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Zeuge: „Im Rausch ist er wie ein Teufel“

Aus dem Amtsgericht Zeuge: „Im Rausch ist er wie ein Teufel“

Rasend vor Eifersucht stieg ein Marburger bei seiner Ex-Freundin ein, bedrohte und misshandelte die Frau und sperrte sie ein. Vor dem Schöffengericht erhielt der 34-Jährige „als letzte Chance“ eine Bewährungsstrafe.

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Der Angeklagte soll seine Ex-Partnerin mit einem Küchenmesser bedroht haben.

Quelle: Archiv

Marburg. Als einen Mann mit zwei Gesichtern beschrieben Bekannte und Zeugen den Angeklagten, der vor zwei Jahren bei seiner ehemaligen Lebensgefährtin einbrach, sie im Drogenrausch angriff und gleich mehrere Beteiligte verletzte.

In vier üppigen Anklageschriften hatte die Staatsanwaltschaft seine Taten der vergangenen beiden Jahre zusammengefasst.

Im Mittelpunkt der Verhandlung stand eine gewalttätige Auseinandersetzung vor zwei Jahren. Ende Oktober 2014 wartete der Beschuldigte vor dem Haus seiner ehemaligen Lebensgefährtin auf die Frau, die sich zuvor von ihm getrennt hatte. In der Annahme, sie habe eine neue Beziehung, wollte er sie „zur Rede stellen“. Vor der Wohnung kam es zu einem lautstarken Streit, bei dem der Ex der Frau zweimal heftig ins Gesicht schlug.

Nach diesem ersten Vorfall erwirkte sie eine einstweilige Verfügung gegen den Mann, der sich fortan von ihrer Wohnung fern zu halten hatte. Dennoch verschaffte er sich einige Wochen später gewaltsam Zutritt, hebelte einen Rollladen auf und überraschte die Frau in ihrer Wohnung. Sofort kam es zum Streit, der Angeklagte beleidigte die Ex mit harschen Worten, nahm ihr das Handy weg, um sie daran zu hindern, ihren Vater um Hilfe zu rufen. Zusätzlich verschloss er die Wohnungstür, griff die Bewohnerin an, bedrohte die verängstigte Frau mit einem Küchenmesser und würgte sie.

Mit Messer in der Hand: „Ich beende das jetzt hier“

„Ich hatte Panik - ich sagte ihm ‚du bringst mich noch um‘“, berichtete die Geschädigte. Seine wütende Antwort: „Genau das habe ich vor.“ Einer Verwandten, die sich ebenfalls in der Wohnung aufhielt, drohte der Mann ebenso mit dem Messer in der Hand und den Worten „Ich beende das jetzt hier“, sagte die Zeugin. Der Jugendlichen gelang es dennoch, den Vater zu alarmieren, der im selben Haus lebt. Als es diesem nach einiger Zeit gelang, die blockierte Wohnung zu betreten, kam es zu weiteren Handgreiflichkeiten. Der Vater schaffte es, den Angreifer zu überwältigen, der suchte sein Heil schließlich in der Flucht.

Die Gewalttat war scheinbar nicht die erste Auseinandersetzung, die der Angeklagte aus Eifersucht beging. Im vergangenen Jahr soll er auch seine derzeitige Lebensgefährtin angegriffen haben, zudem drohte er einem Bekannten via Sprachnachricht mit dem Tode. Während der Verhandlung machte der vor Gericht selbstsicher wirkende Mann keine Angaben zu den eigentlichen Vorwürfen, räumte die Anklage dabei weitestgehend ein. Er gab an, dass er während der gewalttätigen Ausraster wohl unter dem Einfluss von Alkohol und Amphe­taminen stand, sich kaum noch an sein Verhalten erinnern könne. Dass es sich so zugetragen hatte, sei gut möglich, „da ist sicherlich etwas vorgefallen“, teilte Verteidiger Sascha Marks mit.

Mehreren Zeugen ist die Drogenvergangenheit und ein gewalttätiges Verhalten des Mannes, der früher regelmäßig Betäubungsmittel konsumierte, indes schon länger bekannt. Im Rausch sei er ein anderer Mensch, „hat er was genommen, ist er wie ein Teufel“, betonte der Vater des Opfers.

Zu Gewalt sei es zuvor in der langjährigen Beziehung dennoch nicht gekommen, erklärte der Beschuldigte. Erst in den letzten beiden Jahren habe sich die Beziehung verschlechtert, die Lage sich „zugespitzt“.

Mit seiner derzeitigen Lebens­gefährtin, die vermeintlich zweite Geschädigte, lebt er mittlerweile zusammen, beide sind miteinander verlobt. Vor Gericht machte die Frau von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, bezog keine Stellung zu den angeblichen Angriffen.

Der Angeklagte ist bei weitem kein Unbekannter für die Justiz, seit über 15 Jahren steht er regelmäßig vor Gericht, hatte sich unter anderem bereits wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Diebstahl zu verantworten. Zahlreiche Vorstrafen, Bewährungsstrafen wie Gefängnisaufenthalte füllen seine Akten.

Reue und Bedauern zeigte der Mann nicht vor Gericht, er schien sich seiner Sache sicher, ging fest davon aus, dass er letztendlich eine weitere Bewährungsstrafe erhält, und behielt recht.

„Schon lange nicht mehr hier, bin jetzt anständig“

Die Verteidigung legte dafür so einige Voraussetzungen dar. Nicht nur, dass bei den Gewaltausbrüchen scheinbar Drogen im Spiel waren, der Täter daher wohl als vermindert schuldfähig eingestuft werden muss - auch sein heutiger Lebenswandel sei im Vergleich zu früher mustergültig, er bringe „so einiges Positives mit“, etwa eine abgeschlossene Suchttherapie samt Sozialkurs, zählte der Verteidiger auf. Einen positiven Weg bescheinigte auch ein psychiatrischer Sachverständiger. Seine letzte Verurteilung liege zudem rund drei Jahre zurück, „ich war schon lange nicht mehr hier - ich bin Gewalttäter, das sehe ich jetzt ein, aber ich bin jetzt anständig“, beteuerte der Angeklagte.

Das Schöffengericht verurteilte den 34-Jährigen wegen Freiheitsberaubung, vorsätzlicher Körperverletzung in vier Fällen, zweifacher Bedrohung und Zuwiderhandlung gegen die Gewaltschutzanordnung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Als Auflage hat er 200 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten sowie eine ambulante Therapie fortzusetzen. Die knappe Bewährung sei eine „Gratwanderung“, aber auch letzte Chance für den Mann, seinen scheinbar positiven Lebenswandel fortzusetzen, ermahnte der Vorsitzende Richter Thomas Rohner.

von Ina Tannert

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