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Wohnprojekte öffnen ihre Türen

Stadtspaziergang Wohnprojekte öffnen ihre Türen

Die Zeit ist reif, sich dem gesellschaftlichen Trend zu Ein-Personen-Haushalten zu widersetzen. In drei Wohnprojekten wird dies bereits verwirklicht.

Marburg. Etwa 40 Interessierte nehmen an dem Stadtspaziergang teil. Er führt sie zunächst in den geräumigen Gemeinschaftsraum des Wohnprojekts „Wohnen für Generationen“ (WoGe), wo sich Menschen ganz gemischten Alters eingefunden haben. Alois Wilhelm, Vorsitzender des Vereins erzählt von einer Gruppe, bestehend aus 10 Menschen, die sich vor fast 20 Jahren zusammengefunden haben, um sich dem gesellschaftlichen Trend zu Ein-Personen-Haushalten und Ein-Eltern-Familien zu widersetzen.

Heute wohnen 15 Erwachsene und 4 Kinder im Alter von 3 bis 83 Jahren auf drei Häuser verteilt in 12 Wohnungen, für welche die Richtlinien des geförderten Wohnungsbaus gelten. In bester Marburger Lage leben sie mit „so vielen Regeln wie nötig und so wenigen wie möglich.“ Alle 14 Tage finden sie sich zusammen, um Fragen des Zusammenlebens und gemeinsame Vorhaben zu besprechen. Mitbewohner dürfen sie in gemeinschaftlicher Eigenverantwortung auswählen, ansonsten gelten dieselben Rechte und Pflichten dem Vermieter gegenüber wie anderswo auch.

n Über den Hirsefeldsteg und an den Lahnwiesen entlang geht es weiter zu einem Wohnprojekt, wie es kaum entgegengesetzter sein könnte. Zwischen den herrschaftlichen Villen, die sich im Südviertel entlang der Lahn aufreihen, liegt in der August-Rohde-Straße die „Wohnprojekt Sonnendeck Gesellschaft“. In dem herrschaftlichen Haus mit dem großen Garten voller alter Obstbäume, haben acht Erwachsene und zwei Kinder ihr Zuhause.

Das Durchschnittsalter der Bewohner ist deutlich niedriger als bei der WoGe, und in allen Ecken und Winkeln sieht man ihren Tatendrang, den sie in das Haus gesteckt haben. 2010 hatte die Gruppe das Haus entdeckt und über das bundesweit tätige Miethäuser-Syndikat erworben. So haben sie weitgehende Verfügungsgewalt über das Haus, auch wenn es nicht ihnen direkt gehört. Die eigene Wohnwelt komplett selbst gestalten zu können, das ist der wichtigste Unterschied zu einer üblichen Wohngemeinschaft: die WG als GmbH.

n Nach ausführlicher Hausbesichtigung geht es schließlich weiter zum Projekt „Gemeinschaftlich Wohnen in Marburg“, das hinter dem im Frühjahr eröffneten Café in der Ockershäuser Allee liegt. Der Ansatz dort: gemeinschaftliches Wohnen im Eigentum. Menschen jedes Alters mit und ohne Behinderung und mit unterschiedlichem Einkommen leben in 14 Eigentumswohnungen zusammen. Das zur Straße hin gelegene Café soll den behinderten Menschen eine Arbeitsmöglichkeit bieten und Nachbarschaftlichkeit fördern.

Wohnungen werden erst frei, wenn Bewohner stirbt

„Ich bin heute hier mitgelaufen, weil man ja auch älter wird“, sagt Günther Bergmeister (66) nach dem mehr als dreistündigen Spaziergang. „Wenn man etwas anfangen will, muss man es jetzt machen.“ Auch Hanna und Hartmut Frels (62 und 78) sehen das so. Beide haben wenig Lust, bald in ein Altersheim überzusiedeln. „Viele Sachen, die in den Projekten unter gemeinschaftlichen Wohnen laufen, sollten selbstverständlich sein“, sagen sie. „Aber wenn ein Bewohner pflegebedürftig wird, stößt auch die Gemeinschaft schnell an ihre Grenzen.“

Jedoch ist es nicht einfach, in Marburg einen Platz in solch einem Wohnprojekt zu finden. Die Wohnungen auf dem Wehr sind meistens so lange besetzt, bis ein Bewohner stirbt. In einem der Syndikatshäuser zu wohnen, die sich eher an jüngere Menschen richten und zudem nicht barrierefrei sind, können sich die Senioren nicht vorstellen. „Diese Veranstaltung sollte vor allem als Signal wirken, der ,Versingelung‘ der Gesellschaft entgegenzuwirken und außerdem einen Anreiz zur Nachahmung bieten“, sagt Alois Wilhelm von der WoGe im Anschluss.

Während der am Sonntag folgenden Podiumsdiskussion im Rathaus, wurde deutlich, dass seitens der Stadt keine Bauflächen für weitere Projekte in der Kernstadt zur Verfügung gestellt werden können. Sollte sich aber eine neue Projektidee, zum Beispiel am Stadtwald, ergeben, sei die Stadt bereit, Unterstützung zu leisten.

von Kristina Gerstenmaier

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