amt des Ersten Kreisbeigeord-neten. Zwei CDUler. Zwei, die derzeit ganz andere Berufe ausüben. Einer davon hat eine Verwaltungs-Ausbildung: Sascha Dürfeldt aus Kirchhain.

Sascha Dürfeldt (29, links) aus Kirchhain will mit Marian Zachow (rechts) um das Amt des Ersten Kreisbeigeordneten konkurrieren. Einer von beiden wird Nachfolger von Dr. Karsten McGovern werden. Dürfeldt - ebenso wie Zachow in der CDU - versteht sich als "überparteilicher Bewerber".

Marburg. Zurzeit verdient er sein Geld als Pianist. „Semi-professionell“, erläutert Sascha Dürfeldt aus Kirchhain. Der 29-Jährige unterrichtet, spielt in Bars, in Hotels und auf Feiern - wofür er eben gebucht wird. „Beim CDU-Neujahrsempfang habe ich auch schon gespielt“, berichtet er.

Obwohl noch jung an Jahren hat Dürfeldt beruflich schon das ein oder andere ausprobiert. Aktuell will er Erster Kreisbeigeordneter werden. „Ich glaube, dass ich den Zugang zu Menschen sehr schnell finden kann - ich fände es eine wahnsinnig spannende Aufgabe. Und Verwaltungserfahrung habe ich auch“, berichtet er im Gespräch mit der OP. Seinen Ausbildungsberuf, Verwaltungsfachangestellter, erlernte der 29-Jährige in der Stadtverwaltung seiner Heimatstadt Kirchhain.

„Ich finde viele Menschen in der CDU sehr engstirnig“

Danach war Dürfeldt als Selbstständiger tätig im Waren- und Termingeschäft, handelte mit Zucker und Zement in Zusammenarbeit mit einem Logistikunternehmen in Berlin, wie er erzählt. „Das habe ich auch von Kirchhain aus gemacht, die meiste Zeit aber war ich unterwegs und habe in Hotels gelebt - diese Arbeit geht mit Handy und Laptop quasi von überall.“

Das Geschäft ging nicht gut - Dürfeldt wechselte nach Luzern und betrieb von dort aus Kunsthandel, „ins-piriert durch meinen Großvater“, erklärt der 29-Jährige, Enkelsohn des Kirchhainer Künstlers Egon Dürfeldt.

Mit dem Geschäftspartner sei es nicht so gut gelaufen, berichtet der CDU-Mann, der nun als Erster Kreisbeigeordneter einen ganz neuen Weg einschlagen will. „Das meine Chancen nicht besonders groß sind, dass weiß ich wohl, aber mein Motto ist: Wer es gar nicht erst versucht, der hat überhaupt keine Chance.“

Er sei ein durch und durch optimistischer Mensch, sagt der 29-Jährige, der aktuell von seiner Musik lebt und nach eigenem Bekunden gerade am Wochenende mit Engagements ausgebucht ist.

Erfahrungen aus politischen Ämtern und Ehrenämtern kann Sascha Dürfeldt bislang nicht vorweisen. Während seiner Verwaltungsausbildung habe er als Stipendiat der Hessischen Landesvertretung bei der Europäischen Union in Brüssel mitgearbeitet, berichtet er und erzählt, dass der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete und hessische CDU-Fraktions-Chef Dr. Christean Wagner ihm dazu verholfen habe. „Ich habe die Arbeit des Europaparlaments und des EU-Rats kennengelernt“, erzählt er aus dieser Zeit, die für ihn sehr interessant gewesen sei.

Der Union gehört Dürfeldt seit etwa zehn Jahren an. Der Partei fühle er sich von ihren Grundwerten und Überzeugungen her verbunden, „allerdings finde ich viele Menschen in der CDU sehr engstirnig“, erklärt der 29-Jährige, der sich selbst als parteiübergreifenden Bewerber um das Amt des Ersten Beigeordneten versteht.

Bisher zwei Bewerber

Bislang ist Dürfeld neben dem ehemaligen CDU-Landratskandidat und Calderner Pfarrer Marian Zachow der einzige Bewerber. Der Wahlvorbereitungsausschuss sichtete die Unterlagen der beiden am Montagabend in nichtöffentlicher Sitzung. Die Koalitionspartner CDU und SPD haben in dem Gremium mit satter Mehrheit das Wort. Die Entscheidung des Ausschusses: Marian Zachow wird vor dem Kreistag als Erster Kreisbeigeordneter empfohlen - das Parlament soll ihn dann wählen. „Den anderen Bewerber werden wir nicht vorstellen, wir sind der Auffassung, dass Marian Zachow der Richtige ist“, sagt Ausschuss- und CDU-Fraktionsvorsitzender Werner Waßmuth auf Nachfrage der OP.

Doch damit muss der Reigen der Bewerber nicht geschlossen sein. Laut Waßmuth können noch während der Wahlsitzung - auch ohne vorherige Bewerbung - Interessenten vorgeschlagen werden von Parlamentsmitgliedern und sich dann dem Kreistag vorstellen. Auch Zachow wird sich vor den Fraktionen präsentieren.

Die Bewerbungsfrist für die Stelle, die seit Juni 2003 der Grüne Dr. Karsten McGovern innehat, endete zwar am 30. Mai - doch ist dies keine Ausschlussfrist. Bis zur Wahl am Mittwoch, 11. Juni, können noch weitere Bewerbungen erfolgen.

Sascha Dürfeldt will an jenem Abend ab 19 Uhr jedenfalls anwesend sein, auch, wenn der Wahlvorbereitungsausschuss ihn nicht als Kreisbeigeordneten empfiehlt. Sollte er dann aus einer der Fraktionen heraus vorgeschlagen werden, so bekommt er trotzdem noch seine Gelegenheit, sich dem Kreistag vorzustellen.

Weitere Bewerbungen und Vorschläge sind möglich

Indes haben alle im Kreistag vertretenen Parteien gleichfalls noch die Chance, aus ihrer Sicht geeignete Bewerber zu benennen. Entscheidend wird freilich das Votum der Mehrheit sein - dabei ordnet sich die SPD ihrem Koalitionspartner CDU unter, so hat man es miteinander vereinbart.

In den Reihen der Kreis-Union wurde Marian Zachow schon vor verlorener Landratswahl als neuer Erster Beigeordneter gehandelt - sollte er nicht selbst Landrat werden. Wenngleich er diese Möglichkeit direkt nach dem Wahlausgang für sich selbst nicht sah. Damals sagte Zachow der OP: „Wir haben in Karsten McGovern einen Ersten Kreisbeigeordneten und ich sehe da auch keine Änderung. Für mich persönlich gibt es diesbezüglich keinen politischen Plan B.“

Bevor am kommenden Mittwoch ein neuer Erster Kreisbeigeordneter und damit Vize-Landrat gewählt werden kann, wollen SPD und CDU in einer zweiten Abstimmung mit Zwei-Drittel-Mehrheit unterstützt von der FDP dafür sorgen, dass der Platz für den Nachfolger frei wird. Der Abend der Neuwahl ist auch der Abend der Abwahl von Dr. Karsten McGovern, der so wie Zachow im vergangenen Jahr als Landratskandidat gescheitert war.

von Carina Becker

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