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Zugriff in wenigen Sekunden

Festgenommener Waffenhändler Zugriff in wenigen Sekunden

Dem 31-jährigen Marburger, der dem Amokläufer von München die Waffen lieferte, drohen mehrere Jahre Haft. Der Zugriff durch eine Spezialeinheit erfolgte auf den Parkplätzen unter der B3-Brücke.

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Bei den Parkplätzen unter der Marburger Stadtautobahn ging der Waffenhändler den Fahndern ins Netz. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg/Frankfurt. 24 Stunden nach der Festnahme des Waffenhändlers in der Nähe des Bahnhofs scheint alles ganz normal zu sein: Die Sonne scheint. Im Minutentakt fahren Busse auf den neugestalteten Bahnhofsvorplatz, Menschen steigen aus und ein. Doch der Schein trügt, die Marburger sind geschockt: „Ganz schlimm. Ich konnte gar nicht einschlafen“, sagt Simone Gönnewig im Gespräch mit der OP. Seit elf Jahren arbeitet sie im „Bistro Treffpunkt“ direkt am Bahnhof, noch nie habe sie sich so unsicher gefühlt wie jetzt. Von der Festnahme des Waffenhändlers habe sie „rein gar nichts mitbekommen“ und auch die anderen Ladenbetreiber rund um den Busbahnhof, mit denen die OP sprach, haben von dem Polizeieinsatz nichts bemerkt.

Kein Wunder, der Zugriff erfolgte binnen weniger Sekunden auf den Parkplätzen unterhalb der Stadtautobahn, wie der Leiter des Zollfahndungsamtes Frankfurt, Markus Töngerlemann, der OP am Rande der Pressekonferenz in Frankfurt mitteilte. Die Spezialeinsatzkräfte der „Zentralen Unterstützungsgruppe Zoll“ aus Köln habe sich dem 31-jährigen Marburger unbemerkt genähert und somit einen Überraschungseffekt beim Zugriff genutzt. Der Waffenhändler hatte zu seinem eigenen Schutz eine durchgeladene halbautomatische Pistole dabei. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sich damit gegen einen Übergriff hätte schützen wollen“, sagte Alexander Badle, Pressesprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Aufgrund der erfolgreichen Taktik des Spezialkommandos aber sei „weder dem Täter noch sonst jemandem etwas passiert“, so Töngerlemann.

Die Ermittler waren dem Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit auf die Spur gekommen, indem sie sich im sogenannten „Darknet“, einem verschlüsselten Bereich des Internets, als potenzieller Käufer ausgegeben hatten. Bei der geplanten Übergabe der Waffen im Wert von 8000 Euro erfolgte der Zugriff. Die Maschinenpistole und die Pistole samt Munition hielt der Mann in seinem Pkw, an dem er die Kennzeichen entfernt hatte, zurück. Berichte, wonach die Freundin in der Nähe mit einem Gitarrenkoffer gewartet habe, bestätigten sich somit nicht. Allerdings seien vorherige Waffengeschäfte mit einem 17-Jährigen aus Nordhessen tatsächlich „in diesem Italo-Western-Style“ abgelaufen, sagte Badle. Dabei sei ein leerer Koffer gegen einen mit den Waffen ausgetauscht worden.

Lebensgefährtin vorläufig wieder frei

Darauf, dass die Lebensgefährtin an dem von den Ermittlern fingierten Deal unmittelbar beteiligt gewesen sei, gebe es keine konkreten Hinweise, vermutet wird allerdings, dass sie generell bei den Geschäften „im weiteren Sinne eingebunden“ gewesen sei. Sie wurde nach der Festnahme ihres Freundes ebenfalls in Gewahrsam genommen. Da gegen die ebenfalls 31-Jährige aber keine ausreichenden Haftgründe vorliegen, wurde sie von der Polizei jedoch zunächst wieder freigelassen. Es wird weiterhin gegen sie ermittelt. Der Waffenhändler selbst ist nach seiner Vorführung vor dem Marburger Haftrichter hingegen in Untersuchungshaft.

Der Verkauf von Waffen an den Mann, der am 22. Juli einen Amoklauf in München verübt hatte, war nicht das erste Waffengeschäft des 31-Jährigen, der sich offenbar in diesem Bereich auskannte. „Man braucht eine gewisse Waffenaffinität, um damit erfolgreich handeln zu können“, erklärte Badle. Einen Waffenschein besaß der Marburger jedoch nicht. Woher er seine Ware beschaffte, bleibt daher nach aktuellem Ermittlungsstand zunächst unklar. Hans-Jürgen Schmidt, Pressesprecher des Zollfahndungsamtes, bestätigte allerdings auf Nachfrage am Rande der Konferenz, dass zumindest die am Körper getragene Pistole vermutlich aus Tschechien oder der Slowakei stamme.

Der „arbeitslose Verkäufer“ habe sich mit dem Waffenhandel quasi „seinen Lebensunterhalt verdient“, sagte Badle. In der Wohnung wurde am Dienstagabend eine Kiste mit weiterer Munition gefunden. Zudem gab der Mann den Beamten einen Hinweis, auf den hin sie weitere Waffen nahe einer Autobahn in Köln fanden. Bei der Polizei war er zuvor nicht auffällig geworden, dennoch drohen ihm nun mehrere Jahre Haft. „Ich wage die Prognose, dass er nicht auf freien Fuß kommen wird“, sagte Badle.

Auf die Spur gekommen waren die Fahnder dem Waffendealer aufgrund zweier weiterer Geschäfte. Mit einem 62-jährigen Buchhalter aus Nordrhein-Westfalen hatte am 4. Juni nicht ein Verkauf, sondern ein Waffentausch stattgefunden. „Das ist in der Szene nicht unüblich“, hieß es. Ein 17-Jähriger aus Nordhessen kaufte in der ersten Julihälfte ein Repetiergewehr zum Preis von 1150 Euro - Hinweise auf konkrete Verwendungsabsichten durch diese beiden Käufer haben die Beamten nicht. Laut Badle sei der Verdacht gegen den 31-Jährigen erst eine Woche nach dem Amoklauf im Münchener Olympiazentrum aufgekommen, sodass „wir diese schreckliche Tat leider auch nicht verhindern konnten“.

Zwischen dem Amokläufer und dem Marburger hatte es zwei Treffen gegeben. Eines am 20. Mai, bei dem es zum Kauf der später verwendeten Pistole kam. Ein weiteres Treffen fand am 18. Juli, also gerade einmal vier Tage vor der Bluttat statt - dort erstand der Täter die passende Munition. Der Münchener reiste dabei jeweils mit dem Fernbus an. Während der Kommunikation mit den Ermittlern hatte der 31-Jährige mit dem Verkauf der Tatwaffe an den Amokläufer geprahlt. Nach der Festnahme gestand er den Verkauf auch gegenüber der Polizei. Ob er jedoch von den Amokabsichten wusste, konnte gestern nicht beantwortet werden.Über mögliche politische Motive des Waffenhändlers wurde ebenfalls nichts bekannt.

Darknet „nicht anonym und risikolos“

Generalstaatsanwaltschaft und Zollfahndung nutzten die Pressekonferenz, um auf das Zustandekommen des Ermittlungserfolges hinzuweisen. „Diese Dinge fallen nicht vom Himmel“, erklärte Günter Wittig, Abteilungsleiter der Zentralstelle für Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft. „Früher wurden diese Geschäfte in einer dunklen Bahnhofsecke gemacht, heute verlagern sich die Aktivitäten ins Netz - das wird noch nicht von jedem ernstgenommen“, so Wittich. Es muss ein Umdenkprozess vom Analogen ins Digitale stattfinden“, forderte er. Das Land Hessen sei allerdings auf diesem Feld bundesweiter Vorreiter.

„Wir sind nicht in diesen Ermittlungserfolg hineingestolpert“, pflichtete ihm auch Badle bei. „Dafür braucht man szenekundige Beamte“. Langfristig sei daher auch mehr Personal bei den Staatsanwälten nötig, denn „das Netz wirkt wie ein Brandbeschleuniger für kriminelle Strukturen“.

Von der Festnahme in Marburg erhoffen sich die Ermittler nun aber auch ein eindeutiges Signal. „Kriminelle glauben, im Darknet kann man anonym und risikolos sein Unwesen treiben. Unser Erfolg zeigt: Das ist nicht so“, sagte Wittich.

von Peter Gassner und Nadine Weigel

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