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Wohnraum für 600 Menschen gesucht

Flüchtlinge Wohnraum für 600 Menschen gesucht

In Marburg-Biedenkopf wurden bislang keine Notunterkünfte für Flüchtlinge in Turnhallen oder Bürgerhäusern benötigt. Die meisten Kommunen helfen freiwillig mit.

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Ein Flüchtling wartet auf dem Gelände der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen auf den Weitertransport in eine andere Einrichtung.

Quelle: Arne Dedert

Marburg. 820 Asylsuchende leben derzeit in Marburg-Biedenkopf, die meisten von ihnen in insgesamt neun Gemeinschaftsunterkünften in Stadtallendorf, Lohra, Rauschenberg, Wohratal, Wetter, Gladenbach, Bad Endbach und Münchhausen. Auch andere Kommunen wie Angelburg, Dautphetal, Kirchhain und Wetter haben Wohnraum bereitgestellt. Welche Städte oder Gemeinden haben noch gar keine Flüchtlinge aufgenommen? Darüber hüllt man beim Landkreis das Mäntelchen des Schweigens. „Wir wollen daraus keinen Konkurrenzkampf machen“, heißt es.

Denn alles fußt auf Freiwilligkeit. Das sei das Marburger Modell, erklärte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) am Montag im Kreishaus. Und an diesem Weg wolle man festhalten, betonte Landrätin Kirsten Fründt (SPD), „um diesen Menschen eine gute Willkommenskultur“ entgegenzubringen.

Das Regierungspräsidium Gießen kündigte gegenüber dem Landkreis einen neuen Flüchtlingsstrom an - mit 23 asylsuchenden Menschen muss Marburg-Biedenkopf nun wöchentlich rechnen, das wären 600 bis zum Jahresende - aufgrund der sich zuspitzenden Situation in vielen Ländern sei auch kein Ende in Sicht, sagt Landrätin Fründt. Und das stellt die Kreisverwaltung vor Herausforderungen.

„Marburger Weg“: Hand in Hand mit den Kommunen

Die Behörde könnte hergehen und die Flüchtlinge Proporz auf die Kommunen verteilen, die für die Unterbringung zuständig sind. „Doch genau das wollen wir nicht, denn so sollen diese Menschen, die Tragisches hinter sich haben, bei uns nicht empfangen werden.“

Den „Marburger Weg“, bislang haben Landkreis und Kommunen ihn erfolgreich beschritten. Seit dem zweiten Halbjahr 2012 reißt der Strom an Flüchtlingen nicht ab. So berichtet Fachbereichsleiter Robert Döhler, der beim Landkreis für die Unterkunftsangelegenheiten managt. Und seither ist es durchgängig gelungen, die Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften, Familien-Wohnhäusern oder Wohnungen in den Dörfern und Städten im Landkreis unterzubringen - ohne dass es einer Anordnung oder dem Aufbau von Notunterkünften bedurfte. Viele Menschen mit leerstehenden Häusern und Wohnungen haben sich gemeldet. In Bad Endbach und Gladenbach ergaben sich Möglichkeiten in früheren Hotels oder Pensionen. Die Vermieter, so hebt Döhler hervor, haben etwas davon. Vater Staat zahle erheblich besser als „es auf dem normalen Vermietungsmarkt üblich ist“. Und Probleme gebe es selten mit Flüchtlingen, „in 99 Prozent der Fälle läuft alles gut“.

Die Unterbringungsverträge werden auf Zeit geschlossen - wer Wohnraum anbietet, kann den Vertrag auch wieder kündigen. Die Integration der neuen Bürger erfolgt vor Ort, Sozialarbeiter des Landkreises kümmern sich um die Menschen und helfen ihnen beim Start. „Wir wollen, dass sie gut hier unterkommen und die Hilfe erhalten, die sie brauchen“, sagt Landrätin Fründt. „Auch, wenn wir dabei an unsere Grenzen kommen und überlegen müssen, wie wir das mit unserem Personal schultern können.“ Den Ehrenamtlichen in den Städten und Gemeinden zollt sie großen Respekt. Überall gebe es freiwilligen Einsatz für die Flüchtlinge, von der Einkaufshilfe bis zur Kinderbetreuung bemühten sich die Menschen im Landkreis den neuen Mitgliedern in ihrer Gemeinschaft das Ankommen leichter zu machen.

Für den bevorstehenden Strom an Asylsuchenden setzt der Landkreis auf weiteres Engagement der Menschen, die hier zu Hause sind. „Wir hoffen, dass viele sich melden, die Wohnraum anbieten können“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Zachow. Die Städte und Gemeinden sind dafür die Partner vor Ort - die Bürger können ihre Wohnungsangebote in den Rathäusern vorbringen. Und die Kommunen überprüfen auch stellvertretend für den Kreis, ob die Immobilien für die Unterbringung in Frage kommen. Eine gewisse Infrastruktur wie Bus- oder Bahnanbindung und Einkaufsmöglichkeiten muss dafür vorhanden sein, die Unterkünfte müssen „menschenwürdig und hygienisch unbedenklich“ sein, erläutert Döhler.

Handelt es sich um Gemeinschaftsunterkünfte, in denen fünf bis zehn Menschen eine vorläufiges neues Zuhause finden können, organisiert der Kreis alles weitere. „Dann muss alles mögliche überprüft werden vom Brandschutz über weitere Sicherheitsvorschriften - es kann länger dauern, bis die Unterkunft genutzt werden kann“, führt er aus und verweist darauf, dass der Landkreis rund 180 Plätze in der Hinterhand habe.

6,5 Millionen Euro für die Unterbringung

Bestehende Gemeinschaftsunterkünfte sind inzwischen voll belegt - oder wenn es sich um frühere Asylbewerber-Unterkünfte handelt, existieren sie oftmals auch gar nicht mehr. „Viele Verträge liefen aus und die Immobilien werden inzwischen anderweitig genutzt - seit den 90ern hatten wir keinen solchen Zulauf mehr“, verdeutlicht Döhler.

Für den Landkreis wird es jetzt eng. 60 Plätze sind derzeit frei und können sofort genutzt werden, ein Drittel der bislang zugereisten 820 Flüchtlinge musste aber auch schon in Hotels und Pensionen untergebracht werden. Der Appell an die Bevölkerung, sich mit Wohnraum-Angeboten zu melden, ist dringend.

Die Flüchtlinge werden vom Kreisjobcenter betreut, bekommen staatliche Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, werden in Sprach- und Integrationskurse vermittelt, um sich im fremden Land zurechtzufinden. Darüber hinaus sei entscheidend, was vor Ort passiert, hob Zachow hervor und verwies auf Dörfer, die die Flüchtlinge schnell als große Bereicherung für ihre Gemeinschaft erlebten.

Offen bleibt für die Landkreise in Hessen, wie sie die finanzielle Herausforderung stemmen sollen. Eine heikle Frage vor allem bei Kommunen wie Marburg-Biedenkopf, die sich unter dem finanziellen Schutzschirm des Landes befinden.

„Wenn es so weitergeht, sind es 6,5 Millionen Euro, die wir im laufenden Haushalt für die Unterbringung der Flüchtlinge stemmen müssen - wir rechnen aber mit nur zwei Millionen Euro Erstattung durch das Land“, erklärt die Landrätin. Das Land habe zwar in seinem Nachtragshaushalt 60 Millionen Euro zusätzliche für die Flüchtlinge bereitgestellt, „doch das deckt wohl nur die gestiegene Anzahl ab, nicht das Defizit“. Der hessische Landkreistag drängt auf eine Lösung - bislang erfolglos.

Mit dem derzeitigen Flüchtlingsstrom kommen vorwiegend Menschen aus Syrien und Ostafrika im Landkreis an. Von den 820 Asylsuchenden, die aktuell in Marburg-Biedenkopf leben, befinden sich 633 noch in einem schwebenden Verfahren rund um das Bleiberecht und den Leistungsbezug. 80 Personen von den 820 bestreiten ihren Lebensunterhalt mit eigenen Einkünften.

von Carina Becker

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