Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Zeit, etwas zurückzugeben

Nach Leukämie-Erkrankung Zeit, etwas zurückzugeben

2004 erkrankte die damals dreijährige Anika Jockel an Leukämie. Heute, zehn Jahre später, geht es ihr „super“, sagt sie. Ihr Vater Günter spendete sein Geburtstagsgeld der Elterninitiative für leukämie- und tumorkranke Kinder.

Voriger Artikel
Radler werben für die Organspende
Nächster Artikel
Wenn die Medizin nicht die Lösung hat

Anika (von links), Vater Günter und Bruder Felix Jockel besuchen Marion Gründel im Stützpunkt „Steinweg 32“. Gemeinsam erinnern sie sich an Anikas Leukämie-Erkrankung.

Quelle: Lisa Martina Klein

Marburg. Die Erinnerungen verblassen bereits, sind längst nicht mehr Teil des Alltags. Es scheint unwirklich, wie aus einem anderen Leben, sagt Anika Jockel. Sie meint damit den Blutkrebs, an dem sie als Dreijährige erkrankt war.

Rückblick: Anfang November 2004 geht Vater Günter mit Sohn Felix, damals sechs Jahre alt, und Tochter Anika spazieren. „Auf einmal sagte Anika, sie könne nicht mehr gehen. ‚Trag mich‘“, erinnert sich Jockel. „Sie fing an zu weinen und meinte, ihr täte alles weh. Und auf einmal war Anika irgendwie krank.“

Der Kinderarzt schickt Mama Ina mit Anika sofort in die Kinderklinik in Marburg. „Ich war zum ersten Mal überhaupt auf einer Geschäftsreise, als ich den Anruf meiner Frau bekam mit der Diagnose: Anika hat Krebs, Leukämie“, sagt Jockel. „Ich hab sofort an Tod gedacht.“ Jährlich erkranken etwa 13500 Menschen an Leukämie, knapp 4000 sterben daran. Bei Anika ist es die akute lymphatische Leukämie (ALL), eine besonders akute Form, die meist bei Kindern auftritt. Auch wenn die Heilungschancen bei 80 Prozent liegen, weiß die Familie nicht, was auf sie zukommt.

Wenige Tage nach der Diagnose beginnt Anikas Chemo-Therapie in der Kinderklinik am Firmanei-Platz. „Otto“

 nennen sie den Ständer, an dem der Tropfbeutel hängt, der Anika durch einen Port im Schlüsselbeinbereich mit Medikamenten versorgt. Otto wird Anikas ständiger Begleiter der nächsten acht Monate im Krankenhaus.

Das Kortison der Chemo-Therapie lässt Anikas Gesicht und Bauch anschwellen, sie hat ständig Hunger, erbricht sich. Schon bald muss Vater Jockel Anikas Haare abscheren. „Ich habe meine langen Haare geliebt, vor allem die Locken. Mein Patenonkel hat sich dann auch die Haare abscheren lassen, das war cool“, erzählt Anika. Nur wenn sie nach Hause darf, wird Otto abgehängt. „Ich habe mich immer sehr auf zuhause gefreut, darauf, dass die Familie unter sich war, und nicht im Krankenhaus“, sagt sie. Der Spagat zwischen normalem Leben und Krankenhaus wird immer schwerer für Günter und Ina Jockel.

„Ich dachte, sie stirbt“

„Man funktioniert, man arbeitet, man hofft, dass alles so schnell wie möglich vorbei geht, aber die Zeit kommt einem unendlich vor“, sagt Jockel. Natürlich dreht sich anfangs alles um Anika, aber es gibt ja auch noch Felix. Jockel muss sich manchmal ganz bewusst dafür entscheiden, nach der Arbeit nicht ins Krankenhaus zu fahren, sondern nach Hause zu seinem Sohn. „Klar war es doof, dass sie die ganzen Geschenke bekommen hat. Aber richtig eifersüchtig war ich nicht. Anfangs hatte ich riesige Angst um sie, da dachte ich, sie stirbt“, erzählt Felix, heute 17, wie er die Zeit erlebt hat.

Die gute Nachricht: die Krebszellen sind schon nach wenigen Wochen aus den Knochen verschwunden. Zum Feiern ist trotzdem keinem zumute. Die Therapie geht weiter, denn die Gefahr eines Rückfalls ist groß. Erst langsam erholt sich Anika von den schweren Nebenwirkungen der Therapie.Da Anikas Immunsystem sehr geschwächt ist, erkrankt sie immer wieder an Lungenentzündungen. Als auch das überstanden ist, kehrt Normalität ein. „Man vergisst sehr schnell wieder was war und regt sich über Alltagsprobleme auf“, sagt Jockel. 2010 dann allerdings der große Schreck: die Hausärztin diagnostiziert einen Rückfall - fälschlicherweise. „Da kam alles wieder hoch in uns, die ganzen Erinnerungen“, erzählt Jockel.

Auf der onkologischen Station in der Kinderklinik wird Anika unter anderem von der Diplompädagogin und Fachkinderkrankenschwester Marion Gründel betreut. „Sie war trotz allem ein zufriedenes und lebhaftes Kind, mit einem guten Appetit. Es freut mich sehr, sie heute so zu sehen, so gesund.“

Heute erinnert nur noch eine Narbe vom Port und eine Kiste mit Fotos, Zeitungsartikel, dem Port selbst und dem Schnuller an die Zeit im Krankenhaus. Anika ist 14, geht auf die Mittelpunktschule in Halsdorf, reitet gerne und schmiedet auch schon Zukunftspläne für die Zeit nach dem Abschluss. Ihr ganz, ganz großer Traum? „Eine Gesangsausbildung! Wenn das nicht klappt, würde ich gerne Visagistin werden.“

Heute ist auch die Zeit, etwas zurückzugeben, anderen Mut und Hoffnung zu machen, findet Jockel. Vor kurzem wurde er 50 Jahre alt. Auf seiner Geburtstagsfeier hat er Geld gesammelt für die Elterninitiative von ­Marion Gründel und Karl Kreh. 500 Euro waren zusammengekommen, die die Initiative für ihre tägliche Arbeit mit tumorkranken Kindern, deren Eltern und Geschwister dringend braucht.

von Lisa-Martina Klein

 
 
HINTERGRUND
Die Elterninitiative für leukämie- und tumorkranke Kinder Marburg kümmert sich seit 1985 um die Unterstützung und Entlastung der akut betroffenen jungen Patienten, deren Eltern und Geschwistern. Der Verein finanziert sich durch Spenden, die Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Infos unter www.elterninitiative-kinderkrebs-marburg.de
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr