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Würgeschlange auf dem Wanderweg

Entlaufenes Haustier Würgeschlange auf dem Wanderweg

Wenn der Familienhund Reißaus nimmt, wird gesucht. Büxt eine Schlange aus dem heimischen Terrarium aus, wird geschwiegen – wohl aus Angst vor Konsequenzen. 

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1,20 Meter ist schon ein stattliches Format für eine Schlange in unserer Region. Gefährlich ist die Kornnatter trotzdem nicht.

Quelle: Foto: Claudia Lingelbach, Grafik: Nikola Ohlen

Ebsdorf. Um ein Haar hätte Claudia Lingelbach die 1,20 Meter rot-gestreifte Eleganz, die sich auf dem Wanderweg zwischen Frauenberg und Ebsdorf rekelte, mit ihrem Fahrrad zerteilt. Wäre da nicht ihr Mann gewesen, der kurz vorher scharf abbremste. „Vorsicht – Schlange“, schaffte er noch zu rufen. Vollbremsung. Schweigen. Gucken. Staunen.

„Wir haben sofort gesehen, dass das eine Schlange ist, die nicht ins heimische Artenspektrum passt“, erinnert sich Claudia Lingelbach. Rot gemustert. Leise züngelnd. Regungslos in der Sonne liegend. Die Abneigung gegen Schlangen wich der Neugierde. „1,20 Meter sind schon eine respekteinflößende Größe. Aber es war einfach ein schönes Tier“, so Claudia Lingelbach.

So schön, dass das Paar die Digitalkamera zückte. Mit Zoom, wie die 52-Jährige lachend betont. Neben Bildern des gemeinsamen Fahrradausfluges ist nun auch der Schlangen-Schnappschuss auf der Speicherkarte zu finden. Beweisfoto für alle Skeptiker (siehe unten, Grafik: Nikola Ohlen). Zu Hause am PC wurde gegoogelt. „Wir sind alle Schlangen, die in Deutschland vorkommen, durchgegangen. Aber es hat nichts gepasst.“ Freunde und Verwandte wurden gefragt. Und siehe da. Irgendwann der Recherche-Durchbruch: Eine Kornnatter. Nordamerikanische Würgeschlange.

Einsteigertier für Schlangenfreunde

„Ach ja, mal wieder eine Kornnatter. Die wird aus Privathand stiften gegangen sein“, seufzt Michael Wingers fast gelangweilt. Wingers ist Tierpfleger in der Reptilienauffangstation „Terra Zoo“, zuständig für die Länder Hessen und Nordrhein-Westfalen. „Die Kornnatter ist das typische Einsteigertier für Schlangenfreunde. Die ist anspruchslos und vermehrt sich schnell“, weiß Wingers. „Den Sommer wird die Kornnatter  gut überleben. Im Winter wird sie wahrscheinlich erfrieren“, erklärt der Reptilienliebhaber.

Eine Gefahr für den Menschen? Wingers wehrt ab. „Ein Biss wäre zwar schmerzhaft aber nicht giftig. Das ist eine Würgeschlange – die ernährt sich von Mäusen und Ratten. Auch eine Schlange, die vorher im Terrarium lebte, ist ein instinktiver Jäger“, ist sich Wingers sicher. Und falls die Instinkte doch versagen sollten, wird der Ausreißer dennoch nicht so schnell verhungern. „Schlangen kommen monatelang ohne Nahrung aus. Darauf zu warten, dass sie eingeht ist schlecht“, so Wingers.

Auffällige Farbe wird zum Risiko für die Natter

Sie ist keine Gefahr für den Menschen und hat nur geringe Überlebenschancen in hiesigen Gefilden. Es gibt also keinen Grund, beim Anblick der Kornnatter in Panik zu geraten? „Nein. Keineswegs“, beschwichtigt der Experte. Besonders begeistert von der 1,20-Meter langen Entdeckung auf dem Wanderweg zwischen Frauenberg und Ebsdorf ist er trotzdem nicht. „Für die heimische Flora und Fauna ist das eher schlecht. Die Kornnatter ist wesentlich größer als die hier lebenden Arten“, gibt Michael Wingers zu bedenken. Sie steht somit in direkter Nahrungs-Konkurrenz mit Ringelnatter und Co.

„Außerdem könnte es sein, dass sich die unterschiedlichen Arten kreuzen. Sprich: die Kornnatter kann sich rein theoretisch mit den heimischen Nattern vermehren. Das ist in Gefangenschaft schon geschehen.“ Und wo wäre das Problem, Herr Wingers? „Die Tiere, die aus solch einer Kreuzung entstehen, sind oft größer als die hier beheimateten Arten. Sie könnten die hier lebenden Nattern aus ihrem Lebensraum verdrängen.“

Hätte, könnte, wäre – mitten in seiner Überlegung kommt der Reptilienexperte ins Stocken. „Wir reden hier von einer einzigen Kornnatter. Mit ihrer leuchtenden Farbe ist die Schlange ohnehin leichte Beute für einige Vögel. Wahrscheinlich wird sich das Problem von selbst erledigen.“ Nach dem ersten Schreck über ihre Entdeckung dürfte Claudia Lingelbach diese Nachricht traurig stimmen. Schließlich ist sie seit der Recherche auf dem besten Weg, Schlangen-Liebhaberin zu werden. Von der Radtour, auf der sie fast eine Kornnatter überfuhr, wird sie noch lange erzählen. Ebenso von der Erkenntnis, dass Furcht und Faszination manchmal dicht beieinander liegen.

Hintergrund für Schlangenfreunde:

  • Grundsätzlich ist die Haltung von Schlangen durch Privatleute bei der Veterinärbehörde nicht meldepflichtig. Sollte die Schlange naturrechtlich geschützt sein, muss das Tier bei der oberen Naturschutzbehörde (Regierungspräsidium) gemeldet werden.
  • Entwischt eine nicht meldepflichtige Schlange, muss der Besitzer das Verschwinden nicht anzeigen.
  • Wie erkenne ich eine Giftschlange? „Meist haben Giftschlangen einen dreieckigen Kopf. Charakteristisch sind die Augen. Sie haben häufig Schlitzpupillen. Giftschlangen gehen oft sofort in Drohposition“, erklärt Wingers.
  • Was tun bei einem Schlangenfund, Herr Wingers? „Ruhe bewahren und nicht wegen jeder Blindschleiche (übrigens handelt es sich dabei um eine Echsen-Art) das Ordnungsamt rufen. Wer glaubt,  dass das Tier ausgebrochen ist, sollte sich aber melden.“

von Marie Lisa Schulz

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