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Zocker-Streit im Compass eskaliert

Glücksspiel-Vorwürfe Zocker-Streit im Compass eskaliert

Eine Klagewelle steht bevor: Der Zoff um vermeintliches Glücksspiel im evangelischen Jugendhaus Compass geht weiter. Bei einer Diskussion mit Spielexperten zu Gefahren des Kartenspiels Magic soll der Kritiker ausgeladen worden sein.

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Ramin Poursaleh (42) verkauft das Sammelkartenspiel „Magic“ in seinem Laden, Dort veranstaltet er auch Turniere (Bild rechts). Der Familienvater kritisiert Konkurrenten, die im evangelischen Jugendhaus Compass angeblich Kinder abzocken. Fotos: Wisker

Marburg. Ramin Poursaleh ist wütend. „Jetzt ist es persönlich geworden“, sagt der 42-Jährige. Es, damit meint er das Verhalten der Leitung des Jugendhauses Compass und von Kirchenvertretern. Nachdem Poursaleh kürzlich Vorwürfe erhob, dass der Treffpunkt zu Zockerrunden für Magic-Karten-spieler einladen würde, re-agierten Stadtjugendpfarrerin Elke Kirchhof-Müller sowie Pädagogen mit einer öffentlichen Debatte, einer Expertenrunde um die Spielgefahren und Vorwürfe aufzuklären. Doch Poursaleh, Inhaber des Ladens Game-it in der Biegenstraße, fühlt sich ausgegrenzt, ausgeladen. „Man sagte mir, die Veranstaltung sei am Montag. Um mich zu vergewissern, rief ich an dem Tag nochmal an. Dann hieß es, die Debatte sei am Mittwoch“, erzählt Poursaleh. Den wahren Termin - Dienstag, 20 Uhr - habe man ihm nie genannt. „Wohl aus Angst. Lieber Kritiker mundtot machen und sich durch Leute bestätigen lassen, die nicht neutral sind. Die reinste Vertuschung“, sagt er.

Im Compass bestreitet man das. Im Gegenteil: Man habe „ihn eindringlich gebeten, zur Aussprache zu kommen“, sagt ein Sprecher. Irritiert sei man gewesen, als der Kritiker nicht auftauchte. In Kirchenkreisen wittert man „eine absurde Verleumdungs-Kampagne“.

Doch nun droht eine Eskalation des Konflikts. „Ich bin für eine Anzeige, für das Gericht bereit, werde das bis zum Ende durchfechten um Klarheit zu haben“, sagt Poursaleh. Die evangelische Kirche „scheut den Konflikt vor Gericht nicht“, kontert Dekan Burkhard zur Nieden. Man behalte sich ebenfalls juristische Schritte gegen den Unternehmer vor, gehe aber „unaufgeregt mit den Vorwürfen um.“

Kirche sieht sich nach Prüfung auf sicherer Seite

Die Kirche, so Poursaleh, sei dabei gar nicht Hauptziel seiner Kritik gewesen. „Denen wird doch von Gewerbetreibenden vorgemacht, dass es nicht um Geld ginge. Und das ist eine Lüge“. Der Unternehmer, der im Jugendhaus die Spieletreffen organisiere, „rupft junge Leute aus“, die Kirche toleriere das. Unverständnis bei zur Nieden: „Wir haben die Anschuldigungen geprüft, professionell reagiert und recherchiert. Wir sind auf der sicheren Seite“. Man dulde im Compass nichts Verbotenes, weil nichts Verbotenes geschehe. Nach OP-Informationen ist die umstrittene Kartenspielgruppe jedoch gestoppt worden, bis auf Weiteres werden keine Turniere mehr im Jugendhaus stattfinden. Markus Klonk, Sozialpädagoge im Compass: „In den vergangenen zwei Jahren wurde überhaupt nur ein, zwei Mal gespielt“.

Sind Poursalehs Vorwürfe etwa die Rache eines enttäuschten Geschäftsmanns, Neid auf den Konkurrenten in der Nachbarschaft? Immerhin verkauft der Unternehmer Magic seit zehn Jahren in seinem Laden, veranstaltet in den Geschäftsräumen auch Turniere für Jugendliche - zu gewinnen gebe es aber kein Geld, nur Sachpreise und das zu Einsätzen von maximal zehn Euro, entgegnet er. „Ich stelle mich mit Namen und Gesicht in den Sturm, habe einen Ruf als seriöser Händler zu verlieren! Ich mache das alles nicht aus Eigennutz“, sagt er. Seine „kaufmännische Ehre, das Moralverständnis“ gebiete es ihm, die Vorgänge öffentlich zu machen. Dass er mit dem Anbieter, der die Spielerunden im Compass organisiert, seit Jahren im Wettbewerb um Kunden stehe, sei richtig. Dass dieser mit seiner Aktion im Jugendhaus den Vorteil habe, direkt an junge Kunden gelange, sei für ihn „in Ordnung“, mache ihn „wirtschaftlich nicht kaputt“. Eine Fehde zwischen ihm und dem Turnier-Organisator - nicht aber mit Kirche oder Compass - soll Szenekennern zufolge jedoch seit Jahren toben.

Poursaleh sagt, er wolle Eltern vor dem Treiben warnen, aufklären über „die Verharmlosung dieser angeblichen Expertenrunde“. Magic sei kein Glücksspiel, die Suchtgefahr sei gering und ohnehin würden im Haus die Kinder bei allen Spieleabenden von Pädagogen beaufsichtigt. „Von wegen! Die Kinder ahnungsloser Eltern werden im Compass in die Hände von Geschäftemachern getrieben“, sagt der Vater eines Sohnes. Die öffentliche Einrichtung habe Zock-Events als Jugendaktivität beworben. Zwei Zeugen seien unter anderem bereit, eidesstattliche Versicherungen abzugeben, dass neben acht jungen Spielern keine Betreuungsperson im Haus gewesen sei. Zudem sei es „absurd, bei Geldeinsätzen und Gewinnen nicht von Glücksspiel zu sprechen“, sagt er. Magic selbst sei zwar kein Glücksspiel, „so, wie auch „Mensch ärgere dich nicht“. Doch sobald um Einsätze gespielt, Preisgeld gezahlt werde, ändere sich das. Dann werde das Kartenspiel missbraucht. „Bei Schach zählt Taktik und Können. Bei Magic stellt man für viel Geld Kartendecks zusammen, mischt sie, zieht zufällig Karten und nur der Zufall entscheidet, ob der Gegner ein schlagbares oder unschlagbares Deck hat“, erklärt er. Magic sei wie ein Hütchenspiel, taktische Elemente spielen eine Rolle, der Zufall jedoch die größere.

Die Dominanz des Zufalls wurde von den Diskutanten bestritten. Sie klassifizieren Magic als ein taktikgeprägtes Sammelspiel wo jeder gegen jeden gewinnen könne. OP-Recherchen belegen jedoch, dass Magic selbst unter Fans als Glücksspiel verstanden wird. „Es ist ein Glücksspiel, weil man nicht alle Karten des Decks austeilt und es dem Zufall überlassen ist, welche Karten man auf der Starthand hat und welche nachgezogen werden“, schreibt etwa Nutzer Marc B. in einem Szene-Portal im Internet. NeroBP ergänzt in einem anderen Forum: „Eben weil es ein Glücksspiel ist, werden keine Geldpreise bei Turnieren ausgeteilt. Es dürfen Sachpreise ausgeteilt werden.“

Juristisch handelt es sich beim Zocken mit sogenannten Trading Card Games um eine Grauzone. Ein Glücksspiel liegt gemäß Paragraf 3 Absatz 1 Satz 1 Glücksspielstaatsvertrag vor, wenn im Rahmen eines Spiels für den Erwerb einer Gewinnchance ein Entgelt verlangt wird und die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt. Dass das so ist, gestehen die meisten Magicspieler. „Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs gehört zu jedem Glücksspiel im Sinne des Paragraf 284 Strafgesetzbuch ein Einsatz, der in der Hoffnung erbracht wird, im Falle des Gewinnens eine gleiche oder höherwertige Leistung zu erhalten, und in der Befürchtung, dass er im Falle des Verlierens dem Gegenspieler oder dem Veranstalter anheimfällt“, schreibt Gregor Theado, Rechtsanwalt aus Saarbrücken in einem Fachbeitrag.

Voraussetzung ist demnach, dass es sich nicht um einen in jedem Fall verlorenen Einsatz handelt, der lediglich der Mitspielberechtigung dient, sondern aus dem Spieleinsatz der Spielteilnehmer die Gewinnchance des Einzelnen erwächst. Nach diesem Grundsatz handelt es sich bei Spielen, für welche ein geringfügiger Beitrag - die meisten Gerichte nennen 15 Euro Startgeld als maximale Unerheblichkeitsgrenze - erhoben wird, nicht um Glücksspiel. „Der Einsatz ist dann nämlich kein Einsatz im Sinne des strafrechtlichen Glücksspielbegriffs, weil er nur der Mitspielberechtigung, einer Art Eintritt dient“, schreibt Theado. Juristen sprechen im Fall von Magic von einem „anderen Spiel mit Gewinnmöglichkeit“. Grundsätzlich verboten ist das Zocken im Compass demnach nicht, problematisch kann es Rechtsexperten zufolge aber sein. In Bochum und Hannover kam es zuletzt aufgrund von Startgeldern von 30 Euro und Geldgewinnen bei Magic-Turnieren zu Konflikten mit Behörden.

von Björn Wisker

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