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Stadtautobahn Wohnungen statt Autos?

Ob Bei St. Jost, in der Wilhelm-Röpke-Straße oder am Krummbogen: den Lärm der Stadtautobahn hört man überall. Aber was sagen Marburgs Bürger dazu?

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Der südliche Abschnitt der „Stadtautobahn“: Am Pfingstsonntag fast ein Idyll, an Werktagen befahren jeden Tag 40000 Fahrzeuge die B3. Eine Bürgerinitiative setzt sich für weniger Lärm ein und fordert, die Straße unter die Erde zu verlegen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die direkt durch Marburg verlaufende Stadtautobahn ist für viele Bewohner störend, andere haben sich daran gewöhnt und können damit leben, wiederum andere haben gar keine Probleme mit dem Lärm. In Zukunft soll durch verschiedene Projekte der Lärm eingeschränkt werden, wogegen die Anwohner nichts einzuwenden hätten. Manche blicken trotzdem mit Skepsis auf mögliche Veränderungen und halten von bisher beschlossenen Maßnahmen nicht viel.

„Ich glaube kaum, dass sich etwas ändern wird. Wir wohnen schon seit 30 Jahren hier und wir haben uns daran gewöhnt“, sagte das Ehepaar Hans und Anna Wormsbächer. „Unerträglich bleibt es trotzdem. Wir haben alle hier im Haus hohen Blutdruck von dem Lärm, aber ich glaube, man kann nichts dagegen machen. Eine Mauer zum Lärmschutz? Dafür ist kein Platz hier“, sagte Hans Wormsbächer. „Eine Art Unterführung wäre schön, wenn praktisch die Autobahn unterirdisch verlaufen würde. Darüber eine schöne Grünfläche zu machen, wäre eine gute Idee“, so Wormsbächer. „Aber aktuell muss jeder damit leben, was unmöglich ist“, sagte Anna Wormsbächer.

Andere Anwohner versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. „Manchmal sitzen wir hier im Hof zur Autobahn und grillen bei gutem Wetter“, sagte Markus Fabritz. „Mein Zimmer ist gegenüberliegend von der Autobahn aus gesehen und ich bekomme von dem Lärm gar nichts mit“, sagte Fabritz.

„Wir fühlen uns gar nicht belästigt. Nachts ist generell kein Verkehr und deswegen stört es auch nicht“, sagte das Ehepaar Jürgen und Karin Schnaut. „Ich bin hier geboren und früher, als es die Autobahn noch nicht gab und die alten Lokomotiven hier lang fuhren, war es viel lauter. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen finde ich überflüssig, dadurch wird der Lärm auch nicht leiser. Auch die angebrachten Blitzer bringen nichts“, sagte Jürgen Schnaut.

„Unser Schlafzimmer ist direkt an der Autobahn und wir schlafen nachts immer mit offenem Fenster, weil es einfach nicht stört. Gegen eine Unterführung hätte ich nichts einzuwenden. Wenn eine schöne Grünfläche darüber errichtet wird, wäre das natürlich besser“ so Schnaut.

Doch nicht nur Anwohner sind von dem Lärm der Stadtautobahn betroffen. In der Wilhelm-Röpke-Straße liegt die Philosophische Fakultät der Universität. Für die Studenten ist der Lärm manchmal nicht auszuhalten. „Es stört, in Vorlesungen und Seminaren bekommt man meist gar nichts mit. Als Anwohner könnte ich mir vorstellen, dass man sich daran gewöhnt“, sagte Stephan Schmaeing. „Im Winter geht es noch, aber im Sommer, wenn man ein Fenster öffnen muss, bekommt man vom Unterricht gar nichts mehr mit“, sagte Mirco Brommann.

Wie finanziert man eine Einhausung?

„Man erträgt es ganz gut und gewöhnt sich nach der Zeit daran. Wenn ich bei mir Zuhause aber ein Fenster öffne, mache ich das meist immer, bevor ich aus dem Haus gehe, weil sonst der Lärm doch sehr stört. Eine Schallbegrenzung wäre eine gute Idee“, sagte Petra Giese.

In den vergangenen Jahren ist immerhin einiges passiert: Mit der Aufstellung von Geschwindigkeitsmessgeräten vor fast genau einem Jahr ist die durchschnittliche Geschwindigkeit auf der Stadtautobahn und damit auch die Lärmemission zurückgegangen; im Sommer diesen Jahres soll zwischen Marburg-Mitte und der Elisabethstraße ein lärmmindernder Asphalt aufgetragen werden, der die Emission weiter mindern soll.

Einer, der seit Jahren für weniger Lärm entlang der „Stadtautobahn“ kämpft, ist Gerhard Haberle. Der Richtsberger arbeitet in der Agenda-Arbeitsgruppe Nachhaltige Stadtentwicklung und in der „Initiative Stadtautobahn“ mit. Auf deren Initiative beschäftigten sich zwei Jahre lang Studierende der Technischen Hochschule Mittelhessen mit der Fragestellung, ob eine Einhausung der Stadtautobahn eine Entlastung für die lärmgeplagten Anwohner bringen kann.

Die Stadt Marburg stand der Untersuchung, die im Rahmen von Masterarbeiten entstanden sind, positiv gegenüber. Das Bauamt stellte Unterlagen zur Verfügung. Eine Machbarkeitsstudie hatte das Stadtparlament aber abgelehnt: Das ganze Vorhaben erschien der Mehrheit als zu teuer und deswegen nicht realistisch (die OP berichtete).

Professor Andreas Bark vom Fachgebiet Straßenwesen und Vermessung beim Fachbereich Bauwesen der Technischen Hochschule Mittelhessen hat die Arbeiten der Studierenden angeleitet. Morgen um 18 Uhr stellen Studierende im Stadtverordnetensitzungssaal ihre Arbeiten vor, die sich vor allem mit einer zentralen Frage beschäftigt haben: Wieviel Bauland könnte gewonnen werden, wenn die Autobahn untertunnelt würde und welche Erlöse könnten durch den Verkauf von Flächen für den Wohnungsbau zur Finanzierung der Tunnellösung erzielt werden?

Haberle kennt die Antworten selbst noch nicht, weist aber in einem Beitrag auf der Homepage der Initiative auf ein Beispiel aus Frankfurt hin: Dort könnte nach Expertenmeinung die Hälfte der Baukosten für die Einhausung der A 661 zwischen Seckbach und Bornheim durch Einnahmen aus dem Verkauf des gewonnenen Baulands gewonnen werden.

Wie hoch die Kosten für eine Einhausung der Stadtautobahn im gesamten Stadtgebiet tatsächlich wären, darüber gibt es nur grobe Schätzungen. Auch die technische Machbarkeit ist nicht geklärt: Welche Auswirkungen hätte beispielsweise eine solche Mega-Baumaßnahme entlang der Lahn auf den Grundwasserspiegel? Endgültige Antworten zu der Frage, wie Lärm und Abgabe von der B3 reduziert werden können, wird es morgen nicht geben - weitere Anregungen aber allemale.

Die Veranstaltung der Lokalen Agenda 21 „Hintergründe zum Projekt Tunnellösung Stadtautobahn Marburg“ findet morgen ab 18 Uhr im Stadtverordnetensitzungssaal statt. Die Moderation übernimmt Professor Dr. Ulrich Wagner.

Von Matthias Weber

und Till Conrad

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