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Zoff-Eltern zermürben ihre Kinder

Erziehung Zoff-Eltern zermürben ihre Kinder

In Marburg leben immer mehr Trennungskinder, sie leiden unter Zwist in der Familie. Und die Zahl der Eltern, die getrennt sind, steigt seit Jahren. Das beobachten zahlreiche Pädagogen, Initiativen und Vereine.

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Mascha Küster-Jacobs ringt seit Monaten darum, dass ihr Noch-Ehemann – trotz Streit in der Familie – den gemeinsamen Sohn Jakob akzeptiert und das Kleinkind nicht unter dem Zwist leidet. Problemfälle landen bei Stephan Rehse (l.) in der Erziehungsberatungsstelle. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Für Lukas ist ein Stoffhase sein Vater. „Papa“ nennt er ihn - das einzige Geschenk des Vaters, der für ihn wie ein Fremder ist. Er verweigert den Kontakt zu dem Zweijährigen, ignoriert ihn, blockt die Familie ab. Nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen - das zehrt auch an den Kräften von Mascha Küster-Jacobs, Lukas‘ Mutter. Trotzdem Kämpft die 44 -Jährige seit Monaten um regelmäßigen Vater-Sohn-Kontakt. „Der Bezug zum eigenen Kind muss doch mehr wert sein als Überweisungsträger mit Unterhaltungszahlungen“, sagt sie.

Lukas ist nur eines von Hunderten Kindern in Marburg, die unter Streit ihrer Eltern leiden. Eskaliert der Zwist, folgt die Trennung. Das Resultat: Marburg wimmelt von Alleinerziehenden. Aktuelle Daten der Stadtverwaltung deuten den Trend an: Von 33 000 Haushalten in der Kernstadt haben 3400 mindestebs ein Kind; davon sind rund 1400 Haushalte Ein-Elternhaushalte. In den Außenstadtteilen erzieht jeder vierte Erwachsene, der ein Kind hat, dieses alleine - Tendenz steigend.

In Marburg leben immer mehr Zoff-Eltern

Vor allem die Trennungsphasen laufen selten reibungslos ab. Stephan Rehse, Leiter der Erziehungsberatungsstelle am Ortenberg, weiß: In Marburg leben immer mehr Zoff-Eltern. „Die Zahl derer, die ein hochstrittiges Verhältnis haben, nimmt enorm zu“, sagt er. Hochstrittig bedeutet, dass in der Beziehung von Mutter und Vater nur noch Wut regiert, dass das gemeinsame Kind - dessen Wohl und Interessen - völlig aus dem Blick gerät.

Täglich sind Rehse und seine zehn Kollegen mit den Problemfällen konfrontiert. 55 Prozent der Kinder, mehr als 200 in der Stadt (mehr als 400 im Kreis), die zuletzt in der Einrichtung betreut wurden, wachsen ohne eines von beiden Elternteilen auf. „Das ist eine echte Hausnummer. Und die Summe steigt seit jährlich um ein, zwei Prozent“, sagt er. Zumal die Dunkelziffer jener, die trotz Dauerstreits und Siechtum des Kindes nie eine Beratungsstelle aufsuchen, deutlich höher sein dürfte.

Schule, Beruf, soziale Kontakte: Bei Kindern, die eine Trennung ihrer Eltern voller Konflikte erleben, „knickt einfach alles ein“, sagt Rehse. Ihr Selbstwertgefühl rausche in den Keller. Zwar sei nicht jedes Trennungskind automatisch geschädigt. Doch solle sich die Patchwork-familie niemand schönreden. „Wenn Eltern hören, wie Kinder wirklich fühlen, kommen ihnen oft Tränen. Sie wollen nämlich fast immer Mama und Papa zurück“, sagt Rehse.

Immer häufiger wird vor Gericht verhandelt

Eskaliert der Zoff, streiten die Partner vor Gericht, ordnen Familiengerichte immer häufiger eine Beratung an oder empfehlen diese - dann ruht der Sorgerechtsstreit vorerst. Ein Passus im Gesetz, der seit 2006 gilt, wird Juristen zufolge dazu führen, dass eine Therapie künftig noch viel öfter verfügt wird.

Im Extremfall, wenn beide Eltern an ihren Emotionen scheitern, werden die Kinder in staatliche Obhut gegeben. Die Zahl der Sorgerechtsentzüge - vor allem wegen Gefährdung des Kindeswohls - stieg in den vergangenen Jahren auf Rekordstände. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden 13 000 Kinder aus Problemfamilien gerettet, in Hessen waren es zuletzt 730. Auch in Marburg gab es laut Jugendamt mehrere Heraus- und Inobhutnahmen - genaue Zahlen wollte die Behörde nicht nennen.

Kinder, auch Eltern vor dem Äußersten zu bewahren, ist auch eine Aufgabe der Erzieungsberatungsstelle. Immerhin geben mehr als 40 Prozent der Hilfesuchenden an, dass die Trennung vom Parnter zu den Streits und den Folgeproblemen führt. Doch bis mit Hilfe der Pädagogen die gröbsten Konflikte geschlichtet sind, ist es ein mühsamer Weg. „Wenn sich die Eltern nur noch anbrüllen, oft jahrelang, sind wir erstmal nur Ringrichter“, sagt Rehse.

Ein Wochenendhaus für getrennte Familien 

Das Problem kennen die Betreuer im Mütterzentrum in der Bunsenstraße. Der Verein installiert im August das Projekt Elternzeit-Kinderwelt (Elki), ein neues Hilfsangebot. In dem Haus sollen künftig Familien an Wochenenden zusammenkommen, die im Streit geschieden sind und weit voneinander entfernt wohnen. Ziel: Zeit mit dem gemeinsamen Kind verbringen. „Denn die zunehmende räumliche Distanz zwischen Eltern, nimmt drastisch zu. Ein Riesenproblem, gerade für und mit Kleinkindern“, sagt Marie Czescha (32), Betreuerin im Mütterzentrum.

Das betrifft auch Mascha Küster-Jacobs. Ihr Noch-Ehemann zog nach sieben Jahren Ehe fort. 400 Kilometer Entfernung, 400 Versuche des Vergessens. Als seine Hoffnung, das Sorgerecht für Lukas zu bekommen platzte, flüchtete er noch am Tag der Gerichtsverhandlung, erinnert sich Küster-Jacobs. Zuletzt zeichnete sich bei ihr und dem Ex-Partner eine leichte Entspannung ab. Sie hofft, dass ihr, das Lukas das neue Angebot im Mütterzentrum helfen wird.

von Björn Wisker

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