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Zu Gast im Lahnberge-Gruselkabinett

Wissenschaftliche Sammlung in der Hautklinik Zu Gast im Lahnberge-Gruselkabinett

Sie waren Lehrmittel für herangehende Ärzte, Anschauungsmedium bei der medizinischen Diagnostik, halfen bei der Volksaufklärung über Geschlechtskrankheiten und befriedigten menschliche Schaulust: Wachsmoulagen.

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Dr. Hannelore Mittag wacht über die Wachsmoulagen, eine wissenschaftliche Sammlung in der Hautklinik.

Quelle: Suria Reiche

Marburg. Ein wenig schaurig ist es schon, durch den langen Gang in der Klinik für Dermatologie und Allergologie des Universitätsklinikums auf den Lahnbergen zu laufen.

Während auf der rechten Seite alte Gemälde hängen, auf denen Menschen mit Hautkrankheiten zu sehen sind, kann man beim Blick auf die linke Seite schon einen gehörigen Schreck bekommen: In einem langen Schaukasten reihen sich täuschend echt aussehende Exponate aus Wachs, die ebenfalls Hautkrankheiten zeigen.

Hier ein 
Baby-Bein, das durch eine solche Krankheit verfärbt und beharrt ist, dort eine Hand, auf der sich deutlich kreisförmige Rötungen abzeichnen, ein Stück weiter ein Oberkörper, der über und über mit weißen Schuppen versehen ist. Alles lebensecht dargestellt, 
alles realistisch.

Sammlung zählte rund 500 Exponate

Wachsmoulagen nennt man diese Kunstwerke. Farbige, dreidimensionale anatomische Wachspräperate. In ihrer Blütezeit im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden sie hauptsächlich in der Dermatologie, aber auch in anderen medizinischen Bereichen eingesetzt, um ein plastisches Anschauungsmedium bei der medizinischen Diagnostik sowie der akademischen Lehre zu haben.

„Galewskys Gruselkabinett“ titelte eine Zeitung vor gar nicht allzu langer Zeit über diese Vitrinen in der Hautklinik. Professor Eugen Emanuel Galewsky (1864-1935) war es nämlich, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts aktiv für die Verwendung von Moulagen bei der Gesundheitsaufklärung eingesetzt haben soll. Ungefähr 500 Exponate soll seine Sammlung an Wachsmoulagen gezählt haben.

Der größte Teil gilt heute als verschollen. Ein kleiner jedoch ging in den Besitz der Marburger Hautklinik über. Dort, so erinnert sich Oberärztin Dr. Hannelore Mittag, haben die empfindlichen Exponate lange Zeit auf einem Dachboden gelagert, nur ein kleiner Teil sei im Hörsaal der Klinik ausgestellt gewesen.

„Beim Umzug auf die Lahnberge mussten wir dann feststellen, dass die Exponate, die auf dem Boden lagerten, verschollen waren“, bedauert sie. Aber immerhin: Zwölf sind erhalten geblieben. Initiiert hat den Rundgang an diesem Samstag (siehe Infokasten) Gabriele Clement von der Volkshochschule.

Moulagen entstanden in künstlerischer Handarbeit

„Es gibt so viele wissenschaftliche Sammlungen in der Stadt, von denen niemand weiß oder zu denen es einen sehr schlechten Zugang gibt. Das wollen wir mit einem solchen Rundgang in jedem Semester ändern“, sagt sie und betont gleichzeitig die Kunstfertigkeit, mit der die Moulagen vor mehr als hundert Jahren hergestellt wurden. „Sie sind nicht nur medizin-, sondern auch kunsthistorisch sehr interessant.“

Und tatsächlich: Das, was man in den Vitrinen sehen kann, zeigt, was für ein Talent die Künstler gehabt haben müssen und welch Zeitaufwand 
sie in Kauf nehmen mussten. „Für die Herstellung wurde zuerst die erkrankte Körperregion mit Gips abgeformt“, erklärt Mittag. Auf diese Weise bekomme man eine Negativform, die man dann mit Wachs ausgoss. Diesen Ausguss bemalte der Moulageur dann und brachte je nach Krankheitsbild Schuppen oder Blasen aus Wachs und Haare an.

Darüber sowie über die Herkunft, den Erhalt und die Ausbreitung der Wachsmoulagen können sich Interessierte bei dem Rundgang, den Mittag gemeinsam mit der VHS veranstaltet, informieren. „Und tatsächlich könnte ich bei Interesse auch zu jedem einzelnen Exponat einiges erzählen“, fügt Mittag hinzu.

von Suria Reiche

 
 Rundgang diesen Samstag
Die Volkshochschule Marburg-Biedenkopf bietet diesen Samstag um 14 Uhr einen Rundgang durch die Moulagen-sammlung an. Ort: Klinik für Dermatologie (Baldinger
straße, Lahnberge).
 
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