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Zahlen vermitteln Sicherheit

Kriminalstatistik Zahlen vermitteln Sicherheit

„Hier leben Sie sicher!“: Das ist die Kernaussage jeder polizeilichen Kriminalstatistik – zu Recht. Und doch ist die Aussagekraft der Zahlen begrenzt.

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Quelle: Thorben Wengert/Pixelio

Es ist eine Erkenntnis, die dem Rechtsempfinden gefällt, den Opfern und ihren Angehörigen bei der Bewältigung der Folgen oft aber nicht automatisch weiterhelfen kann: Nach wie vor gilt – je schwerer das Verbrechen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es aufgeklärt wird. Während die Polizei fast jeden Mord und Totschlag, aber auch etwa 90 Prozent der Körperverletzungen aufklären kann, stehen die Chancen zum Beispiel bei Diebstählen deutlich schlechter.
Straftaten gegen das Leben, dazu zählen neben Mord und Totschlag die fahrlässige Tötung, aber zum Beispiel auch unerlaubte Schwangerschaftsabbrüche, blieben im vergangenen Jahr auf dem gleichen Niveau wie 2011. In Mittelhessen wurden mit 52 Fällen zwei weniger gezählt als im Vergleichsjahr, in Marburg-Biedenkopf blieb es bei 15 Delikten – alle wurden aufgeklärt. Im Lahn-Dill-Kreis lag diese Zahl vergangenes Jahr mit 21 Fällen deutlich höher – dafür verzeichnete man dort insgesamt die wenigsten

Straftaten (9 745) der vier mittelhessischen Polizeidirektionen. Unser Kreis liegt hier mit 10 579 Taten an zweiter Stelle, zusammen kommt Mittelhessen auf 49 895 Fälle.

Erfolg der „AG Weinberg“

Für unseren Landkreis (minus 7,5 Prozent Straftaten) und die Stadt Marburg (minus 11,9) zeichnet die Polizeistatistik eine deutlich positive Entwicklung. Der starke Rückgang der registrierten Straftaten in Marburg um 650 auf 4 824 Fälle wird zu einem großen Teil auf einen starken Rückgang bei Diebstahlsdelikten (minus 300 Fälle) zurückgeführt, aber auch weniger Vermögensdelikte (minus 111) schlugen hier zu Buche.
Die Aufklärungsquote in Marburg liegt mit konstanten 55,3 Prozent gleichwohl deutlich unter der Kreisbilanz (61,7). Zum Vergleich: Im Wetteraukreis beträgt die Aufklärungsquote 56,2 Prozent, im Kreis Gießen 66,7 (in der Stadt Gießen sogar 70,5). Auch das sagt weniger über die Qualität der Polizeiarbeit als über Struktur und Gegebenheiten vor Ort. Dazu später mehr.
In Marburg-Biedenkopf lässt sich ein deutlicher Anstieg der Aufklärungsquote bei Wohnungsdiebstählen von 21,8 (2011) auf 27,5 Prozent feststellen. Zurückzuführen ist dieser in erster Linie auf einen Fahndungserfolg der heimischen Polizeiermittlungsgruppe „Weinberg“ mit der Festnahme einer Einbrecherbande in Niederweimar. Die erbeuteten Schmuckstücke und Wertgegenstände wurden inzwischen von der Polizei in einer „Ausstellung“ in Marburg, Ingelheim, Offenbach und Bruchsal gezeigt (die OP berichtete). Von den 1 600 sichergestellten Beuteteilen konnten bislang mehr als 500 den eigentlichen Besitzern zurückgegeben werden. Ein ermutigender Erfolg für die Ermittler, der an dem Grundproblem bei Diebstahldelikten aber nur kratzen kann. Weiterhin bleiben in der Regel drei von vier Einbrüchen ungeklärt. Der Erfolg steht und fällt hier oft mit der Aufmerksamkeit von Nachbarn und anderen möglichen Zeugen.

Bilanz im „Marktdreieck“

Das von der Bevölkerung immer wieder als Kriminalitäts-Brennpunkt wahrgenommene  „Marktdreieck“ in der Marburger Innenstadt wird von der Polizei auch statistisch eigens erfasst. In diesem Bereich – dazu zählen Biegenstraße, am Rudolphsplatz, Erlenring, Am Erlengraben, Lingelgasse, Elisabeth-Blochmann-Platz, Luisa-Häuser-Brücke, Gerhard-Jahn-Platz (Kino-Vorplatz) und Mensagelände – gingen die registrierten Straftaten auf offener Straße 2012 um 3 auf 41 zurück. Dies waren 17 Körperverletzungen, 14 Sachbeschädigungen, 6 Diebstähle und zweimal Raub oder räuberische Erpressung, je einmal lag eine Beleidigung oder Widerstand gegen die Staatsgewalt vor. Bei 26 von 41 Taten stehe ein Täter fest, so Polizeisprecher Martin Ahlich.
Während im „öffentlichen Raum“ des Marktdreiecks die Deliktzahl seit 2009 also kontinuierlich zurückging – von 66 auf 64 im Jahr 2010 auf jetzt 41 –, steigen die Vorfälle im nichtöffentlichen Raum (Geschäfts- oder Privaträume) an. Waren es dort 2009 und 2010 jeweils 171 angezeigte Taten, wurden 2011 schon 224 und vergangenes Jahr 243 Fälle angezeigt. In erster Linie sind dies Ladendiebstahl und Hausfriedensbruch, letzterer vorwiegend als Verstoß gegen ausgesprochene Hausverbote in Geschäften. Eine Analyse der vergangenen Jahre zeigt auch eine deutliche Zunahme der im Marktdreieck angezeigten Ladendiebstähle, von 92 im Jahr 2010 auf 147 im Jahr 2012.

Für den Kreis verzeichnet die Polizei nur beim Wohnungseinbruch (plus 15 auf 189 Fälle) und bei Raubdelikten (plus 8 auf 107) steigende Tendenz, alle anderen Zahlen sind rückläufig.

Stadt Gießen „liegt vorne“

Wie wenig vergleichbar die  Statistik aber bisweilen ist, wird beim Blick in den Nachbarkreis Gießen deutlich. Dort gibt es gegen den mittelhessischen Trend (plus 1 Prozent) einen scheinbar alarmierenden Anstieg von 8 Prozent auf 16 324 registrierte Straftaten – immerhin 1 204 Fälle mehr als 2011.
In der Stadt Gießen wurden allein 10 680 Taten gezählt – soviel wie im gesamten Kreis Marburg-Biedenkopf und mehr als doppelt so viele wie in der an Einwohnern gemessen ebenso großen (Universitäts-)Stadt Marburg. Dass Gießen trotzdem nicht „unsicherer“ ist, zeigt die Erklärung für den Anstieg. Er hängt laut Polizei in erster Linie damit zusammen, dass in Gießen mehr Verstöße gegen das Aufenthalts- und Asylverfahrensgesetz aktenkundig wurden. Das wiederum hat mit der dort ansässigen Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge zu tun. Die hat Ende 2011 ihr Anzeigeverhalten umgestellt, sodass viel mehr Fälle in Gießen registriert wurden. So stieg die Zahl der Asyl- und Aufenthaltsverstöße in Gießen um 1 366 auf 2 849  – in Marburg verzeichnete man im gleichen Zeitraum 26 Fälle. Auch wenn dies Straftaten sind, so Polizeipräsident Manfred Schweizer bei der Vorstellung der Statistik, beeinträchtigten diese „nicht die objektive Sicherheit der Bürger, zumal durch diese Delikte niemand in der Bevölkerung direkt betroffen oder gar geschädigt“ worden sei.

Wer noch tiefer in die Zahlen eintauchen möchte, kann dies im Internet auf der Seite  www.­polizei.hessen.de tun. Dort führt der Menüpunkt “Statistik” auf das gesamte Statistikangebot der hessischen Polizeipräsidien.

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