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„Wohin man blickte, waren alte Nazis“

Anfänge des Bundesjustizministeriums „Wohin man blickte, waren alte Nazis“

„Die Akte Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit“ - zu diesem Thema hielt Professor Christoph ­Safferling einen Festvortrag in der Aula der ­Alten Universität.

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Professor Christoph Safferling kehrte an seine ehemalige Wirkungsstätte zurück.

Marburg. Anlass für den Vortrag war die Jahresfeier des Forschungs- und Dokumentationszentrums Kriegsverbrecherprozesse an der Philipps-Universität. Der Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft, Professor Michael Kling, hieß Safferling an alter Wirkungsstätte willkommen und würdigte dessen Buch „Die Akte Rosenburg“, in dem Safferling zusammen mit dem Historiker Manfred Görtemaker den Neuaufbau des Bundesministeriums der Justiz (BMJ) nach der Zeit des Nationalsozialismus beschreibt. Vor allem das neu, oder besser wieder angestellte Personal ließe nicht den Eindruck aufkommen, es habe ein Umdenken gegeben. „Wohin man blickte, waren alte Nationalsozialisten“ bemerkte Kling.

Professor Eckart Conze, geschäftsführende Direktor des Forschungszentrums an der Universität Marburg, führte kurz in die Struktur des Zentrums aus Dokumentation, Forschung und Lehre ein und erinnerte daran, dass dieses ohne die engagierte Mitarbeit der Mitglieder - insbesondere der studentischen Eigeninitiative - sowie die Spendenbereitschaft der Förderer nicht möglich wäre. Die Datenbank des Zentrums umfasse mittlerweile mehr als 10500 Verfahren von nationalen und internationalen Kriegsverbrecherprozessen im Umfeld des Zweiten Weltkriegs.

Safferling lobte die Arbeit des Dokumentationszentrums und dessen Bedeutung für die historische Aufarbeitung der NS-Zeit. Als besonderes Merkmal hob er das interdisziplinäre Element sowie die einzigartige Methodik des Zentrums hervor. Die Studenten Florian Hansen und Sascha Hörmann hätten ihn damals erst überreden müssen, doch sei das Ergebnis über alle Erwartungen hinaus geraten.

Safferlings Studium der Rosenburg nahm die vergangenen fünf Jahre beinahe völlig in Anspruch. Das Projekt wurde seinerzeit von der ehemaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) ins Leben gerufen. Die Rosenburg bei Bonn war der erste Amtssitz des BMJ zu Beginn der jungen Bundesrepublik. Erster Minister war Thomas Dehler (FDP), der das BMJ ebenso prägte wie sein Staatssekretär Walter Strauß (CDU).

Beide hatten starken Einfluss auf die Personalentscheidungen des Hauses. So wurden teils Juristen aus dem Umfeld des berüchtigten NS-Richters Roland Freisler in das Ministerium übernommen. Es handelte sich dabei teils um Mitläufer oder Karrieristen, allerdings waren auch begeisterte Nationalsozialisten darunter. Der Grund, aus dem sie angestellt wurden, war, dass es sich bei ihnen meist um hervorragend geschulte Juristen handelte, die entsprechend herausragende Examensnoten vorzuweisen hatten. So waren bis 1960 fast 78 Prozent der Ministerialbeamten zuvor in der NSDAP Mitglied gewesen, stellte Safferling dar.

Dies änderte sich laut Safferling erst nach der Amtseinführung von Gustav Heinemann (SPD) als Justizminister und der Ernennung von dessen Staatssekretär Horst Ehmke (SPD), unter denen sich das BMJ neu erfand, alte Gesetzestexte ebenso aussortierte wie die Kader der NS-Vergangenheit.

von Michael Noll

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