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Wut eines Wirts: Hungerstreik für Inder

Protest eines Marburgers Wut eines Wirts: Hungerstreik für Inder

Nirmal Singh Hanspal demonstriert für die Freilassung politischer Gefangener in Indien. Vor dem Konsulat in Frankfurt ist er in den Hungerstreik getreten – am Brandenburger Tor in Berlin hat er das auch noch vor.

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Nirmal Singh Hanspal (2. von links) bei seinem Hungerstreik in Frankfurt.

Quelle: privat

Marburg. Der 56-Jährige hat sich den Aktivisten Surat Singh Khalsa, der seit einem halben Jahr im Hungerstreik lebt, zum Vorbild genommen.

Während seiner letzten Indien-Reise Ende Juni lernte der Marburger den 82-jährigen Sikh-Glaubensbruder kennen, der zwei Anliegen hat: Freilassung von seit Jahrzehnten Inhaftierten, Wahrung der Menschenrechte auf dem Subkontinent.

„Tief getroffen war ich, berührt von dieser Begegnung. Ich spürte, dass auch ich etwas tun muss“, sagt Hanspal. Er, der die Geschichte der Sikhs (siehe Infokasten) kennt, entschied sich, ebenfalls in den Hungerstreik zu treten – gegenüber dem indischen Konsulat nahe der Friedrich-Ebert-Anlage in Frankfurt.

Vor 30 Jahren floh der Marburger aus seiner Heimat, kam nach Deutschland, als politisch Verfolgter gewährten die Behörden ihm Asyl. Jene, die nicht flohen, die ab den 1980er-Jahren etwa durch Militäraktionen der Armee in ihren heiligen nord-indischen Stätten erschossen oder gefangen genommen wurden, will er beistehen. „Ich habe die Ungerechtigkeit in den Ohren, die vielen Tausenden damals widerfahren ist und bis heute widerfährt. Das lässt mich schlecht schlafen, ich kann nicht untätig bleiben“, sagt er.

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119 Inhaftierte, die Hanspal zufolge auch viele Jahre nach Verbüßung ihrer ausgeurteilten Haftstrafe noch in Gefängnissen sitzen, will er über öffentliche Proteste befreien. „Da sitzen Leute, die 80, 90 Jahre alt sind im Gefängnis. Leute, bei denen nicht mal erwiesen ist, dass sie etwas Unrechtes getan haben. Wovor haben die Politiker, die Eliten Angst? Dass Leute, die nicht mal mehr auf eigenen Füßen stehen können, Bomben bauen?“ Hintergrund: In Indien gilt seit geraumer Zeit eine Art Notstandsgesetz, womit es den Behörden möglich ist, auch viele Jahre nach etwa einem Terroranschlag, vermeintlich Verdächtige zu verhaften.

„Aber Menschenrechte stehen doch nicht nur in Büchern, man muss diese auch leben“, sagt Hanspal.

Von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwartet er deshalb, „das deutsch-indische Verhältnis nicht nur als Handelspartner, auf die Wirtschaft bezogen zu sehen“. Vielmehr solle die Regierung „entschieden Druck für Menschenrechte machen“. Denn Indien sei mit seinen mehr als einer Milliarde Einwohnern formell zwar die größte Demokratie der Welt – jedoch plage die Nation Vetternwirtschaft. „Korruption ist eines von vielen riesigen Problemen. Das Land hat Atombomben, aber die Leute nichts zu essen.“

Der 56-Jährige eröffnete nach seiner Flucht in der Universitätsstadt Gaststätten, mittlerweile betreibt er ein Restaurant in Gießen. Fünf Kilo nahm er binnen einer Protest-Woche ab. „Mein ganzes Leben habe ich mich ja mit Essen beschäftigt, habe davon eh die Nase voll“, sagt er.

Derzeit organisiert er den nächsten Hungerstreik, diesmal in Berlin, nahe dem Brandenburger Tor.

Sein Vorbild, Aktivist Surat Singh Khalsa wird nach rund 200 Tagen Protest mittlerweile von den indischen Behörden zwangsernährt. Inhaltlich hat die Regierung nicht reagiert.

von Björn Wisker

  • Hintergrund: Sikhs sind Anhänger einer Religion, die im 15. Jahrhundert in Nord-Indien entstand und heute 23 Millionen Anhänger hat. Die meisten leben in Indien. Die Sikh-Religion betont die Einheit der Schöpfung und verehrt einen gestaltlosen Schöpfergott, der weder Mann noch Frau ist. Ein Hauptmerkmal der Reformbewegung ist die Abkehr von traditionellen religiösen Riten sowie die Ablehnung sozialer Hierarchien (Kastensystem). Anstelle religiöser, verbindlicher Lehrsätze, wollen Sikhs Weisheit im Alltag nutzbar machen. Ein Erkennungsmerkmal der Sikhs ist der traditionelle Turban. 1984 – nach Autonomieforderungen der in Nord-Indien dominierenden Sikhs – starben Hunderte der Religionsanhänger, als die indische Armee ein religiöses Zentrum stürmte. Wenige Monate später erschossen Sikh-Leibgardisten die Premierministerin Indira Gandhi. Daraufhin wurden Zehntausende Sikhs in Nord-Indien ermordet, systematisch verfolgt, in Gefängnisse gesperrt.
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