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Wohnungsnot: Wintersemester auf dem Campingplatz

OP-Adventserie Wohnungsnot: Wintersemester auf dem Campingplatz

Die Lage ist erstklassig, das Zimmer ist sauber - seinen Eltern hat Michael* trotzdem nicht verraten, wo er zurzeit wohnt.

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Abgesehen von der Kälte fühlt sich Michael* auf dem Campingplatz wohl. Am sechsten Dezember brachten ihm die Betreiber sogar eine Nikolaustüte.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Wer dieser Tage am Campingplatz Lahnaue vorbeikommt, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer campt da mitten im Dezember?

Der eine oder andere Wohnwagen auf dem Platz ist hier nur abgestellt, aber es muss auch Menschen geben, die ihren Wohnwagen einer herkömmlichen Bleibe vorziehen. Jedenfalls ist der eine oder andere beleuchtet.

Es ist kurz nach zehn und ich suche auf dem verschneiten Campingplatz nach einem Camper. Möglichst nach einem überzeugten Wintercamper. In einem amerikanischen Trailer leuchtet etwas. Auf mein Klopfen reagiert aber niemand. Das Rauschen der Lahn konkurriert mit der Brandung der Stadtautobahn und mich erschleicht die Befürchtung, dass ich heute keinen Camper finde, der für unsere Adventsserie „Bitte eintreten“ sagt. Meine letzte Hoffnung ist eine Holzhütte. Obwohl ich die Tür eines Wohnwagens öffnen wollte, klopfe ich an.

Michael öffnet sofort, und er ist kein überzeugter Wintercamper. Im Gegenteil: Ein Zimmer im Studentenwohnheim wäre ihm lieber. Aber als er im Spätsommer für das erste Semester Psychologie nach Marburg kam, fand er keins.

Michael lässt mich trotz der späten Stunde rein, setzt sich auf sein Bett und bietet mit das Sofa an. „Tut mir Leid, ist ein bisschen kalt hier“, entschuldigt er sich. Ich könne die Schuhe ruhig anlassen.

Ein Jackpot... not.

Die Hütte, ist sauber gestrichen, das PVC-Holzimitat sieht gar nicht mal so sehr nach Plastik aus und es gibt sogar einen Fernseher. Während ich mich orientiere, erzählt Michael, was ihn hierher verschlagen hat: „Ich hatte zwei Jobs in Bergisch Gladbach und konnte nicht mehrmals nach Marburg fahren, um eine Wohnung zu suchen“, sagt der 25-Jährige. Da kam das Angebot auf der Website des Campingplatzes Lahn­aue gerade recht: Beheizbares, möbliertes Holzhäuschen für rund 200 Euro im Monat. 15 Gehminuten von Mensa und Bibliothek entfernt, direkt am Hallenbad. Sogar WLAN gibt es.

Jackpot? Wenn Michael nicht durch den Schnee zum Gemeinschaftsbad gehen müsste. Wenn es warm genug wäre, um an der Lahn zu liegen. Wenn die kleine Elektroheizung an der Wand es schaffen würde, die Hütte auf Wohntemperatur zu heizen. Michael schläft im Jogginganzug, und auch an die eiskalte Dusche vor der Uni hat er sich schon fast gewöhnt.

Der Student nimmt es locker: „Ich habe seit dem Fachabitur aufs Psychologiestudium hingearbeitet“, den Studienplatz wollte er sich auf keinen Fall entgehen lassen - „dafür würde ich sogar campen“, sagt er mit leicht ironischem Unterton.

„Während der Einführungswoche habe ich zwei Nächte im Hotel übernachtet. Das hat 70 Euro pro Nacht gekostet“, dagegen ist die Holzhütte unschlagbar günstig.

Was seine Kommilitonen sagen, wenn er erzählt, wo er wohnt?

„Ich dachte, sie würden mich vielleicht auslachen. Aber viele von ihnen haben selbst Schwierigkeiten, ein Zimmer zu finden und haben - wenn überhaupt - Mitleid.“

Bevor Michael nach Marburg kam, hat er in Krankenhäusern gearbeitet, am liebsten im OP. Das würde er hier auch gerne wieder machen. Aber „der Einstieg ins Studium war ganz schön anstrengend. Da blieb bisher wenig Zeit“, sagt er. Auch keine Zeit, eine Wohnung zu suchen. Aber spätestens im Sommer will er woanders wohnen.

Morgen beginnen die Weihnachtsferien und Michael fährt zu seinen Eltern. Auf das warme Bad freut er sich jetzt schon. Er muss nur aufpassen, dass er sich nicht zu offensichtlich über den Luxus freut. Seine Eltern glauben nämlich, dass er im Studentenwohnheim lebt. „Ich konnte ihnen nicht erzählen, dass ich auf dem Campingplatz wohne. Die machen sich sowieso immer zu viele Sorgen.“

von Thomas Strothjohann

* Michaels ganzer Name ist dem Autor bekannt.

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