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Zeugin entlastet einen der Angeklagten

Junkies überfallen Dealer Zeugin entlastet einen der Angeklagten

Der Prozess gegen drei frühere Heroinabhängige, die ihren Dealer im Südviertel überfallen haben sollen, wird fortgesetzt. Eine Hausmeisterin bringt mit ihrer Aussage Licht ins Dunkel.

Marburg. Er wirkte bislang träge, nahezu teilnahmslos - doch am Ende des zweiten Verhandlungstages huscht einem der drei Angeklagten ein kurzes Lächeln über das Gesicht. Der tätowierte Mann darf den Gerichtssaal ohne Handschellen verlassen und muss nicht zurück in die JVA, denn die Erste Große Strafkammer um Richter Gernot Christ hat den Haftbefehl gegen ihn aufgehoben.

In seinem Fall bestehe kein dringender Tatverdacht mehr wegen schweren Raubes, heißt es seitens der Kammer. Stattdessen kommt wohl „nur“ eine Verurteilung der Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung in Tateinheit mit Freiheitsberaubung in Betracht.

Einer lügt

Es ist eine 61 Jahre alte Hausmeisterin, die den Beschuldigten derart entlastet. Sie rief nach den Vorfällen im vergangenen Sommer, als drei Junkies auf der Suche nach Heroin gewaltsam ihren Drogendealer überfallen hatten (die OP berichtete), die Polizei.

Nun behaupteten die beiden männlichen Angeklagten am ersten Prozesstag jeweils, die Wohnung schon früher verlassen und das Opfer nicht verletzt zu haben. Der verwirrte Dealer, der sich im Gericht selbst nicht mehr erinnern konnte oder wollte, hatte allerdings deutliche Hämatome an den Armen und Hauteinblutungen im Gesicht vorzuweisen. Einer der beiden log also. Das wusste auch die Kammer. Aber wer?

„Er war es“, sagt die Hausmeisterin und deutet auf den tätowierten Mann, „er ist früher raus und hat auf der anderen Straßenseite gewartet. Die beiden anderen“, sie zeigt auf die Frau und den weiteren Mann auf der Anklagebank, „kamen kurze Zeit danach. Sie alle sind dann zusammen weg.“ Damit ist klar: die Verletzungen des Opfers können nur von beiden Nachzüglern - damalige Lebensgefährten - stammen. Was genau in der Wohnung passiert ist, will Richter Christ von der Angeklagten wissen, die bislang geschwiegen hat.

Entschuldigung beim Opfer

An diesem Tag sagt sie aus: „Wer geschlagen hat, kann ich nicht sagen, weil’s mir schon so schlecht ging“, erklärt die 29-Jährige unruhig und weinerlich mit enormem Scham-Gefühl. Sie habe dringend Heroin gebraucht und selbst nur mit flacher Hand geschlagen. Ein Messer sei ausdrücklich nicht zum Einsatz gekommen.

Gegen die Frau wird im selben Verfahren ein Delikt verhandelt, das sie im zurückliegenden Mai begangen haben soll. An einem Morgen rannte sie über die Gleise des Bahnhofs in Fronhausen, um ihren Zug noch rechtzeitig zu erwischen. Dabei zwang die Angeklagte den Zugführer allerdings zu einer Vollbremsung - am Bahnsteig verweigerte ihr der Schaffner deshalb den Einstieg, worauf die an Hepatitis C erkrankte 29-Jährige ihren Gegenüber zunächst beschimpfte und ihm schließlich ins Gesicht spuckte. Vor Gericht räumt sie die Tat ein und entschuldigt sich beim Opfer, das sich den ärztlichen Untersuchungen zufolge nicht angesteckt hat.

Sie und ihr Ex-Freund müssen nach dem zweiten Verhandlungstag wieder mit Handschellen abgeführt werden. Nach einem rechtlichen Hinweis der Strafkammer und den bisherigen Erkenntnissen drohen den beiden Verurteilungen wegen räuberischer Erpressung. Am Freitag, dem 27. März, soll der Polizeikommissar aussagen, der als erster nach dem Vorfall mit dem Opfer geredet hat. Das Urteil wird an Gründonnerstag erwartet.

von Yanik Schick

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