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Zahl der Impfungen nimmt zu

Masern Zahl der Impfungen nimmt zu

Angesichts der steigenden Masernfälle wird die ­Diskussion um eine von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) geforderte Impfpflicht auch in Marburg lauter. Wie ­sehen das die Experten? Die OP hat sich umgehört.

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Wird die Masernimpfung in Deutschland zur Pflicht? Angesichts immer wiederkehrender Infek­tionsfälle und beratungsresistenter Eltern wird dies nun diskutiert.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Hermann Gröhe will sie haben: die Impfpflicht. Angesichts der hohen Zahl an Masern-Erkrankungen in Deutschland sei es „verantwortungslos, nicht zu impfen“, findet der CDU-Gesundheitsminister und brachte im April einen entsprechenden Gesetzentwurf auf den Weg, über den im Deutschen Bundestag beraten wird. Im Präventionsgesetz sei vorgesehen, dass Eltern, deren Kinder eine Kita besuchen sollen, eine verpflichtende Impfberatung erhalten.

In Marburg ist inzwischen ein zwölfter Schüler der Waldorfschule an Masern erkrankt, teilte das Gesundheitsamt am Dienstag mit. Diesmal handelt es sich um einen Schüler der siebten Klasse. Ab jetzt werde die Behörde nicht mehr „über jeden einzelnen zusätzlichen Masernfall berichten“, heißt es in der Pressemitteilung des Kreises weiter.

Das Gesundheitsamt bleibt beim Thema Impfpflicht skeptisch. „Wir setzen vor allem auf Aufklärung und Vernunft der Menschen“, so Kreissprecher Stephan Schienbein. Er ist sich sicher, dass damit eine Impfquote von 95 bis 97 Prozent erreicht werden könne.

Masernpatienten müssen beim Arzt durch Schleuse

Seit dem Ausbruch der Masern an der Waldorfschule lassen sich deutlich mehr Marburger impfen. „Viele Eltern haben Angst um ihre Babys“, sagt Kinderarzt Dr. Markus Wegmann, der im Moment vor allem Säuglinge, aber auch Erwachsene impft, die ihre Masernimpfung auffrischen lassen möchten oder sich nicht sicher sind, ob ihre Impfung ausreichend ist. Er lobt, dass sich die Impfmoral in Marburg, „bis auf einen harten Kern der Unbelehrbaren“, in den letzten Jahren gebessert habe.

Es sei jedoch vorgekommen, dass sich Eltern mit einem von Masern übersäten Kind in den Warteraum einer ihm bekannten Marburger Kinderarztpraxis gesetzt hätten, ohne die Mitarbeiter vorher vorzuwarnen. Für den Marburger Kinderarzt, dessen Praxis Masernerkrankte nur durch eine „Schleuse“ betreten dürfen, nicht nachvollziehbar.

„Vielen“, so kommt es Professor Michael Lohoff vom Uniklinikum Marburg vor, „scheint das Ausmaß der Krankheit nicht bewusst zu sein.“ Masern seien nicht nur eine hochansteckende, sondern auch eine lebensbedrohliche Krankheit. „Die Nebenwirkungsrate für eine Gehirnhautentzündung ist eine extrem ernstzunehmende Häufigkeit“, warnt der Mikrobiologe und Immunologe.

Freiheitsrecht der Eltern gegen Rechte der Kinder

Dieses Risiko nehmen Eltern in Kauf, die ihre Kinder nicht impfen lassen. „Ich empfinde das als Körperverletzung“, so Lohoff. „Die Kinder, die an Masern erkrankt sind, hatten keine Chance. Die Eltern haben für sie entschieden. Ist es dann wirklich eine freie Entscheidung?“, fragt er und spricht sich für eine Impfpflicht aus.

Doch verstößt eine gesetzlich eingeführte Impfpflicht nicht gegen die Freiheitsrechte, an denen viele Impfgegner so vehement festhalten? „Die Freiheitsrechte der Eltern enden dort, wo die Rechte der Kinder missachtet werden“, stellt Dr. Wolfram Hartmann, der Präsident des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), im OP-Gespräch klar und hebt das in der UN-Kinderrechtskonvention verankerte „Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit“ (Artikel 24) hervor. Dieses Höchstmaß könne nur durch entsprechende Vorsorge gewährleistet werden.

Hartmann geht die von Gröhe geplante Impfberatung nicht weit genug. Schließlich diskutieren Ärzte schon seit Jahren über das Thema Masern. Das Problem: „Viele Eltern lassen sich von sogenannten ,Experten‘ beraten, die auf vermeintliche Impfschäden aufmerksam machen, die aber nirgends dokumentiert sind.“

Bauchschmerzen bereitet ihm auch, dass 10 bis 15 Prozent der Mediziner Eltern vom Impfen abraten. Dies, so Hartmann, verstoße eindeutig gegen die Impfschutzlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA). „Ärzten, die Impfungen aus ideologischen Gründen ablehnen, sollte die Zulassung entzogen werden“, fordert er.

von Ruth Korte

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Zahl der Fälle steigt auf elf an

Knapp drei Wochen ist es her, dass ein Elftklässler der Waldorfschule an Masern erkrankt war. Inzwischen haben sich die Masern über mehrere Klassen und Jahrgangsstufen ausgebreitet, so dass aktuell elf Schüler betroffen sind. Dies teilten der Landkreis Marburg-Biedenkopf als zuständige Gesundheitsbehörde und die Marburger Waldorfschule am Montag mit.

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