Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Zeigen, was weggelassen wurde

Historischer Atlas von Breslau veröffentlicht Zeigen, was weggelassen wurde

Um den Feinden strategisch wichtige Orte vorzuenthalten, wurden Stadtpläne im Krieg häufig verfälscht. Anhand von Luftbildern konnten Historiker des Herder-Instituts Karten vom alten Breslau rekonstruieren.

Voriger Artikel
Alles rund um "3 Tage Marburg"
Nächster Artikel
Eine sportliche Reise zu sich selbst

Der Geologe Dariusz Gierczak (von links) und Dr. Christian Lotz, Leiter der Kartensammlung, präsentieren ihre Ergebnisse.

Quelle: Freya Altmüller

Marburg. Aufdecken, was weggelassen wurde – das war eines der Ziele der Kartographen, Geographen und Historiker des Herder-Instituts für ihren neuen Stadtatlas von Breslau. Den fünften Band in der Reihe der historisch-topografischen Atlanten schlesischer Städte präsentierten jetzt der Leiter der Kartensammlung, Dr. Christian Lotz, der Geologe Dariusz Gierczak und die Kartographin Charlotte Gohr.

Auf dem Luftbild der Deutschen Luftwaffe von 1944 (unterer Ausschnitt) ist die Fabrikhalle der Linke-Hoffmann-Werke in der Mitte des Bildes deutlich zu erkennen. Auf dem Pharus-Plan Breslau (oberer Ausschnitt) von 1940 wurde sie weggelassen. (Quelle: Herder-Institut)

Um einen deutschen Stadtplan von 1940 zu überprüfen, setzten die Wissenschaftler 32 Bilder der deutschen Luftwaffe zusammen, die auf einem Flug im Jahr 1944 senkrecht von oben aufgenommen wurden. Dabei entdeckten sie, dass auf dem Stadtplan strategisch wichtige Orte wie ein Güterbahnhof, eine Kaserne und Rüstungsfirmen nicht dargestellt wurden. Feinden wie der Sowjetunion sollten solche Informationen auf den frei verkäuflichen Stadtplänen nicht zugänglich sein.

Mit Hilfe der Luftbilder fanden die Wissenschaftler heraus, wo sich das Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen befand. Die Fabrikhalle der Linke-Hoffmann-Werke, in der es 1944 eingerichtet wurde, entdeckten sie in der Grundstraße 12, heute Fabryczna 12. Die Werke stellten Schienenfahrzeuge her und ab 1943 auch Antriebsmotoren für die V2-Rakete. Später wurden sie von Bombardier Transportation übernommen.
Genauso wenig auf der Karte von 1940 zu finden war die Zweigstelle der Ardelt-Werke Eberswalde, die Rüstungsgüter produzierte. Später wurde daraus
ein Lager für Zwangsarbeiter.

Auch Umweltgeschichte spiegelt sich in Karten

„Die Geschichte Breslaus hat sich in die Topographie der Stadt eingeschrieben“, sagte Dr. Christian Lotz, Leiter der Kartensammlung.

Beispielsweise wurde während des Zweiten Weltkriegs auf der Prachtstraße ein Rollfeld für Flugzeuge errichtet und das Areal in der Umgebung abgeflacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es vollständig neu gestaltet.

Auch die Umweltgeschichte spiegelt sich in den Karten, beispielsweise wurde in den 1920er-Jahren ein künstlicher Oderkanal angelegt, als Handelsstraße und als Schutz vor Hochwasser.

Mithilfe des Bild- und Kartenmaterials in dem Band lässt sich die Entwicklung der Stadt nachvollziehen, von der ersten überschaubaren Siedlung bis hin zu einer Stadt mit heute über 630 000 Einwohnern. Dabei konzentriert sich der Atlas auf die Zeit nach 1800, den Beginn der Industrialisierung. Er ist auf Deutsch, Polnisch und Englisch erschienen.

von Freya Altmüller

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr