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Zeugin: „Täter wirkte erleichtert“

Richtsberger Messerstecher-Prozess Zeugin: „Täter wirkte erleichtert“

Am dritten Verhandlungstag berichtete die Ehefrau des schwer verletzten 
Geschädigten vom Tag der blutigen Messerattacke im Juli vergangenen Jahres am Richtsberg.

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Rechtsanwalt Thomas Strecker hält es für möglich, dass der Angeklagte für seine Tat voll verantwortlich ist.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Sie hörte ihren Mann und ihre Kinder im Hausflur schreien, bekam mit, wie der Angeklagte mit einem langen Küchenmesser aggressiv auf den Ehemann einstach, erzählte die Zeugin vor Gericht.

Während des kurzen Gerangels griff sie in einem günstigen Moment nach der Klinge, entwand dem Angreifer schließlich die Waffe und brachte sie zu weiteren Nachbarn, „um sie zu verstecken“. Auffallend bei dem Angreifer sei dessen Verhalten nach der Attacke gewesen.

„Er wirkte richtig erleichtert“, sagte die Zeugin. Äußerlich ruhig und gelassen wartete er auf das Eintreffen der Polizei, rauchte noch eine Zigarette. Bevor er abgeführt wurde, „versprach er, in drei Wochen wieder rauszukommen“.

Er hatte das Messer hinter dem Rücken versteckt

Seit der Tat habe die Familie mit dem traumatischen Erlebnis zu kämpfen, erklärte die Frau. Alle drei kleinen Kinder des Paares mussten die blutige Szene miterleben, würden noch heute aus Angst an der Nachbartür klopfen, bevor sie das Haus verlassen, um sich zu vergewissern, dass sich der ehemalige Nachbar nicht in der Wohnung aufhält. „Es belastet sie sehr“, sagte die Zeugin.

Während der richterlichen Vernehmung des sechsjährigen Sohnes, die per Video vor Gericht gezeigt wurde, beschrieb der Junge zurückhaltend den Tatverlauf. Vor dem Angriff habe der Täter „das Messer hinter dem Rücken“ versteckt, im Anschluss „haben beide gekämpft“, gab der Junge an. Der Angeklagte teilte am ersten Verhandlungstag mit, dass er den Familienvater gezielt in ein unverbindliches Gespräch verwickelt hatte, um schließlich überraschend anzugreifen.

Einige Monate vor der Tat kam es anscheinend zu einer weiteren Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und einem anderen Nachbarn, berichtete die Zeugin. Im Frühling bemerkte sie einen Streit zwischen dem Angeklagten und einem anderen Mann, bei dem ebenfalls ein Messer im Spiel gewesen sein soll.

Mit der Waffe in der Hand soll der Täter den Mitbewohner bedroht haben, „er war aggressiv, stand mit einem Messer über ihm“. Als Grund warf der Angeklagte dem Nachbarn vor, ihn gezielt zu reizen, mit „Zischlauten“ oder tierischen Lockgeräuschen tagtäglich zu provozieren. Aus Ärger soll er ihn die Treppe hinuntergeworfen, dem Mann dabei den Arm gebrochen haben.

„Ich hätte nie gedacht, 
dass er böse ist“

Die Familie pflegte ein normales nachbarschaftliches Verhältnis zu dem ehemaligen Bewohner, der einige Jahre Tür an Tür mit seinem späteren Opfer lebte. Der Beschuldigte sei ihr zurückhaltend, freundlich, wenn auch emotional „wechselhaft“ erschienen. „Ich hätte nie gedacht, dass er böse ist.“

Der geständige Täter bekräftigte erneut vor Gericht, dass er die volle Verantwortung für sein Handeln übernehme und in eine normale Justizvollzugsanstalt verbracht werden möchte. Die Hauptverhandlung dreht sich nicht um ein Strafmaß, sondern um die rechtliche Grundlage für eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus für den als schuldunfähig geltenden Mann. Der soll seit Jahren an paranoider Schizophrenie erkrankt sein, eine psychiatrische Sachverständige verfolgt das Verfahren.

Hinsichtlich des Zustandes seines Mandanten stellte Verteidiger Thomas Strecker einen weiteren Beweisantrag und beantragte ein Zweitgutachten „zur Frage der Schuldfähigkeit und Gefährlichkeitsprognose“. Die bisherige Beweisaufnahme habe ergeben, dass der Mann zum Tatzeitpunkt „einen ruhigen Eindruck“ machte.

Es bestehe die Möglichkeit, dass er „für seine Tat voll verantwortlich ist“. Die Stellungnahmen der weiteren Prozessbeteiligten in dieser Sache sowie weitere Zeugenvernehmungen sollen am Dienstag, 2. Februar, folgen.

von Ina Tannert

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