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Zukunftsmusik zu Klein Siggis Geburt

Gabriel-Besuch Zukunftsmusik zu Klein Siggis Geburt

2200 Euro brutto im Monat für einen Notfallsanitäter, der im Einsatz auf dem Lande auch schon mal Hebamme sein muss. „Das ist wenig“, sagt Sigmar Gabriel. Indes kommt nebenan eine Babypuppe zur Welt.

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Im DRK-Simulationszentrum schaut sich Vizekanzler Sigmar Gabriel durch eine Glasscheibe an, wie im Nebenraum die Geburtshilfe geübt wird. DRK-Mittelhessen-Geschäftsführer Markus Müller gibt Erläuterungen dazu.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Hier ist gerade ein Junge geboren worden - er soll Sigmar heißen“, witzelt Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel. Die Geburt im DRK-Simulationszentrum, die der Auszubildende Raphael Weber und der Gynäkologe Dr. Volker Aßmann an einer Frauen- und einer Babypuppe mit lebensechten Funktionen vorführen, erregt am Freitagmittag viel Aufmerksamkeit.

Auf Sommerreise in Hessen und Rheinland-Pfalz machte SPD-Parteivorsitzender Sigmar Gabriel für rund eineinhalb Stunden in Marburg Station, befasste sich im DRK-Simulationszentrum mit Fragen der medizinischen Notfallversorgung und mit den Ausbildungsstandards.

In dem erst im Juni dieses Jahres eingeweihten Ausbildungszentrum führten dessen Leiter Stephan Grosch und Markus Müller, Geschäftsführer des DRK Mittelhessen, den SPD-Parteivorsitzenden gemeinsam mit zahlreichen heimischen SPD-Politikern und Journalisten durch die Räume.

Moderne Simulationstechnik kommt bei der Ausbildung der Lebensretter zum Einsatz, Puppen, die wie Menschen auf medizinische Behandlung reagieren und die vom Computer aus so gesteuert werden können, dass Komplikationen auftreten. Die Auszubildenden und werdenden Notärzte müssen dann reagieren. „Wir könnten jetzt auf Knopfdruck dafür sorgen, dass bei der Gebärenden der Blutdurck abfällt“, verdeutlicht Müller.

Gabriel hat viele Fragen an die Menschen vom DRK-Mittelhessen. Er erfährt unter anderem, dass alle hessischen Notärzte in dem Simulationszentrum ausgebildet werden, etwa 100 seien es im Jahr, sagt Müller. Und Zentrumsleiter Grosch erläutert, dass es 25 verschiedene Settings zur Simulation von Rettungseinsätzen gibt - vom Brand über die Lungenentzündung bis hin zu einem Sturz vom Gerüst.

Ganz persönliche Einblicke in die Arbeit im Rettungsdienst gewähren dem SPD-Parteivorsitzenden schließlich die derzeitigen Auszubildenden zum Notfallsanitäter, die demnächst ins zweite von insgesamt drei Ausbildungsjahren kommen. Manche von ihnen machen die Ausbildung, um sich auf ein anschließendes Medizinstudium vorzubereiten. „Mein Abitur war zu schlecht“, erklärt einer.

Andere wollen in dem Beruf bleiben, weil sie die Kombination aus körperlicher, medizinischer und sozialer Arbeit sowie die Verantwortung für die Menschen lieben. Sie haben viele Fragen an Gabriel - zumeist geht es um Frühverrentung und die Bezahlung, die im Hinblick auf die hohe Verantwortung erschreckend gering ausfällt im Vergleich zu anderen Berufen. Und noch bevor eine Diskussion begonnen hat, wird schon wieder zum Aufbruch geblasen. Doch der Vizekanzler wehrt ab. „Ich bin Herr meiner Zeit und ich will hier jetzt erst noch dieses Gespräch führen - sonst bekommen Sie gleich wieder eine Bestätigung für ein Bild, dass Sie wahrscheinlich schon von Politikern haben“, erklärt er.

Schlechte Bezahlung: Nachwehen des Ehrenamts

Im Rettungsdienst, so erklärt es der DRK-Geschäftsführer, gebe es immer noch die „Nachwirkungen aus der ehrenamtlichen Tradition, wir haben viele Durchstiege von dort“. Von daher rühre auch die Bezahlung. „Die Tarifkommissionen sind nicht von dieser Welt, der Gesprächsbedarf ist riesig.“

So sehen es auch die Auszubildenden. Sie weisen darauf hin, dass die durchschnittliche Verweildauer im Rettungsdienst bei sieben Jahren liege. „Und das nach drei Jahren Ausbildung“, sagt einer der werdenden Notfallsanitäter. Sie wollen mehr erreichen für ihre Berufsgruppe, beispielsweise einen früheren Rentenanspruch ohne Abzüge. Das macht der Sprecher der Gruppe, der 29 Jahre alte Rudolph Münder deutlich, der gezielt für die Ausbildung beim DRK von Berlin nach Mittelhessen kam, „weil das hier genau so läuft, wie ich es mir vorstelle“.

Gabriel geht interessiert auf die jungen Menschen ein, erteilt ihnen aber eine klare Absage. Auf entsprechende Gesetze dürfe die Berufsgruppe nicht hoffen, „Sie müssen etwas für sich selbst tun in Gewerkschaften und Tarifkommissionen, das ist der Weg“.

Diesen Weg zu beschreiten, dass sei dringend notwendig, denn bei den schlechten Arbeitsbedigungen für qualifizierte Rettungskräfte in Deutschland drohe deren Abwanderung ins europäische Ausland, wo bessere Konditionen herrschten. Dabei würden die Notfallsanitäter in der Republik dringend benötigt. Es könnten nicht überall Notärzte vorgehalten werden, die medizinische Notfallversorgung müsse aber auch in den ländlichen Räumen sichergestellt werden, „das ist nämlich eine der größten Sorgen der Menschen auf dem Lande, dass ihre medizinische Versorgung nicht gewährleistet ist“, sagt Gabriel.

Gemeinsam mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten und Mediziner Dr. Karl Lauterbach, der mit auf Sommerreise ist, wirbt Gabriel für eine Aufwertung des Berufs Notfallsanitäter - und für deutschlandweit einheitliche Standards in der Ausbildung. Die Qualifizierung des medizinischen Fachpersonals müsse unter dem Bundesausbildungsgesetz geregelt werden und dürfe nicht von Region zu Region variieren, sind die beiden SPD-Politiker sich einig.

„Für die Mediziner arbeiten wir daran schon, bei den Notfallsanitätern steht es noch bevor, es ist ein weiter Weg bis dahin“, sagt Lauterbach zum Stand der Dinge.

von Carina Becker

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