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Zukunftsfach der Medizin ist in Marburg ein Sorgenkind

Humangenetik Zukunftsfach der Medizin ist in Marburg ein Sorgenkind

Seit mehr als einem Jahr werden Menschen, die in Marburg eine genetische Beratung brauchen, am Institut für Humangenetik zurückgewiesen.

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Ein Modell für die menschliche DNA. Die Entschlüsselung menschlicher Erbinformationen ist einer der Schwerpunkte der Humangenetik.

Quelle: Jochen Eckel dpa

Marburg. Am UKGM kursiert ein Liste von abgewiesenen Patienten, die nach einer genetischen Beratung gefragt haben. Mehr als 100 Menschen fragten nach Hilfe, unter anderem wegen des Verdachts auf Mittelmeerfieber oder auf seltene Muskelerkrankungen, wegen gehäuften Auftretens von Krebserkrankungen in der Familie oder wegen der Sorge, wegen eines möglichen Gendefekts eventuell behinderte Kinder auf die Welt bringen zu können.

Der Bedarf an humangenetischen Beratungen kann in Marburg derzeit nicht gedeckt werden, darauf hatte schon der frühere Direktor des Instituts für Humangenetik Professor Stefan K. Bohlander hingewiesen. Patienten werden teils an Beratungsstellen in anderen Bundesländern verwiesen.

Professur ist nach wie vor unbesetzt

Mehr als ein Jahr nach dem Weggang von Professor Bohlanger ist die Professur nach wie vor nicht besetzt.

Dabei gibt es, so sieht es die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik (gfh), derzeit in der Medizin kein zweites Fach in der Medizin, das mehr zur Aufklärung von Krankheitsursachen beiträgt als die Humangenetik - ein Zukunftsfeld also und entscheidend für die Entwicklung der Medizin.

Marburg ist aber kein Einzelfall. In einem Schreiben an den Hessischen Wissenschaftsminister Boris Rhein, das der OP vorliegt, beklagt sich die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik über eine „bedenkliche Entwicklung an den Hochschulstandorten in Hessen“: Der Marburger Lehrstuhl verwaist, in Gießen fehlen Beratungskapazitäten, elementare methodische Neuerungen können nicht eingeführt werden, die Bedingungen für die Forschung verschlechterten sich weiter. In Frankfurt gar wurde der Lehrstuhl für Humangenetik seit 2004 nicht wiederbesetzt.

„Zusammenfassend stellt sich die Lage für uns so dar, dass an den drei hessischen medizinischen Fakultäten das Fach Humangenetik derzeit weder in der Lehre, Forschung noch in der Krankenversorgung auch nur hinsichtlich der Minimal-anforderungen vertreten ist“, schlussfolgert die Gesellschaft.

UKGM: Versorgung in Marburg gewährleistet

Der ärztliche Direktor des UKGM Professor Jochen A. Werner verweist im Gespräch mit der OP darauf, dass humangenetische Krankenversorgungen nicht nur am Institut für Humangenetik erfolgten. Werner verweist unter anderem auf die Molekularbiologie. Zudem arbeite das UKGM mit dem „Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Taunus“ eng zusammen. Das MVZ Taunus in Bad Homburg bietet ambulante Dienstleistungen in den Bereichen Nuklearmedizin und Radiologie, Humangenetik, Strahlentherapie und Gynäkologie an. Das UKGM ist „koordinierendes Mitglied“ des MVZ, so Werner. Ab kommendem Monat sei ein Humangenetiker des MVZ Taunus regelmäßig in Marburg.

So könnten weitere Verbesserungen in der Krankenversorgung erzielt werden, sagte Professor Werner.

Während die gfh darauf hinweist, dass auch die Forschung und die Facharztausbildung dieses zentralen Fachs in Hessen gefährdet seien, sieht dies der Dekan des Fachbereichs Medizin, Professor Helmut Schäfer, weniger dramatisch. „Professor Bohlander hatte einen Forschungsschwerpunkt auf dem Gebiet der Tumorgenetik und der molekularen Onkologie. Obwohl zurzeit die Professur für Humangenetik nicht besetzt ist, findet am Fachbereich an verschiedenen Stellen Forschung auf diesem und anderen einschlägigen Gebieten statt“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme des Dekans. Tumorforschung und Onkologie seien ja einer der Forschungsschwerpunkte des Fachbereichs Humanmedizin.

Die Professur für Humangenetik solle deswegen wieder besetzt werden, allerdings „in enger Abstimmung“ mit dem medizinischen Fachbereich in Gießen.

Ministerium verweist auf Autonomie der Hochschule

Wissenschaftsminister Boris Rhein spricht in einem Brief an die gfh, der der OP vorliegt, von einer „Arbeitsgruppe unter Federführung der beiden Medizindekanate“ und der Beteiligung beider Standorte des UKGM, die ein Zukunftskonzept zur universitären Humangenetik in Mittelhessen entwickeln solle. Konkreten Einfluss auf die Ausschreibung einer Professur nimmt das Ministerium nicht: Das Konzept für die Schwerpunktsetzung in der hessischen Hochschulmedizin, die sogenannte Quertapete, sehe zwar für die Humangenetik einen hessenweiten Schwerpunkt vor, aber auf die konkrete Frage nach Professuren verweist Ministeriumssprecher Marc Kohlbecher auf die „Autonomie der Hochschule“. Nur die Uni entscheide über die Ausschreibung von Professuren.

Die UKGM-Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher sieht „dringenden Handlungsbedarf“ für die Humangenetik. Es könne nicht sein, dass Patienten abgewiesen würden. Sie fordert die Schaffung der personellen Voraussetzungen, um Patienten adäquat behandeln und beraten zu können. „Die Politik darf da nicht wegschauen.“

von Till Conrad

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