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Zoff um Ausbau von Ferienwohnungen

Mieten Zoff um Ausbau von Ferienwohnungen

Ein Wohnkomplex in der Cappeler Straße besteht aus einem Mix aus regulären Wohnungen und Ferien-Zimmern. Letztere seien zuletzt massiv angewachsen, kritisiert Bewohner Franz Pietsch – ein Trend in ganz Marburg?

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Bewohner contra Touristen: Im Wohnkomplex an der Cappeler Straße gibt es Streit, weil die Zahl der Ferienwohnungen in den vergangenen Jahren gestiegen ist, private Apartments daher nicht mehr für normale Mieter zur Verfügung stehen.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Ausspannen und abschalten kann der Physiotherapeut zuhause schon lange nicht mehr, er kommt zunehmend ungern nach Hause. Der Grund: Der stetige Anstieg von stark frequentierten Ferienwohnungen in seiner Wohnanlage.
Von den insgesamt 42 Apartments werden derzeit 16 als Ferien-Unterkünfte genutzt, drei weitere sind in Planung, sollen in Kürze bezugsfertig sein, heißt es auf der Internetseite des Anbieters. „Das ist fast die Hälfte aller Einheiten, so wird eine schöne Wohnanlage in eine chaotische Ferienanlage umgestaltet“, sagt Pietsch. Vor allem junge Touristen, Partygäste oder Monteure würden die günstigen Unterkünfte nutzen und
„ihren ganzen Dreck in die Anlage schleppen“. Probleme mit steigenden Müllmengen und Krach seien die Folge. „Die machen, was sie wollen.“

Der stete Bewohnerwechsel und zunehmende Lärm geht dem Eigentümer auf die Nerven: „Ich komme mir vor wie in einem Hotel oder einer Jugendherberge.“ Auch die Parkplatzsituation sei „unmöglich“: Jeder Wohneinheit steht ein Stellplatz zur Verfügung. Ausreichend für normale Wohnverhältnisse,  aber zu wenig für die stark frequentierten Ferienwohnungen mit bis zu sieben Personen pro Apartement, kritisiert Pietsch.
Entscheidungen der Eigentümer könnten zudem mittlerweile von den Befürwortern der Feriendomizile beeinflusst werden, die „normalen“ Nutzer werden überstimmt, „die Eigentümergemeinschaft wird damit zur Farce, die soziale Komponente unter Nachbarn durch die Geldgier Einzelner zerstört“, klagt er.

Die Menge an Ferienwohnungen habe es früher nicht gegeben, erst nach einem Verwalterwechsel vor einigen Jahren stieg die Anzahl der an Reisende vermieteten Wohneinheiten rapide an. Neue Käufer erwerben zunehmend frei gewordene Wohnungen mit dem festen Ziel, diese in Ferienapartements umzuwandeln. „es geht immer weiter, das ist einfach nicht richtig und die Hausverwaltung unternimmt nichts, unterstützt diese Entwicklung noch und schlägt Gewinn daraus“, beschwert sich Pietsch.

Hausverwaltung sieht keinen Grund für Kritik

Zuständig ist das Unternehmen „SHG Hausverwaltung“. Geschäftsführer und Hausverwalter Norbert Stern kann die Kritik nicht nachvollziehen. Er betreut das Gemeinschaftseigentum, die gesamte Wohnanlage und achte auf die Einhaltung der Hausordnung. Das Zusammenleben sei kein Problem, „in anderen Liegenschaften ist deutlich mehr Halligalli“, sagt Stern. Von größeren Lärm- oder Müllproblemen, außerhalb der Norm einer Wohnanlage oder von Problemen, die speziell auf die Nutzer der Ferienwohnungen zurückzuführen sind, sei ihm nichts bekannt. „Diese Anlage ist eher von der ruhigen Sorte.“

Auch der Verwalter der Ferienwohnungen, Bewohner Andreas Kunz sieht kein Problem innerhalb der Nachbarschaft, „wir haben keine Konflikte“. Das Interesse, das Eigentum in Ferienwohnungen umzuwandeln, sei innerhalb der vergangenen Jahre einfach stark gestiegen, „16 ist eine stolze Zahl, aber der Markt ist da, es gibt ein Defizit in Marburg, was Ferienwohnungen betrifft, die Nachfrage übersteigt das Angebot“, sagt Kunz.

Das aus diesem Grund Wohnraum etwa für Studenten entfällt, könne man jedoch nicht abstreiten. Das Klientel, das die Appartements nutzt, bestehe jedoch in keinster Weise aus typischen Partytouristen. „Es sind keine klassischen Ferienwohnungen für Feiervolk“, sowohl Studenten wie auch deren Eltern, Handwerker oder Gäste der Universität wie etwa Dozenten von außerhalb würden die Apartements nutzen. „Die müssen auch irgendwo unterkommen und sind wichtig für Marburg“, betont Kunz. Von weiteren Beschwerden der insgesamt 33 Eigentümer der Anlage gegen die Kurzzeitgäste ist ihm nichts bekannt. Die Eigentümer haben vor kurzem erst die erforderlichen Nutzungsänderungen beim Bauamt der Stadt beantragt, die Regelung war den Vermietern vorher nicht bewusst. „Wir entziehen dem Markt keine langfristigen Wohnungen, sondern bedienen einfach ein anderes Klientel“, sagt der Verwalter.

Magistrat prüft etwaige Nutzungs-Entziehung

Widerspruch von Pietsch: „Das ist nicht Sinn und Zweck einer Wohnanlage; den normalen Mietern, Senioren, der Stadt und vor allem den Studenten wird der dringend benötigte Wohnraum entzogen.“
Das Stadtbauamt hat der wütende Bewohner über die Verhältnisse in der Anlage informiert, die Eigentümergemeinschaft verklagt.

Die Situation beschäftigt auch den Marburger Magistrat. In den vergangenen Jahren habe es „einen leichten Anstieg“ bei der Zahl der Ferienwohnungen in der Stadt gegeben, teilt die Stadtverwaltung auf OP-Anfrage mit. Grund: „Nicht
wenige Vermieter versprechen sich offenbar von einer zeitweisen Vermietung mehr als von einer Dauervermietung.“ Vor allem Online-Angebote wie „Airbnb“ und deren neuer „eigener Vermietermarkt“ seien „eine große Unbekannte“ auf dem Wohnungsmarkt. Auf freiwilliger Basis gemeldet seien 67 Ferienwohnungen im Stadtgebiet.

Im konkreten Fall der Cappeler Straße 12 handele es sich aber nicht um ein ausgewiesenes Sondergebiet laut Baunutzungsverordnung. „Das betreffende Gebäude liegt innerhalb des Geltungsbereiches eines Bebauungsplanes, nach dessen Festsetzungen Ferienwohnungen auch nicht ausnahmsweise zulässig sind“, sagt Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne). „Wir werden in Fällen, die uns bekannt oder angezeigt werden, die Eigentümer anhören und gegebenenfalls die ungenehmigte Nutzung untersagen.“

von Björn Wisker und Ina Tannert

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