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Zoff um Kurs in der Flüchtlings-Betreuung

Vorwürfe gegen „European Homecare“ Zoff um Kurs in der Flüchtlings-Betreuung

Flüchtlingshelfer prangern Probleme mit dem Betreiber des Cappeler Flüchtlings-Camps an. Das Unternehmen „European Homecare“ hat nach OP-Informationen kürzlich mehrere beliebte Marburger Mitarbeiter entlassen.

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In der Universitätsstadt werden Vorwürfe gegen die Firma „European Homecare“ laut. Das Unternehmen betreut neben der Erstaufnahme in Marburg noch fünf weitere mittelhessische Flüchtlings-Camps.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Strafaktionen gegen Flüchtlinge, Kooperations-Stopp, Entlassung fürsorglicher Sozialbetreuer: Diese Vorwürfe werden in Marburg gegenüber dem Betreiber der Erstaufnahme-Einrichtung, EHC aus Essen, erhoben.

„Es wird immer problematischer mit diesem Unternehmen. Diejenigen, die mit uns gut zusammengearbeitet haben, die sich leidenschaftlich um das Wohl der Menschen kümmern, sind raus, werden von heute auf morgen entlassen. Es ist die reinste Enttäuschung, die Unzufriedenheit ist riesengroß“, sagt ein hochrangiger Verwaltungsmitarbeiter, der anonym bleiben möchte, zur OP.

EHC erhöhe seit Wochen den Druck sowohl auf die eigenen Angestellten als auch auf die Flüchtlinge selbst, sagt Karl-Otto Beckmann, Ombudsmann im Camp. 
Zunehmend gebe es einen 
„repressiven Kurs“, was zu erhöhten Spannungen führe. Dass es zuletzt immer wieder Unmut gab, bestätigt Gabriele Fischer, Sprecherin des Regierungspräsidiums Gießen. Es komme „gelegentlich zu Beschwerden von Flüchtlingen“.

Datenmanipulation durch EHC-Mitarbeiter?

Nach OP-Informationen existieren jedoch verwaltungsinterne Unterlagen, die dubiose Vorfälle in der Erstaufnahme dokumentieren. So sollen mindestens zwei Flüchtlinge von dem Betreiber kürzlich nach kritischen Äußerungen sanktioniert, in die Massenunterkunft nach Gießen strafversetzt worden sein. „EHC darf gar niemanden transferieren, das liegt nur in der Kompetenz des RP“, sagt Dieter Unseld, Anwalt für Ausländerrecht auf OP-Anfrage.

Ein interner, mehrseitiger Sicherheitsbehörden-Vermerk vom 22. Dezember 2015 deutet zudem auf Datenmanipulation bei der Erfassung mehrerer Flüchtlinge durch EHC-Mitarbeiter hin. So sollen in Marburg registrierte Asylbewerber aus den Datenbanken verschwunden sein. Nach Einschätzung von Juristen wäre das „strafrechtlich 
relevant“. Das RP ist sich indes sicher, dass „etwaige Defizite“ auffallen würden, weil eigenes Personal regelmäßig vor Ort sei.

In seiner Unternehmensbeschreibung schildert „European Homecare“ sein Eigenbild: Als „oberster ethischer Grundsatz“ gelte, Asylbewerbern mit „Würde, Offenheit, respektvollem und nichtrepressivem Umgang“ zu begegnen. Gleichsam garantiert die Firma eine „störungsfreie und effiziente Auftragserfüllung“ im Sinne der öffentlichen Auftraggeber. Dazu entwickele man „wirkungsorientierte und flexible Konzepte, die zu einem effizienten und verantwortungsbewussten Einsatz öffentlicher Mittel“ führten.

Keine Angaben zu Entlassungsgründen

Die eigenen Angestellten würden „besonders sorgfältig ausgewählt“. Für die Betreuung der Asylbewerber und Flüchtlinge beschäftige man nur „Menschen, die für diese Aufgabe in besonderer Weise geeignet sind“.

Das Unternehmen bestätigt auf OP-Anfrage die Kündigungen von mehreren Mitarbeitern – darunter die ehemalige Camp-Leiterin. „Wir haben 
einige Personalentscheidungen notwendigerweise korrigiert – zum Leidwesen der Betroffenen, zum Glück für uns und die professionelle Arbeit in der Einrichtung“, sagt Klaus Kocks, Unternehmenssprecher. Die genauen Gründe für die Entlassungen der von Marburgern als „die besten, die engagiertesten Betreuer“ bezeichneten Ex-Angestellten will die Firma nicht nennen. „Nur so viel: Alle Underperformer halten sich für Overperformer“, sagt Kocks.

Camp-Angestellte berichten zudem, dass es in den vergangenen Monaten aufgrund von Betreuungs-Bevorzugung einzelner Flüchtlings-Gruppen (Christen) gegenüber anderen (Muslimen) durch eine Gruppe von Sozialpädagogen verstärkt zu Spannungen im Camp gekommen ist. Kocks äußert sich dazu nicht. Jedoch: „Wir werden unsere professionelle Arbeit beibehalten, unabhängig davon, ob das bei dem Marburger Freundeskreis der Flüchtlinge schlecht ankommt.“

Ex-OB Vaupel: „Ein deutlich
gestörtes Verhältnis“

Die Stadtverwaltung droht nun ihren Einfluss im Camp zu verlieren. Ehrenamtliche, etwa die von der Kommune eingesetzten Ombudspersonen Beckmann und Shaima Ghafury , die sich seit Sommer um Probleme im Camp kümmerten und auch dem Magistrat Rückmeldung über Entwicklungen geben, werden ignoriert. Tägliche Lage-Besprechungen, die bis zum Personalaustausch im Camp Standard waren, 
gebe es nicht mehr, sagt Beckmann. „Kommunikation ist kaum noch möglich – mit allen Folge-Schwierigkeiten.“

Ex-Oberbürgermeister Egon Vaupel zeigt sich auf OP-Anfrage bestürzt über den Trend: „Der anfangs gefahrene Kurs ist verlassen worden. Es gibt eine diametrale Entwicklung der Flüchtlingsarbeit.“ Es habe sich ein „deutlich gestörtes Verhältnis“ entwickelt.

Verwerfungen mit dem Unternehmen sind deutschlandweit bekannt. So verteilten Mitarbeiter im Bezirk des RP Freiburg im Herbst 2015 einschüchternde Hausordnungen an Flüchtlinge. In dem „Verkürzten Sprechzettel zur Begrüßung“, der nach öffentlichem Druck geändert wurde, ist behauptet worden, dass Asylanträge derjenigen abgelehnt würden, die Regeln nicht befolgen.

Zudem kommen immer wieder Rassismus-Vorwürfe gegen EHC-Mitarbeiter oder der von ihnen beauftragten Firmen – etwa private Sicherheitsdienste – auf. Bekannt wurde EHC im Zuge der Misshandlung von Flüchtlingen durch Wachmänner in mehreren Unterkünften im Herbst 2014. Bis Ende seiner Amtszeit, sagt Vaupel, habe er die Betreiberfirma häufig gelobt, „weil sich bis dato nichts von all den Vorurteilen bewahrheitete“.

„System der Repressalien“

Die Konflikte zwischen Marburger Flüchtlingshelfern und EHC sollen mit der Ausschreibung begonnen haben. Das Regierungspräsidium Gießen 
habe dies vor wenigen Monaten zwar formell korrekt durchgeführt, jedoch – so lautet Vaupels Vorwurf – ohne konkrete Vergabe-Kriterien aufzunehmen, die aus Sicht der Marburger Stadtverwaltung wichtig gewesen wären.

Vor allem: „Die Vernetzung der Erstaufnahme-Einrichtung, der Camp-Leitung mit den örtlichen Strukturen und in der Stadt ansässigen Personen“, sagt Vaupel. 
 Ohne diese Vorgaben könne eine lokale Einbindung nicht gelingen, schon gar nicht mit einer gewinnorientierten, bundesweit tätigen Firma. „An der Einrichtung eines Wohnbezirks ist denen nicht gelegen. Vielmehr wird eine Lagermentalität und ein System der Repressalien verfestigt“, sagt der hochrangige Verwaltungsmitarbeiter.

Das Regierungspräsidium erläutert auf OP-Anfrage einige der entscheidenden Kriterien für die Wahl von EHC: Deren Angebot sei „das wirtschaftlichste“ gewesen, sagt Fischer. Neben der Grundbetreuung, die etwa die Zuweisung der Unterkünfte, die Ausgabe der Erstausstattung und die Organisation der Essensausgabe umfasse, „spielen auch die Sozialbetreuung sowie Pflichten für den Personaleinsatz – beispielsweise nur sozialversicherungspflichtiges, der deutschen Sprache mächtiges Personal, keine vorbestraften Personen, erweitertes Führungszeugnis, Zuverlässigkeitsüberprüfung durch die Polizeibehörde – eine Rolle“, sagt sie.

In Mittelhessen ist „European Homecare“ für sechs Erstaufnahme-Einrichtungen zuständig. Der Vertrag in Marburg gilt bis 31. Dezember 2016. Dieser sei von Seiten des RP vorzeitig kündbar – „wenn vertragliche Regelungen nicht eingehalten werden“, sagt Fischer. Magistrats-Vertreter haben wohl kürzlich Gespräche mit dem RP geführt, um Möglichkeiten eines Betreiberwechsels auszuloten – wohl vergeblich.

von Björn Wisker

 
Gewinn-Geschäft
European Homecare ist Marktführer der Flüchtlingsheim-Betreiber. Von 2008 bis 2013 vervierfachte sich der Umsatz des Unternehmens. Zwischen 2012 und 2013 stieg er um 72 Prozent auf 16,7 Millionen Euro, der Gewinn verdoppelte sich auf mehr als 1,4 Millionen Euro. Fünf Jahre zuvor steckte die Firma noch tief in den roten Zahlen. „Der aktuelle Anstieg erklärt sich durch die gestiegene Zahl an Asylbewerbern sowie die Sicherung neuer Projekte“, schreibt das Unternehmen in seiner im Bundesanzeiger veröffentlichten Bilanz. Aktuellere Zahlen gibt es nicht – 
Experten schätzen, dass die Gewinne weiter gestiegen sind und steigen. Das Geld kommt vom Steuerzahler.
 
Inkompatible 
Modelle
Die Integration von tausenden Flüchtlingen wird nur über Interesse, Nähe und Empathie gelingen. Nicht umsonst gilt der Marburger Weg, der eine enge Verzahnung von ehrenamtlicher und professioneller Betreuungsarbeit schon in der Erstaufnahme vorsieht, deutschlandweit als vorbildlich, wird ein Handlungs-Leitfaden in der ganzen Republik verteilt. Die nachvollziehbare Arbeitsweise von „European Homecare“, eingesetzt vom RP Gießen, scheint im Gegensatz zu diesem Ansatz zu stehen: Professionelle Distanz, nüchterner Umgang der Sozialbetreuer mit allen Flüchtlingen. Jedoch ist es unmöglich, menschliche Emotionen auszuschalten. Flüchtlingsarbeit ist Arbeit mit Menschen, kein theoretisch-technokratisches Gewerkel im klinisch-sterilen Labor. Zum Problem wird Empathie aber dann, wenn enge Bindungen, Beziehungen zu bestimmten Menschen, Gruppen, Kulturen aufgebaut werden – auf Kosten anderer Flüchtlinge. Wer im Streit um die Betreuer-Entlassungen auch immer recht hat: Es sind die grundsätzlichen Modelle von Stadt und RP Gießen – via Anbieter „European Homecare“ – die inkompatibel sind. Das hätte man vorher wissen, sich auf eine Haltung, einen Weg einigen müssen.
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