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„Yalla, yalla“ mit dem Taxi nach Gießen

Neue Vorwürfe gegen European Homecare „Yalla, yalla“ mit dem Taxi nach Gießen

Für Nama Sammer und Dasho Ahmad war Marburg die erste neue Heimat in Deutschland nach ihrer Flucht aus Syrien.

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Dasho Ahmad (links) und Nama Sammer machten während ihrer Zeit im Cappeler Camp gänzlich unterschiedliche Erfahrungen mit dem dort arbeitenden Personal von European Homecare.

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Der aus Damaskus stammende Sammer sieht die Erstaufnahmeeinrichtung an der Umgehungsstraße mittlerweile von der anderen Seite des Zauns: Der 45-Jährige lebt in einer Wohnung in Cappel und hat an die Wochen im „Camp“ weitaus bessere Erinnerungen als der zehn Jahre jüngere Ahmad.

„Zumindest während der Zeit, die ich dort verbrachte, gab es dort hervorragende Mitarbeiter, und dafür habe ich mich auch bei der Stadt bedankt“, sagt Sammer im Gespräch mit der OP. Es sei unfair, dass schlecht über das Personal gesprochen werde: „Wenn behauptet wird, dass die mittlerweile entlassenen Personen und insbesondere die Leiterin Christen besser behandelt haben sollen als Muslime, dann stimmt das aus meiner Sicht nicht“, sagt Nama Sammer über die gut zwei Monate, die er in der Erstaufnahmeeinrichtung in Marburgs Süden verbrachte.

Tenor: Beschwerden bitte an jemand anderen richten

Das damalige Personal von European Homecare (EHC) lernte Dasho Ahmad nur ganz kurz kennen, machte mit den Mitarbeitern der „zweiten Generation“ dafür umso einschneidendere Erfahrungen, wie er berichtet. So habe er fast einen Monat auf einen Termin für die obligatorische ärztliche Untersuchung warten müssen – „15 Tage, das ist normal, bei mir waren es 29“.

Den neuen Leiter des Camps habe er auf das Problem angesprochen. „Er sagte zu mir: ,Gib mir zwei Tage Zeit.‘ Als ich ihn nach vier Tagen noch einmal darauf ansprach, herrschte er mich an, er habe mit der Sache nichts zu tun und wenn ich mich beschweren wolle, solle ich zu jemand anderem gehen.“

Immer wieder, erzählt Ahmad, habe er erlebt, in welch herabwürdigendem Ton Mitarbeiter mit ihm und anderen Flüchtlingen sprachen. „Als ich mich einmal im Namen eines Familienvaters mit kranken Kindern darüber beschweren wollte, dass die Heizung nicht funktionierte, sagte eine libanesische Dolmetscherin zu mir: ,Red‘ nicht mit mir, bevor ich meinen Kaffee getrunken habe.‘“

Selbst als ein anderer Dolmetscher, den Ahmad darum gebeten hatte, wegen eines Moscheebesuchs für ihn ein Taxi anzurufen, ihm erwiderte „Hältst du dich für Assad?“, habe er noch davon abgesehen, sich offiziell über die verbalen Entgleisungen zu beschweren. Doch eben jener Dolmetscher habe versucht, im Camp seine Macht auszuspielen und ihn zu schikanieren: „Es hatte ihm jemand gesagt, ich hätte mich doch an offizieller Stelle über ihn beschwert“, erinnert sich der 35-jährige, aus Aleppo stammende Ahmad.

Morgens um sechs ist die Welt nicht mehr in Ordnung

Dann, an einem Novembermorgen, habe ihn um sechs Uhr einer der Dolmetscher mit den Worten geweckt: „Mach schnell, du hast einen Transfer.“ Darauf hatte Ahmad lange gewartet, doch er fühlte sich völlig überrumpelt: „Normalerweise stehen die Namen der Transferflüchtlinge einen Tag vorher auf einer Liste, damit man in Ruhe packen kann.“

In seinem Fall habe bereits das Taxi mit laufendem Motor am Campeingang gestanden: „Yalla, yalla, los, oder glaubt ihr, ihr wisst besser als ich, was hier zu tun ist?“, habe der Dolmetscher noch gesagt, und Ahmad war mit einem weiteren Syrer auf dem Weg nach Gießen.

Dort, im zentralen Camp der Erstaufnahmestelle, dann die böse Überraschung: Niemand wusste etwas mit den beiden Ankömmlingen anzufangen, von einem Transfer dorthin war überhaupt nichts aktenkundig: „Wir waren dort nicht im System, aber es gab keinen Weg zurück“, erinnert sich Ahmad, der weitere 17 Tage in Gießen blieb, bevor er zunächst nach Schierstein und schließlich nach Grainau-Hammersbach gelangte.

In dem 4700-Seelen-Ort im Nordwesten von Hanau wohnt Dasho Ahmad jetzt seit zehn Tagen. Und er sagt verbittert: „Ja, ich würde schon die Personen anklagen, die mir das angetan haben.“ Nama Sammer, der während seiner Camptage bessere Erfahrungen machen konnte, ist etwas Anderes wichtig: „Ich bin dankbar für die Aufnahme in Deutschland und entschuldige mich für Köln. Das repräsentiert uns nicht.“

Im Februar soll auf Initiative des Regierungspräsidiums Gießen ein Gespräch mit allen Akteuren der Marburger Erstaufnahmeeinrichtung stattfinden. Das teilte eine RP-Sprecherin der OP am Freitag mit.

von Carsten Beckmann

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