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Zuhören kann Erste Hilfe sein

Telefonseelsorge Zuhören kann Erste Hilfe sein

Die Nummer gegen Kummer: Am Abend kommen die meisten Anrufe bei der Telefonseelsorge an. Um diese Zeit spüren viele Menschen die Einsamkeit, Angst oder Trauer.

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Dieter Schaible (links) ist Vorsitzender des Vereins Telefonseelsorge Marburg. Pfarrer Sven Kepper ist als Leiter und Geschäftsführer der einzige hauptamtliche Mitarbeiter. Der Sitz des Büros wird nicht bekanntgegeben, um die Ehrenamtlichen zu schützen.

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. Wenn andere Menschen zu Abend essen, ihre Kinder zu Bett bringen, ins Kino gehen oder vor dem Fernseher sitzen, gibt es Frauen und Männer, die einfach nur reden, weinen, in den Arm genommen werden wollen. Sie sind einsam, können ihre Trauer, ihre Ängste mit keinem aus ihrem Umfeld teilen.

Für diese Menschen kann die Telefonseelsorge der Ausweg aus dem Teufelskreis der eigenen Gedanken sein. Wer die Nummer 08 00/111 0 111 oder 08 00/111 0 222 wählt, erreicht einen Mann oder eine Frau, die zuhören. Manchmal sogar stundenlang, im Schnitt eine Stunde, sagt Sven Kepper.

Der evangelische Pfarrer ist Leiter der Marburger Telefonseelsorge und übernimmt auch Telefondienste, spricht mit Menschen, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen. Bis auf Kepper sind alle anderen 35 Telefonseelsorger, die in Marburg ehrenamtlich arbeiten, anonym. Anrufer und Seelsorger sollen sicher sein, dass, wenn sie miteinander sprechen, kein Dritter davon erfährt.

Die Anrufer sollen aber auch nicht den Anspruch haben, den Seelsorger auch auf der Straße oder privat zu kontaktieren – der Schutz gilt für beide Seiten. „Viele Anrufer teilen uns aber den Namen freiwillig mit“, sagt Kepper. Die Telefonseelsorge gibt es seit 60 Jahren in Deutschland, vor 40 Jahren gründete sich ein Verein in Marburg.

Ehrenamtlich Menschen als Seelsorger begleitet

Seit 20 Jahren ist Dieter Schaible dabei, seit zehn Jahren ist er Vorsitzender der Telefonseelsorge in Marburg. Der 73-Jährige war bis zu seinem Ruhestand Geschäftsführer der Firma Chiron Behring – heute GSK. Mit Personalführung kennt er sich nicht nur beruflich aus, seit Jahrzehnten begleitet er ehrenamtlich Menschen als Seelsorger.

Als Vorsitzender fühlt er sich insbesondere für die ehrenamtlichen Telefonseelsorger verantwortlich: Er ist daher nicht mehr selbst an der Kummer-Hotline zu sprechen, sondern kümmert sich um das Wohl der Mitarbeiter. Auch sie benötigen Supervision und regelmäßigen Austausch, um so manches Gespräch zu verarbeiten, sagt er.

30 Prozent der Anrufer werden von Beziehungsproblemen geplagt: Ärger mit dem Partner, Sorgen mit den Eltern, Kindern oder zerbrochene Freundschaften sind die Hintergründe. Etwas mehr als 20 Prozent der Menschen, die die Telefonseelsorge kontaktieren, sind körperlich krank oder haben psychische Probleme.

Nur ein kleiner Prozentsatz der Anrufer gäbe Selbstmordabsichten zu erkennen. Nach Naturkatastrophen oder schweren Unglücken rufen mehr Menschen an, so die Erfahrungswerte der Telefonseelsorger. „Wir sind der gesellschaftliche Seismograph“, so Kepper. Als die Kanzlerin vor einem Jahr die Grenzen für Flüchtlinge öffnen ließ, fragten Anrufer: „Schaffen wir das wirklich?“, berichtet Kepper.

"Wir nehmen jede Sorge ernst"

Die meisten der 9 800 Anrufer pro Jahr in Marburg sind Frauen zwischen 30 und 50 Jahren. „Ältere Menschen rufen nicht so häufig an. Das ist die Generation, die über Probleme nicht spricht“, weiß Schaible. Und Jugendliche, so mutmaßen Kepper und Schaible, wenden sich eher an den Kindernotruf oder bevorzugen soziale Medien.

Die Telefonseelsorge, die sich als Ausdruck der diakonischen Verantwortung der christlichen Kirchen und Gemeinden sieht, hat Grundsätze: „Wir nehmen jede Sorge ernst.“ Jeder Mensch, egal welcher Herkunft oder Konfession, darf jede Sorge vortragen. Auch diejenigen, die sofort auflegen, werden statistisch erfasst – 977 im Jahr 2015.

„Das sind diejenigen, die vielleicht doch nicht die Kraft haben, zu sprechen“, so Kepper. Scherzanrufe gibt es immer weniger, sagt er. Noch ein Grundsatz: „Wir beraten nicht.“ Allerdings haben die Telefonseelsorger, die für ihre ehrenamtliche Arbeit ausgebildet wurden, Adressen und Nummern von Beratungsstellen, auf die sie verweisen.

„Manchmal berichten Menschen von starken körperlichen Schmerzen. Wenn ich frage, ob sie beim Arzt waren, verneinen sie dies. Dann frage ich, warum sie nicht zum Arzt gehen“, erzählt der Seelsorger. So manches Mal sei der anonyme Anruf der erste Schritt, um vorwärts zu kommen, um banale Dinge in den Griff zu bekommen oder einfach nur, um schlafen zu können. Gab es schon mal stundenlang keine Anrufer? Schaible und Kepper lachen.

„So etwas kommt nie vor“, sagt Schaible. Weil es rund um die Uhr Gesprächsbedarf gibt, sucht die Telefonseelsorge ehrenamtliche Mitarbeiter. Im November startet ein kostenfreier Kurs für Interessierte, die sich Donnerstagabends unter anderem in Gesprächsführung schulen lassen. Wer sich dem Team anschließt, erhält sechs Fortbildungen im Jahr. Nähere Infos bei Sven ­Kepper unter 0  64 23/96 92 72.

Hintergrund
Die Telefonseelsorge Marburg ist ein eigenständiger Verein, er wird vom Diakonischen Werk unterstützt. Die evangelische Kirche und die katholische Kirche tragen einen Teil der Kosten. Tag und Nacht erreichbar: 08 00/111 0 111 oder 08 00/111 0 222.
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