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Zu viele Vorstrafen: Berufung scheitert

Aus dem Landgericht Zu viele Vorstrafen: Berufung scheitert

Vor dem Landgericht wurde unter Vorsitz von Dr. Frank Oehm über die Berufung eines mehrfach vorbestraften 27-jährigen Marburgers verhandelt.

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Die Berufungsverhandlung fand vor dem Marburger Landgericht statt.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Der Angeklagte hatte versucht, in Wehrda durch das Austauschen von Etiketten einen hochwertigen Pullover unter Wert zu erwerben. Die Straftat an sich hätte zwar üblicherweise zur Bewährung ausgesetzt werden können, erhielt aber vor dem Hintergrund diverser Vorstrafen besonderes Gewicht.

„In erster Instanz ist mein Mandant vor dem Amtsgericht zu sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. Das würde bedeuten, dass wahrscheinlich auch zwei Bewährungsstrafen aus der Vergangenheit widerrufen würden. Angesichts seiner deutlich verbesserten Lebenslage möchte ich heute um ein milderes Urteil bitten, sodass eine Gefängnisstrafe verhindert werden kann“, erklärte der Verteidiger. Darüber hinaus wiesen der Angeklagte und sein Anwalt auf den besonders schweren Lebensweg des Angeklagten hin. „Nachdem sein Vater kurz nach der Geburt in die USA zurückkehrte, hat ihn seine Mutter nie akzeptiert und der Stiefvater mehrfach misshandelt. Zwar hat sich später seine Tante um ihn gekümmert, da seine Mutter immerhin selbst für acht Jahre im Gefängnis landete, aber auch in deren Familie gab es Probleme mit dem Gesetz“, sagte der Verteidiger.

Was folgte war ein Leben mit mangelhafter Bildung, Drogenabhängigkeit und stetig wiederkehrenden Konflikten mit dem Gesetz. Bis heute blieb der Mann Analphabet. Neben mehreren Jugendstrafen häufte der Beklagte auch nach dem 18. Lebensjahr weiter Verurteilungen in insgesamt 13 Fällen an, darunter Körperverletzungen und Diebstähle, vor allem aber fuhr er immer wieder ohne gültige Fahrerlaubnis unter Alkohol- und Drogeneinfluss Auto. Zwar hatte er - als dies noch legal war, günstig eine Fahrerlaubnis in Tschechien erworben - diese war ihm aber wegen zu vieler Punkte entzogen worden.

Richter: „Das war keineTat aus der Not heraus“

Bei den meisten weiteren Straftaten handelte es sich um kleinere Delikte. Im Jahr 2011 hatte es jedoch eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten für das Fahren ohne Fahrerlaubnis unter Alkoholeinfluss gegeben und 2012 war er für gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen zu einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung verurteilt worden.

„Wenn ich jetzt keine Bewährung kriege, kommt das alles noch dazu, nur wegen einem Pulli. Ich habe jetzt endlich einen Praktikumsplatz und weise seit vier Monaten nach, dass ich clean bin, um meinen Führerschein neu machen zu dürfen. Ich habe einen siebenjährigen Sohn, der kriegt das doch voll mit, wenn sein Vater jetzt so lange ins Gefängnis muss“, sagte der Angeklagte in seinen abschließenden Worten.

Die Staatsanwaltschaft räumte zwar ein, dass Tendenzen zur Besserung klar erkennbar waren, sah aber mit Blick auf die Vorstrafen keine Möglichkeit für eine weitere Bewährung oder Geldstrafe. Richter Oehm folgte diesem Plädoyer und lehnte die Berufung entsprechend ab, dazu erklärte er: „Es steht nach Akteneinsicht zwar außer Frage, dass sie es schwer hatten als Kind, und ich sehe auch, dass sie sich jetzt bemühen. Aber Tatsache ist, dass sie allein vier Straftaten nach der ersten und drei nach der zweiten Bewährung begangen haben, was zeigt, dass sie diese Bewährungsstrafen gar nicht interessiert haben. Sie waren bei dem Betrugsversuch im Bekleidungsgeschäft 27 Jahre alt, da wiegt die Vergangenheit auch nicht mehr so schwer. Davon mal abgesehen, haben sie versucht, einen sehr teuren Pullover günstiger zu bekommen, das war keine Tat aus der Not heraus, sie wollten ihn einfach haben und dachten nicht an die Konsequenzen. Daher denken wir, dass jetzt endlich etwas passieren muss, vermutlich hätte das schon früher passieren müssen. Sie haben möglicherweise im offenen Vollzug Gelegenheit, weiter in dem Frisörladen zu arbeiten, auch Alphabetisierungskurse gibt es, nutzen sie diese Chance.“

von Marcus Hergenhan

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