Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Zirkeltraining für das 21. Jahrhundert

"Bootcamp" startet in Marburg Zirkeltraining für das 21. Jahrhundert

"Kettlebells", "Battle Rope" und "Burpees". Schon beim Namen wird eingeweihten der Schweiß in den Nacken rinnen. Es sind Namen für Geräte und Übungen beim "funktionellen Training". Ein US-Fitnesstrend, der jetzt auch in Marburg angekommen ist.

Voriger Artikel
Emotionen in Licht, Farbe und Musik
Nächster Artikel
Kandidatin: "Ich hab‘ Nerven wie Drahtseile"

Sascha Metzger mit seiner Bootcamp-Gruppe auf dem Trimm-Dich-Pfad. Auch im Gassmann-Stadion oder dem Uni-Parkdeck wird trainiert. Immer an der frischen Luft.

Marburg. Mir ist heiß und kalt gleichzeitig. Gerade habe ich eine Minute lang „Burpees“ gemacht. Eine Kombination aus Liegestütze und Strecksprüngen, die fließend ineinander übergehen. Bei dem einen mehr, bei mir weniger. Ich schwitze. 30 Sekunden Pause, neue Station. Das „Battle Rope“: Zwei unterarmdicke Seemanns-Taue, die man abwechselnd nach oben und unten schwingen muss. Das ergibt für den Betrachter von außen eine schöne wellenförmige Bewegung, führt aber für den ausführenden zu einem puddinghaften Gefühl in den Armen und zu schmerz-bedingten Verzerrungen des Gesichts.

Aus den Boxen begleitet mich ein wummernder Elektro-Bass.Glücklich scheine ich nicht auszusehen. Mein Gastgeber und „Coach“, Sascha Metzger, „pushed“ mich: „Komm Tim, noch 20. Gute Arbeit Junge!“ Nach nicht enden wollenden 20 Sekunden, habe ich auch die Seile hinter mir. Nach den „Battle Ropes“ sind die „Kettlebells“ dran - zwei kuhglocken-artige Gewichte, die man durch die Beine in einer zweideutigen Pose nach hinten und vorne schwingt. Sieht komisch aus, ist aber gut für die Rumpf-Muskulatur.

In der Gruppe schwitzt man lieber als alleine

Dann gibt es „High Five“, also ein Abklatschen mit den Coaches. Nach einem Blick in die Runde beruhigt mich, dass es den Anderen anscheinend genauso dreckig geht wie mir. Zufriedenheit macht sich breit: Die Stunde war sau-anstrengend, aber jetzt ist es geschafft. „Das ist die Philosophie jeglichen funktionellen Trainings. Es wird ein Gruppenzwang aufgebaut, der ein Aufgeben verhindern, beziehungsweise die Motivation steigern soll“, sagt Professor Ralph Beneke, Sportwissenschaftler der Uni Marburg und Experte für Medizin, Training und Gesundheit auf meine Nachfrage. „Crosstraining“ oder „Bootcamp“ nennt sich das dann und wird als neuer Trendsport in immer mehr Städten in Deutschland angeboten. Es gibt zahlreiche Anbieter. Statt alleine auf dem Laufband zu rennen oder Gewichte zu „pumpen“, schwitzt man in der Gruppe. „Man muss der Typ dafür sein. Das ist natürlich nichts für Einzelkämpfer“, sagt Beneke.

Ganz neu ist das Rad nicht erfunden worden: „Das Prinzip kennt man eigentlich aus Sportvereinen oder der Schule. Es ist wie Zirkeltraining, nur inzwischen durch neues Equipment und ausgefeilte Übungen ein sehr effizientes Ganzkörper-Training“, sagt Sascha Metzger.

Das Gründungsmitglied der Marburg Mercenaries hat als aktiver Football-Spieler selbst nach dem Prinzip trainiert und bringt das „Bootcamp“ nun als Franchise-Nehmer nach Marburg.

Teilnehmer sollen bei ihm zwei bis drei Mal die Woche ein Training vorgesetzt bekommen, was mit einer Stunde gut in den Alltag zu integrieren ist. Nach einer Aufwärmphase mit gemeinsamem Einlaufen, Kniebeugen oder Liegestützen wird an einer auf dem Boden liegenden Fitness-Leiter Koordination und Körpergefühl trainiert. Dann wird nach einer Pause der „Zirkel“ aufgebaut. Von Stunde zu Stunde variierende Übungen, die teils alleine, teils mit Partner ausgeführt werden, sollen den gesamten Muskelapparat fordern und fördern.

Nichts für Menschen mit Bandscheibenvorfall

Zugrunde liegt das Trainingskonzept „CrossFit“, das der kalifornische Fitnesscoach Greg Glassman entwickelt hat. Das Sportprogramm, das es ab den 1990er Jahren nicht nur in die US-Fitness-Studios, sondern 2006 zum Beispiel auch auf den Trainingsplan der deutschen Nationalmannschaft unter Klinsmann schaffte, beansprucht auf ganzer Linie.

Das Training nimmt Anleihen aus dem Kraftsport, der Leichtathletik und dem Turnen, integriert aber auch Kampfsporttechniken und Gymnastikübungen. „Wir arbeiten mit Bewegungen, die alltagsnah sind und mit denen man sich auch für den Alltag oder seinen Beruf fit hält“, erklärt Sascha Metzger. Als Beispiel nennt er etwa das Heben von Traglasten im Pflegebereich oder die Prävention gegen Rücken- und Muskelerkrankungen beim stundenlangen Sitzen im Büro.

„Die Vielseitigkeit ist bei den Programmen natürlich eindeutig zu befürworten. Aus sportmedizinischer Sicht ist mir das viel lieber, als ein Geradeaus-Läufer. Aber es spielt natürlich das persönliche Ziel eine Rolle“, sagt Sportwissenschaftler Ralph Beneke. Jemand, der allein an Muskelmasse oder einer Bestzeit im Marathon interessiert sei, könne seine Trainingszeit anderweitig effektiver investieren.

Ältere Teilnehmer oder solche mit bereits vorhandenen Verletzungen sollten sich einem Fitnesscheck unterziehen, bevor sie an einem Kurs teilnehmen. Schwere Bandscheiben- oder Gelenkschäden können ein Grund sein, eine weniger intensive Trainingsmethode zu wählen. „Bei leichteren Problemen lassen sich die Übungen aber auch individuell variieren“, sagt Sascha Metzger. Sportwissenschaftler Beneke empfiehlt sich bei der Auswahl der Kurse nach den Qualifikationen der Lehrer zu erkundigen. Wie das bei Trends immer so ist, kann man nicht sicher sein, dass nicht auch mal ein schwarzes Schaf dazwischen ist, der einen guten Namen ausnutzt, um Geld zu machen. Sascha Metzger ist ausgebildeter Lehrer für Fitness, Gesundheit und Sportrehabilitation. Als „Amerika-Begeisterter“ war er auch immer wieder bei den Koryphäen der amerikanischen Fitness-Bewegung. Er hat eine Fitnesstrainer A-Lizenz und ist Berater für Sporternährung.

  • Sein nächstes „Bootcamp“ startet in der nächsten Woche. Informieren kann man sich Mittwochabend um 19.30 Uhr im Georg-Gassmann-Stadion.

von Tim Gabel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr