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Würdevolles Sterben erfordert Begleitung

Palliativmedizin Würdevolles Sterben erfordert Begleitung

Nur sechs Prozent der Deutschen möchten nach einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung ihre letzte Lebensphase im Krankenhaus verbringen.

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Dr. Gangolf Seitz und Britta Thomé berichteten im OP-Gespräch über die Palliativversorgung im Kreis Marburg-Biedenkopf.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Für ein würdevolles Sterben zu Hause müsste jedoch die ambulante palliative Versorgung weiter ausgebaut werden. Denn: In Deutschland  sterben rund 45 Prozent der Menschen im Krankenhaus, in Hessen rund 43, im Landkreis Marburg-Biedenkopf 35,19. Dieser Anteil wird bundesweit nur noch vom Odenwaldkreis unterboten.

Grund: „Es gibt im Landkreis eine sehr gute palliativmedizinische Versorgung, nämlich das stationäre Hospiz, die Palliativstation auf den Lahnbergen, drei ambulante Hospizdienste und die spezielle ambulante Palliativversorgung (SAPV)“, sagt Gangolf Seitz, Leitender Arzt der SAPV.

Von der Hospiznetz-Genossenschaft getragen

Die spezielle ambulante Palliativversorgung wird getragen von der Hospiznetz-Genossenschaft, die 2010 in Marburg gegründet wurde. Ihr Ziel ist es, Menschen mit „einer unheilbaren und fortschreitenden Krankheit, die zum Tod führen wird, zu begleiten“, so Gangolf Seitz. „In der Regel handelt es sich um Krebspatienten.“

Die Betreuung durch die SAPV muss vom Hausarzt verordnet werden. „Wir fahren dann zu den Patienten und prüfen, ob die Richtlinien erfüllt sind“, sagt Gangolf Seitz. Die Leistungen der SAPV werden von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, Private sind zur Zahlung nicht verpflichtet.  

Verbesserung der Lebensqualität der Patienten

Sind die Menschen in der Versorgung, nimmt das SAPV-Team täglich Kontakt mit ihnen auf. „Wir fragen, ob sie Hilfe brauchen, wie es ihnen geht, und zwei- bis dreimal wöchentlich fahren wir vorbei“, so Seitz. Es geht dabei nicht darum, den Hausarzt oder das Pflegepersonal zu ersetzen, sondern „um die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten“, erklärt Britta Thomé, Leiterin der Pflege bei der SAPV. „Wir sind da als Gesprächspartner, auch für die Angehörigen – rund um die Uhr.“

Ein enger Kontakt zum Hausarzt, dem Pflegepersonal oder Physiotherapeuten ist dem SAPV-Team wichtig. Dieses besteht aus speziell ausgebildeten Ärzten und Pflegekräften. „Dabei geht es auch um technische Dinge, beispielsweise Ulltraschalluntersuchungen und Punktionen“, sagt Gangolf Seitz.

Ständige Konfrontation mit dem Sterben belastet Team

Die Ärzte des Teams sind in eigenen Praxen niedergelassen und betreuen die SAPV-Patienten zusätzlich. Die Pflegekräfte arbeiten außerdem in Pflegeteams im Landkreis. Alle Ärzte und Pflegekräfte haben eine umfangreiche Qualifikation durchlaufen.

Zwischen 40 und 50 Patienten versorgt das SAPV-Team ständig. In der Vorweihnachtszeit und in den Sommerferien steigt die Nachfrage erfahrungsgemäß, weil Hausärzte im Urlaub sind. „In diesen Phasen versorgen wir bis zu 70 Patienten“, sagt Seitz.

538 Patienten im vergangenen Jahr

Im vergangenen Jahr betreute das SAPV-Team, das aus zehn Ärzten und 50 Krankenschwestern besteht, insgesamt 538 Patienten. „Es gibt Teams in Hessen, die sind größer, aber wir zählen zum oberen Drittel“, so Seitz.
„In den vergangenen fünf Jahren mussten wir nur einmal einen Patienten ablehnen“, berichtet Britta Thomé. Wenn Menschen allein leben und nicht zu Hause bleiben können, organisiert das SAPV-Team auch einen Aufenthalt im stationären Hospiz. Wer im Altenheim lebt und dort sein Lebensende verbringt, kann ebenfalls vom SAPV-Team betreut werden. Im vergangenen Jahr starben 136 der von der SAPV betreuten Palliativpatienten zu Hause, 33 im Hospiz und 29 im Pflegeheim.  

Einmal pro Woche kommt das Team zur Konferenz zusammen. In dieser wird über die Verfassung eines jeden Patienten gesprochen. Aber auch die Mitarbeiter des Teams brauchen Hilfe. Sie werden bei ihrer Arbeit ständig mit dem Sterben und dem Tod konfrontiert. „Das ist eine hohe Belastung“, sagt Britta Thomé.

 
Hintergrund
Palliativmedizin bejaht das Leben und sieht das Sterben als einen normalen Prozess. Palliativmedizin will den Tod weder beschleunigen noch hinauszögern. Sie bietet dem Patienten Unterstützung, um so aktiv wie möglich bis zum Tod zu leben.
Palliativmedizin unterstützt die Familie während der Erkrankung des Patienten und in der Trauerphase.
Jährlich sterben in Deutschland rund 850.000 Menschen. Nach den Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin benötigen 90 Prozent eine Palliativversorgung. Seit 2007 ist die SAPV im Sozialgesetzbuch V gesetzlich geregelt. 
 

von Heike Horst

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