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Zentrum leidet unter Schadstoffen

Luftverschmutzung Zentrum leidet unter Schadstoffen

Schlechte Luft in der Universitätsstraße: An kaum einem anderen Standort in Hessen ist die Schadstoffbelastung durch Stickstoffoxide und Kohlenmonoxid so hoch wie in Marburgs Stadtzentrum.

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Einige Schadstoffwerte, die die Luftmessstation in  der Universitätsstraße misst, sind nach Interpretation von Marburger Kommunalpolitikern „Besorgnis erregend hoch“. Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) relativiert die Daten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Jahresmittel-werte für NO und NO2 (je 40 μg/m³) sind in der Universitätsstraße überschritten worden. Die dort aufgebaute Messstation ermittelte Daten, wonach an diesem Standort bei NO das hessenweit viertschlechteste (53,2), bei NO2 das 13.-schlechteste (44,6) Ergebnis erreicht wurde. Zudem ist der landesweit höchste Achtstunden-Mittelwert bei Kohlenmonoxid erreicht worden, der bei 3,28 mg/m³ liegt (maximal zulässig: 10). Das geht aus dem Lufthygienischen Jahresbericht 2014 des Hessischen Landesamts für Umwelt und Geologie (HLUG) hervor, das die Immissionsbelastung entlang der Straße als „hoch“ bewertet.

Ein weiteres Problem in der Universitätsstraße ist die Belastung durch Feinstaub. Hessenweit ist beim sogenannten PM10 der siebtschlechteste Wert dort gemessen worden (22,5 μg/m³), der drittschlechteste bei PM2,5 mit 15,4. Jedoch liegen die Kennzahlen unter den Alarm-Werten (40 bzw. 25 μg/m³).

Nur im Frühjahr und im Herbst kam es laut HLUG an fast allen hessischen Stationen zu Überschreitungen des zulässigen PM10-Tagesmittelwertes. Am Jahresende wurde die zulässige Anzahl von 35 Überschreitungen aber weder in Marburg, noch an einer anderen  Messstation erreicht (häufigste Überschreitung: Kassel mit 25).

Als wesentliche Ursache der Überschreitungen sowohl bei den Stickstoffoxiden als auch bei Kohlenmonoxid und Feinstaub sind laut Landesamt „die Emissionen des Kfz-Verkehrs anzusehen“. Speziell die NO-Werte bewegen sich seit Jahren auf „einem vergleichsweise hohen Niveau, was zu erheblichen Einhaltungsproblemen des NO2-Langzeitgrenzwertes führt“, heißt es vom HLUG.

Bezogen auf den gesamten Marburger Stadtbereich sehen die Schadstoff-Daten ohnehin anders aus: Der Feinstaubwert liegt bei 18,7, die Stickstoffoxide NO (11,5) und NO2 bei 23, Kohlenmonoxid-Belastungen wurden nicht festgestellt. Zudem sinke die Beeinträchtigung der Luft vor allem durch Feinstaub, Kohlenmonoxid und Stickstoffoxide in den vergangenen Jahren  um 14 bis 28 Prozent. Dennoch: Das Zentrum ist belastet.

Linke: „Erhebliche Gesundheits-Belastungen“

„Große Sorge macht uns das“, sagt Christian Schmidt, Vorstand der Marburger Grünen auf OP-Anfrage. Es bestehe „zweifellos dringender Handlungsbedarf“. Die Grünen plädieren für einen „massiven Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, des Radverkehrs und eine sinnvolle Regulierung des Individualverkehrs, der die verstopfte Innenstadt entlastet“. Konkret: Seilbahn zum Klinikum auf den Lahnbergen und die Einführung einer Umweltzone, wie sie vom Magistrat zuletzt im März 2014 vorgeschlagen wurde. „Nur Autos, die den strengsten Abgasnormen entsprechen, sollen ungehindert in der Innenstadt verkehren dürfen“, sagt Schmidt. Um die Luftqualität zu verbessern, sollte zudem flächendeckend Tempo 30, auf der Stadtautobahn Tempo 80 eingeführt werden.

„Diese Werte sind Besorgnis erregend  und skandalös zugleich“, sagt Henning Köster, Fraktionschef der Linken in der Stadtverordnetenversammlung. Fußgänger und Radfahrer seien „erheblichen gesundheitlichen Belastungen  und Gefährdungen“ ausgesetzt. Weitere Messstellen in der Stadt würden Köster zufolge „deutlich machen, wie hoch die Belastung auch an anderen Stellen, etwa rund um die Elisabethkirche, ist“.

Eine Umweltzone befürwortet er. Weitere Forderungen: Tempo 30 in der ganzen Innenstadt, begleitet von tempodrosselnden Umbauten auf den Fahrbahnen sowie mehr Investitionen in Rad- und Busverkehrs-Verbesserungen. „Die wirksamste Maßnahme  gegen die Feinstaubbelastungen  ist die Umsetzung eines detaillierten Umwelt- und Verkehrsentwicklungsplans mit dem Ziel der Rückdrängung des Autoverkehrs zugunsten  der umweltfreundlichen Verkehrsmittel“, sagt Köster.

Luftreinheitsplan sieht mehr E-Mobilität vor

Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) ordnet die Messwerte anders ein. Alle Daten – einschließlich Kohlenmonoxid – „liegen absolut unterhalb der geltenden Grenzwerte“. Alle HLUG-Ergebnisse von 2014 befänden sich „auf demselben Niveau wie 2013“, Veränderungen ließen sich nicht feststellen.

Die Situation liege an dem Mix aus Verkehrsdichte und baulicher Enge in dem Bereich. Abhängig vom Klima komme es zu einer „Anreicherung an Luftschadstoffen“. Kahles Hoffnungen liegen in der Fortschreibung des Luftreinheitsplans für die Stadt. „Leider zeigt sich, dass die Maßnahmen noch nicht ausreichen. Verstärkung von E-Mobilität, Erdgasfahrzeuge etc. – der Anteil dieser Systeme ist noch zu gering, um in Marburg nennenswert Auswirkungen zu haben“, sagt er.

von Björn Wisker

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