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Zigarren-Gitarren riechen nach Abenteuer

Gitarren aus Zigarrenkisten Zigarren-Gitarren riechen nach Abenteuer

Es war ein Nebensatz in einem Buch über Sklaverei, der Armin Peil nicht mehr losließ. Das Buch sollte er schon bald zur Seite legen - stattdessen nahm er Werkzeuge zur Hand.

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Armin Peil baut Gitarren aus Zigarrenboxen.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Moischt. Es gibt Tage, da verschwindet Armin Peil frühmorgens in seiner Werkstatt und kommt erst spätabends wieder heraus. In den Stunden dazwischen macht er das, was viele Menschen verlernt haben. Er arbeitet an seiner Zufriedenheit – und ganz nebenbei an ein paar ehrgeizigen Projekten. Der Bau einer Mini-Biogasanlage steht derzeit auf dem Plan. Das Projekt „Gitarren-Bau“ hingegen ist schon abgeschlossen. Und zwar gleich dreifach. Kostenpunkt: ein bisschen Überredungskunst und viel Zeit. Denn die Gitarren, die Armin Peil baut, werden aus alten Zigarrenboxen gefertigt, die zu 95 Prozent aus Zedernholz bestehen. Und diese Boxen gibt es nicht einfach zu kaufen. Peil schrieb Zigarrengroßhändler an – und bekam Hilfe aus Köln. Zigarrenboxen könne er haben, nur ein Bild müsse er von der fertigen Gitarre schicken. Ehrensache.

Armin Peil ist keiner von denen, die einfach loslegen. Er hat einen Plan. Immer. Und einen PlanB hat er auch. Nur aufgeben – das ist niemals vorgesehen. Und er ist informiert. In einem dicken Ordner hat er alle Informationen gesammelt, die er zum Bau der Zigarrenbox-Gitarre zusammentragen konnte. Inklusive der geschichtlichen Hintergründe. „Ich habe zum ersten mal in einem Buch über den Sklavenhandel von diesen Instrumenten gelesen. Die Sklaven haben sich mit den einfachsten Mitteln Instrumente gebaut, die einen musikalischen Klang herstellen.“ Über die Musik wurde das Leid des täglichen Lebens zum Ausdruck gebracht. Und weil kein Geld für teure Instrumente vorhanden war, wurden die Zigarrenboxen zu Klangkörpern umfunktioniert. „Man kann auch eine Gitarre aus einer Kokosnuss oder einer Blechbüchse bauen. Der Klangkörper ist aber das A und O.“

Peil, übrigens strikter Nichtraucher, legte los. Er tüftelte und werkelte und fügte dann die Einzelteile nach vorgegebenen Toleranzen zusammen. Millimeterarbeit, die Geduld braucht. „Das ist doch kein Hexenwerk“, weist Peil alle Anerkennung von sich. Nichts, worüber es sich zu reden lohne. Dass jetzt auch noch ein Bericht in der Zeitung über ihn erscheinen soll – das kann er gar nicht verstehen. „Nichts besonderes“, sagt er immer wieder, während er an den Saiten zupft. Der Klang, den er erzeugt, ist überraschend klar. Musiker haben ihm geholfen, die Gitarre zu stimmen. „Alles, was mich handwerklich interessiert, das baue ich irgendwie auch nach. Das hält mich jung“, sagt er. Ein Blick durch den Garten beweist: Hier stehen viele dieser Heimwerker-Jungbrunnen. Ein komplettes Gartenhaus ist ebenso vertreten wie ein umgebauter Taubenschlag. Aber so filigran, so millimetergenau wie beim Gitarren-Bau musste Peil nie zuvor arbeiten. Dabei wird er die Zigarrenbox-Gitarren niemals spielen. „Ich habe einmal im Chor gesungen. Aber ich bin kein Musiker. Ich fange doch nicht mit 72 Jahren noch einmal an, Gitarre zu lernen“, sagt er. Und so hängen zwei seiner drei Gitarren an der Wand. Eine hat er seiner vierjährigen Enkelin geschenkt. „Das ist ein Gebrauchsgegenstand. Die darf darauf rumklimpern“, sagt er achselzuckend.

Und weil Armin Peil immer neue Herausforderungen sucht, gleicht keine seiner Gitarren der nächsten. Weder stimmlich, noch optisch. Allein schon durch die Verwendung unterschiedlicher Zigarrenboxen klingen die Instrumente anders. In eine der Gitarren hat er einen kleinen Tonabnehmer für einen Verstärker eingebaut. „Die Teile habe ich mir aus New Hampshire in den USA besorgt“, erklärt er.

Nicht kleckern, klotzen lautet die Devise. „Ich habe einen Gitarrenhals aus dem Holz einer Treppenstufe gefertigt.“ Ein befreundeter Tischer hat ihm dabei geholfen. „Das Holz für den Hals braucht eine gewisse Härte. Buche und Eiche eignen sich prinzipiell gut. Von Fichte sollte man die Finger lassen.“

Nahezu alles an der Gitarre hat Peil in Eigenregie gefertigt montiert, geschliffen lackiert oder zurecht geschnitten. Nur die Zigarrenkisten, die hat der 72-Jährige nahezu komplett unberührt gelassen. 25 Zigarren, 87,50Euro steht auf der Banderole geschrieben. Es waren gute Zigarren. Das sieht und riecht man. Mehr als 40 Stunden reine Arbeitsleistung stecken in den Musikinstrumenten. Die Recherchezeit nicht eingerechnet. Zeit, die der 72-Jährige gern investiert. „Ich halte mich dadurch körperlich und geistig fit.“

von Marie Lisa Schulz

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