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Zirkusfreunde tagen in Marburg

Jahrestagung der GCD Zirkusfreunde tagen in Marburg

Ein Zirkus kann auch eine Genossenschaft sein, die keinen Eintritt für ihre Aufführung nimmt: Wer die Tagung der Zirkusfreunde besucht, erfährt Ungewöhnliches über das Leben im Zelt.

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Der Zirkus „Convoi Exceptionell“ tritt aus Anlass der Jahrestagung der Gesellschaft der Zirkusfreunde Deutschlands in Marburg auf.

Quelle: privat

Marburg. Dr. Heinz Stoffregen (80) ist schon als Kind in jeden Zirkus gegangen. Als er mit seiner Familie an den Richtsberg zog, lernte er Rudolf Geller kennen, der dort ebenfalls wohnte. Der Gewerkschaftssekretär hatte nebenberuflich Auftritte als Zauberer, engagierte sich bei der Gesellschaft der Zirkusfreunde 
und im Zirkusarchiv.

„Geller hat mich dann in beide Vereine reingelotst“, sagt Stoffregen, der Leiter der Sektion Mittelhessen der Gesellschaft für Circusfreunde 
ist – ein Verein mit mehr als 2000 Mitgliedern in Deutschland. Die Gesellschaft für 
Circusfreunde 
(GCD) wird – Stoffregen zu Ehren – ihre Jahrestagung vom 26. bis 29. Mai diesmal in Marburg veranstalten – und damit nicht in einer Großstadt wie in den Vorjahren.

Infos zum Marburger Artistenarchiv

Ein Zirkus begeistere Jung und Alt. „Und die Mischung aus Artistik, Clownerie und Tierdressur macht das Besondere aus“, so Stoffregen. Der Zirkusfreund hat eine klare Haltung zum Thema Tierdressuren: „Wir begrüßen die verschärften Vorschriften“, sagt er. Heute seien Tiere 
„relativ am besten“ im Zirkus aufgehoben. Auch über dieses Thema werden die etwa 100 Teilnehmer der Tagung am Rande der offiziellen Vorträge reden. Der Verein sei offen für Interessenten: Die meisten Vorträge sind öffentlich.

Obwohl einige Veranstaltungen bereits an Fronleichnam stattfinden, wird die Tagung offiziell eröffnet am 27. Mai um 12 Uhr im historischen Rathaussaal. Florian Fuchs wird als Vorsitzender der Kulturhistorischen Gesellschaft für Circus- und Varietékunst über das europaweit einmalige Marburger Artistenarchiv berichten wird.

Was wäre ein Treffen der Zirkusfeunde, wenn sie nicht auch die Manege erleben können: Das Programm sieht den Besuch von Zirkusveranstaltungen und des ZAC-Varietés in der Waggonhalle vor. Magier Juno organisiert für die GCD eine Sondervorstellung des Wintervarietés. „Damit wird gezeigt, dass Marburg zu den wenigen Städten in Deutschland gehört, die ihren Bürgern und Besuchern, wenn auch saisonal begrenzt, so doch seit vielen Jahren regelmäßig Varieté-­Vorstellungen anbietet“, so 
Organisator Stoffregen.

„Convoy Exceptionell“ gastiert bei der Waggonhalle

Aus Anlass der GCD-Jahrestagung werden zwei Zirkusse gleichzeitig in Marburg gastieren: Der international berühmte Groß-Zirkus Roncalli mit dem Programm Salto Vitale (die OP berichtete) sowie „Convoy Exceptionell“.

„Convoy Exceptionell“ gastiert mit seinem kleinen Zweimast-Zelt etwas versteckt auf dem Parkplatz hinter der Waggonhalle und ist in verschiedener Hinsicht eine ungewöhnliche und sehr interessante Institution, „die man sonst in der sehr vielfältigen Zirkuswelt nicht noch einmal findet“, sagt Stoffregen. Daher habe die GCD-Sektion Mittelhessen nach dem vorjährigen Gastspiel in Marburg spontan beschlossen habe, diese Gruppe als einen wesentlichen Programmpunkt zu der Jahrestagung einzuladen.

Den in Genossenschaftswissenschaften promovierten Ökonom fasziniert bereits die Rechtsform des Zirkus: Sechs Artistinnen und Artisten sind Gesellschafter einer Genossenschaft bürgerlichen Rechts (GbR), betreiben diesen Zirkus in eigener Regie und treten im Programm auf, sind damit gleichzeitig Inhaber und Arbeiter – und betätigen sich damit wie eine Produktivgenossenschaft.

Verbindung von Tanz, Musik und Schauspiel

„Es gibt in diesem Circus also keinerlei abhängig Beschäftigte, da die Inhaber alle Arbeiten vom Zeltaufbau über den Requisitentransport bis zum künstlerischen Auftritt selbst ausführen und den Unternehmenserfolg gemeinschaftlich erwirtschaften.“

Auch das Programm folgt anderen Kriterien: Zwar bietet der Convoy Exceptionell durchaus hochklassige Artistik im traditionellen Stil, geht aber über dessen Einengung hinaus und verbindet damit Elemente des Tanzes, der Musik und des Schauspiels in einer faszinierenden Weise.

Schließlich gibt es noch eine Besonderheit am Anfang und am Ende: Die Truppe lehnt es ab, vor dem Eintritt von dem Besucher eine Geldsumme zu verlangen. Man kann (und sollte) zwar einen Platz reservieren, aber noch kein Geld loswerden.

Zirkusfilme aus der Stummfilmzeit

Die Vorstellung endet mit einer „Hutkasse“, bei der die Artisten mit dem Hut am Ausgang um eine Zahlung bitten, die sich am Zahlungsvermögen der Besucher und an deren Wertschätzung des Programms orientiert. Dasselbe gilt übrigens für das neben dem Zelt abgestellte 
 Lastercafé, in dem es ebenfalls keine Preisliste gibt, sondern der Besucher für seine Tasse Kaffee soviel Geld in die Kasse legt, wie sie ihm Wert erscheint.

Ein zweiter Schwerpunkt des Programms der Jahrestagung ist das Projekt „Zirkusfilme aus der Stummfilmzeit“, das gemeinsam von der Gesellschaft der Circusfreunde und der Kulturhistorischen Gesellschaft für Circus- und Varieté-Kunst und dem Palette-Kunstfilmtheater am Steinweg angeboten wird. Gezeigt werden am 26. und am 29. Mai vier Stummfilme, darunter zwei Filme aus dem vor dem Ersten Weltkrieg führenden Filmland Dänemark, darunter der erste längere Zirkusfilm überhaupt aus 1910, der sicher in Marburg noch nie gezeigt wurde, sowie zwei weitere Filme aus der in den 20er-Jahren aufstrebenden Filmmacht USA aus 1924 und 1928. Der Eintritt hierfür ist frei.

Die Jahrestagung befasst sich außerdem mit der Frage der 
Organisation schulischer Ausbildung reisender Kinder. Dazu wird am Samstag, 28. Mai, eine Lehrerin der in Hessen zuständigen mobilen Schule laut Veranstaltern von 11 bis 16 Uhr auf dem Waggonhallen-Gelände mit ihrem Lernmobil sein und kann Erklärungen abgeben.

Zum Abschluss der Tagung ist ein Flohmarkt vorgesehen, auf dem Sammler Zirkus-Artikel zum Tausch oder Kauf anbieten. Dieser Flohmarkt findet am Sonntag, 29. Mai, von 9 bis etwa 12 Uhr im Tagungshotel Marburger Hof in der Elisabethstraße statt.

  • Weitere Informationen zum öffentlichen Programm und den Filmvorführungen bei Claus von Scheven, 06462 / 5988.

von Anna Ntemiris

 
Zirkus-Genossen

„Convoy Exceptionell“ feiert an der Waggonhalle Premiere am Freitag, 20. Mai, um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen in der Zeit bis 29. Mai stehen im Programm der Waggonhalle.

Platzreservierungen unter der Nummer 0157 / 71104699 sind sehr empfehlenswert, da bei der kleinen Zahl von nur knapp 100 Plätzen Vorstellungen schnell ausverkauft sein können.

 
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