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Zukunft für Kernchemie ist ungewiss

Uni-Politik Zukunft für Kernchemie ist ungewiss

Für einen Fortbestand des Traditionsfachs Kernchemie an der Uni Marburg setzt sich Professor Hartmut Jungclas ein.

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Kernchemie, Marburg. Carina Dirks. Foto: Tobias Hirsch

Marburg. Im Jahr 2009 wurde von Ehemaligen das 50-jährige Bestehen des Fachs Kernchemie an der Marburger Universität gefeiert. Die akademische Tradition hatte im Jahr 1959 begonnen, als der Professor Kurt Starke, Schüler des Nobelpreisträgers Otto Hahn, seine Professur an der Philipps-Universität antrat. Dies erzählt Professor Hartmut Jungclas im Gespräch mit der OP. Der seit 2006 eigentlich pensionierte Diplom-Physiker, der eine Habilitation in der Kernchemie vorweisen kann, hält die Fahne des Fachs an der Universität hoch. Ihm ist es zu verdanken, dass eine Ausbildung von Studierenden in der Kernchemie auch im Jahr 2013 erfolgt - und das acht Jahre nach dem Verzicht des Fachbereichs Chemie auf eine Nachfolge der Professur für das Fach Kernchemie.

Mit der Hilfe von Jungclas und Mitarbeitern seiner Arbeitsgruppe werden in dem „nichtchemischen Wahlpflichtfach“ Kernchemie Praktika und Seminare für jeweils acht bis 12 Studierende angeboten sowie eine Vorlesung, an der zwischen 40 und 100 Studierende teilnehmen. Mit Sorge beobachtet Jungclas, dass an der Marburger Universität nicht nur das Fachgebiet Kernchemie praktisch aufgegeben wurde, sondern dass auch der Fachbereich Physik seit über zehn Jahren das Fachgebiet Kernphysik nicht mehr anbietet. Dass die Universität nicht mehr auf Know-how in diesem Gebiet setzt, hält Jungclas für gesellschaftlich bedenklich.

„Für den Rückbau stillgelegter Kernkraftwerke brauchen wir für mehrere Jahrzehnte Experten wie Kernphysiker und Kernchemiker“, meint der Marburger Wissenschaftler. Also müssten Behörden und Bürger ein Interesse daran haben, dass weiter Fachleute ausgebildet würden, um den Ausstieg aus der Kernenergie fachlich zu begleiten. Dazu habe die Marburger Kernchemie in mehr als 50 Jahren einen wichtigen Beitrag geleistet. So hätten rund 100 Doktoranden des Fachs ihr Studium mit einer Promotion abgeschlossen. Alle Absolventen hätten einen Arbeitsplatz in Firmen, Aufsichtsbehörden oder Forschungszentren gefunden, berichtet Jungclas. Eine Blütezeit habe die Marburger Kernchemie in den 70-er Jahren erlebt, als es zeitweise drei Arbeitsgruppen mit bis zu 40 Mitarbeitern gegeben habe.

Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl wurden in der Kernchemie der Uni Marburg von Mai 1986 bis Februar 1987 mehr als 6800 Einzelproben daraufhin untersucht, ob sie aus dem Reaktor entwichene Radioaktivität aufwiesen.

Chemie-Dekan:Know-how wird benötigt

Die Luft-, Regenwasser-, Gras-, Boden- oder Muttermilchproben stammten zu 80 Prozent aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. Der Großteil der Proben wies nur eine sehr geringe Belastung auf und es ging für die Menschen von Tschernobyl keine Gesundheitsgefahr aus. Noch bis 2014 ist die Finanzierung der Kernchemie durch Drittmittel gesichert. Bei den aktuellen Forschungsarbeiten in der Marburger Kernchemie geht es beispielsweise um die Analyse von geringsten Spuren radioaktiver Stoffe sowie Qualitätskontrollen bei der Herstellung von Radiopharmaka für die Nuklearmedizin. Die Diplomchemikerin Carina Dirks entwickelt im Zuge ihrer Doktorarbeit neue Trennmethoden für radioaktive Elemente. Für die Forschungsarbeiten stehen Messgeräte wie ein Gamma-Spektrometer zur Verfügung.

Aus Sicht von Chemie-Dekan Professor Andreas Seubert wird das kernchemische Know-how in Deutschland noch sehr lange benötigt. Jedoch habe sich der Schwerpunkt in der aktuellen Forschung eher auf die Aspekte verschoben, die mit der Nuklearmedizin in Verbindung stehen wie beispielsweise der radiochemischen Diagnostik oder der Krebs- und Tumorbehandlung, erläuterte der Dekan im Gespräch mit der OP. Der Fachbereich Chemie stecke seine finanziellen Ressourcen seit einigen Jahren in zukunfts- und forschungsförderungsträchtigere Gebiete wie der Chemischen Biologie oder der Materialchemie, sagte Seubert.

Dennoch sieht der Chemie-Dekan eine Zukunftschance für die Kernchemie an der Uni und zwar in Kombination mit der Besetzung der seit einigen Jahren vakanten Professur in der Nuklearmedizin. „Es wäre eine Chance für den Fortbestand der Kernchemie, wenn man den neuen Nuklearmediziner dafür interessieren könne“, sagt auch die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause. Eine mögliche Variante wäre es, wenn zusätzlich zu dem neuen Nuklearmediziner ein Wissenschaftler des Fachgebiets Radiochemie verpflichtet würde, der die Kernchemie mit neuem wissenschaftlichen Leben füllen könne.

Als besonders wertvoll sieht Seubert es an, dass es in der Marburger Kernchemie einen gut ausgestatteten Kontrollbereich gebe, in dem mit offenen radioaktiven Stoffen umgegangen werden kann. „Der Fachbereich Chemie würde sich zudem freuen, wenn es weitere Ausbildungsangebote im Bereich der Kernchemie gebe“, macht Seubert deutlich.

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