Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Zerreißprobe im Kindergarten

Kinderförderungsgesetz Zerreißprobe im Kindergarten

Größere Gruppen, weniger Zeit für die Kinder, mehr Bürokratie - in den Kindertagesstätten regt sich großer Widerstand gegen die Pläne des neuen Kinderförderungsgesetzes.

Voriger Artikel
Schweighöfer und mehr als 1000 Fans im Cineplex
Nächster Artikel
Prozess für russische Agenten beginnt

Ordentlich unter Druck : Dr. Mara Meske, Leiterin der Kindertagesstätte „Unter dem Gedankenspiel“ in Wehrda, wird von den Kids in Beschlag genommen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Stimmung in den Einrichtungen ist geladen. Geht es nach Willen der schwarz-gelben Landesregierung, so werden die finanziellen Mittel zukünftig einzig an der Gruppengröße in den Kitas pauschal bemessen. Nach dem Entwurf des Kifög sind dann nicht die pädagogischen Bedürfnissen ausschlaggebend. Eine maximale Förderung von 1,75 Erzieher-Stellen gibt es dann nur bei 25 Kindern. Je weniger Kinder, umso geringer der Personaleinsatz.

Im Klartext: Die Einrichtungen sind dazu angehalten, möglichst viele Kinder in wenigen Gruppen zu betreuen, um die maximale Unterstützung zu bekommen.

Für Burgel Hochgesand-Geulen, Leiterin des ältesten Marburger Kindergartens Julienstifts, ein Unding. „Die Erzieherinnen in den Kitas bemühen sich nach Kräften, Bildung zu gestalten. Wir wollen ein solches Angebot machen und nicht nur betreuen.“ Seit 18 Jahren leitet sie nun diese Einrichtung. Wie eine sinnvolle Förderung nach den Vorgaben des neuen Gesetzes möglich sein soll, das ist ihr schleierhaft. „Wirt sind atemlos. Die Erzieherinnen sind am Ende. Und jetzt werden uns auch noch die Stunden gekürzt.“

Widerstand gegen die Pläne

Die ganze Wut der Kita-Leiterinnen entlud sich bei einer Infoveranstaltung des SPD-Landtagsabgeordneten Thomas Spies. Über 150 Erzieherinnen und Kita-Leiterinnen kamen ins Martin-Luther-Haus und schimpften über den Entwurf von CDU und FDP, der am 7. März im Sozialausschuss beraten und möglicherweise schon in der 2. Mai-Woche im Landtag beschlossen wird. Es fallen Sätze wie „Jede Stunde für ein Kind ist nötig“, „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Erzieherinnen“, „Die Flexibilität der Eltern, für die sie lange gekämpft haben, ist weg“, „Das ist ein Rückschritt und es erscheint mir, als ob die Frauen wieder an den Herd gebracht werden sollen.“ Ein Aufschrei des Widerspruchs.

Aus ihrer Wut macht auch Monika Hainbach-Roßbach, Leiterin der evangelische Kita „Unterm Regenbogen“ in Biedenkopf-Wallau keinen Hehl. Sie folgt der Diskussion aufmerksam und will sich gegen dieses Gesetz zur Wehr setzen. „Als Leiterin bin ich fassungslos über den Gesetzentwurf und befürchte deutlichen Personalabbau mit Konsequenzen für die Lernbedingungen der Kinder im KITA- Alltag sowie die Öffnungszeiten.“ Hessen brauche Bildungsgerechtigkeit und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Familien. „Dies wird mit diesem Gesetzentwurf nicht möglich sein.“

Was aber bedeutet das KiFöG konkret, wenn es in dieser Form am 1. Januar 2014 in Kraft tritt.

  • Maximale Förderung bei einer Gruppenstärke von 25 Kindern. Weniger Kinder, weniger Unterstützung vom Land
  • Eine Deckelung der Betreuungszeit pro Kind auf 42,5 Stunden. In den meisten Fällen bedeutet dies deutliche Einschnitte bei den Öffnungszeiten, zum Beispiel von 7.30 Uhr bis 16 Uhr. Im Durchschnitt rechnen Kita-Leiterinnen heute mit 50 Stunden pro Kind. Die Kita Julienstift hat täglich von 7 bis 17 Uhr geöffnet.
  • Kleinkinder-Gruppen (unter drei Jahren) drohen auf eine Stärke von 16 anzuwachsen.
  • Bis zu einer Quote von 20 Prozent können Personalstellen mit Nicht-Fachkräften besetzt werden. Kritiker fürchten um die Qualität der Betreuung und eine Entwertung des Berufs.
  • Durch die Stichtagregelung zum 1. März wächst der Druck auf die Kindergartenleiter, möglichst viele Kinder zu diesem Zeitpunkt in der Gruppe zu haben. Das Freihalten der Plätze für Kinder, die Kita-nah wohnen, fällt weg.
  • Für die SPD-Politiker im hessischen Landtag, Gerhard Merz und Thomas Spies, steht fest, dieser Gesetzesentwurf ist „schlecht“. „Die Gruppenzahl geht nach oben, die Betreuungszeit nach unten. Die Bürokratie nimmt Überhand, die Qualität der Betreuung sinkt“, sagt Merz. Er hält es für den völlig falschen Weg, in Zeiten, in denen frühkindliche Erziehung in der Gesellschaft einen immer größer werdenden Stellenwert einnimmt, nun Gruppen zu fördern, die bis unters Dach vollgestopft werden. Geradezu skandalös empfindet er die Entscheidung, eine „Entprofessionalisierung der Fachkräfte zuzulassen. „Das ist ein Schlag in das Gesicht einer jeden Erzieherin. Zudem öffnet eine solche 20-Prozent-Regelung die Tür für befristete Verträge und damit für große Unzufriedenheit unter den Angestellten.“

Marburgs Bürgermeister Franz Kahle sieht in dem Grundgedanke, die lange Debatte des KiFöGs beenden zu wollen, den richtigen Ansatz. Zielführend seien die Ergebnisse nicht. „Die Pläne fallen weit hinter das zurück, was anfangs angedacht war.“ In Marburg sei es das Ziel, die Personalstandards zu erhöhen und nicht eine Pauschale pro Kind anzuvisieren. „Dieses Gesetz als Möglichkeit zum Sparen nutzen zu wollen, geht in die falsche Richtung.“ Eine Kita solle nicht nur zur Aufbewahrung, sondern als pädagogisch sinnvolle Einrichtung dienen.

Eine Aussage, die Mara Meske, Leiterin der Kita „Unter dem Gedankenspiel“ in Wehrda, mit Nachdruck unterstreicht: „Die frühkindliche Zeit ist die wichtigste Bildungszeit überhaupt. Die Kinder lernen Grundsätzliches, der soziale Prozess beginnt.“ Daher gehören gerade in diese Lebensphase hochqualifizierte Erzieherinnen und ein hoher Betreuungsschlüssel.“ Mara Meske ist aber überzeugt, in Marburg von diesen Debatten nicht allzu sehr betroffen zu sein. Sie ist überzeugt: „Die Stadt fängt das ab.“

von Carsten Bergmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr