Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Wocheneinkauf mit Hindernissen

Einkaufshilfe für Blinde Wocheneinkauf mit Hindernissen

Sind die Möhren noch frisch? Wie lange sind die Produkte noch haltbar? Wie ist der Schwarzwälder Schinken? Bei Fragen wie diesen hilft Marktleiterin Anni Hammer ihren blinden Kunden. Der Marktbetreiber beklagt jedoch, dass er aus Personalnot nicht immer eine Einkaufshilfe stellen kann.

Voriger Artikel
Positive Erwartung hilft Bypass-Patienten
Nächster Artikel
Messerangriff nach einem Familienstreit

Petra Gimler (links) und ihr Hund Tell beim Einkauf im Supermarkt in der Alten Kasseler Straße. Marktleiterin Anni Hammer hilft beim Einkauf.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. Petra Gimler schultert einen großen Rucksack, noch ist er leer. Dann nimmt sie ihren Hund Tell an die Leine und macht sich von ihrer Wohnung im Waldtal aus auf den Weg. Etwa zwanzig Minuten hat sie an diesem Donnerstagnachmittag für die Strecke zum Supermarkt in der Alten Kasseler Straße eingeplant, es ist der nächstgelegene.

Tell weiß, wo es lang geht und leitet seine Halterin sicher über mehrere Straßen, vorbei an Hindernissen wie parkenden Autos. An der obersten Stufe der Treppe im Försterweg bleibt der kräftige Schäferhund stehen. „Jawoll, fein gemacht Tell“, lobt Gimler. Stufe für Stufe geht es hinunter, dann noch einige Meter weiter bis zur viel befahrenen Alten Kasseler Straße. Tell wartet, bis die Straße frei ist und die beiden sicher queren können.

Der Supermarkt-Parkplatz ist voll, Tell behält auch hier den Überblick. Im Markt angekommen, geht Petra Gimler zu einer der beiden besetzten Kassen und bittet um Hilfe beim Einkaufen.
Die 55-Jährige hat nie viel gesehen, wie sie sagt, seit 15 Jahren sieht sie gar nichts mehr. Nach wenigen Minuten kommt Anni Hammer, die Marktleiterin mit einem Einkaufswagen auf Petra Gimler zu. Die beiden begrüßen sich freundlich, sie kennen sich seit über 30 Jahren.

Gemeinsam geht es in die Gemüse­abteilung. „Ich bräuchte Steckrüben“, sagt Gimler. „Da haben wir fertig geschnittene, mindestens haltbar bis kommenden Montag“, antwortet die Marktleiterin. So schnell könne sie diese nicht verbrauchen, deshalb gibt es diesmal keine Steckrüben. Dafür einen großen Beutel Möhren.

Auf dem Einkaufszettel stehen Steckrüben, Möhren, Wurst, Hundefutter und Kartoffelpüree. Für die meisten Einäufe braucht Petra Gimler keinen Zettel. Grafik: Nikola Ohlen.

Auf dem Einkaufszettel stehen Steckrüben, Möhren, Wurst, Hundefutter und Kartoffelpüree. Für die meisten Einäufe braucht Petra Gimler keinen Zettel. Grafik: Nikola Ohlen.

Quelle: Nikola Ohlen

Weiter zu den Konserven. Dass ihre Kundin auch zwei Packungen Kartoffelpüree-Pulver benötigt, vermutet Hammer aus Erfahrung. Richtig, ab in den Einkaufswagen. Nach und nach folgen zwei Gläser spanischer Olivensalat und eine Flasche Rotwein. Außerdem Tomatensaft. „Den gibt es in halben Literflaschen“, sagt Hammer. „Dann zwei, bitte“, antwortet Gimler. Im Gang mit der Tiernahrung wird es knifflig. Von den vielen verschiedenen Kauröllchen für Hunde soll es eine bestimmte Sorte sein. Diese scheint gerade nicht vorrätig zu sein. „Dann nehmen wir einen Beutel von den Kaubürsten.“
Für größere Einkäufe schreibe sie manchmal einen Streifen in Braille-Schrift (siehe Grafik: Nikola Ohlen). „Für die üblichen Wocheneinkäufe brauche ich keinen Einkaufszettel, das behalte ich mir im Kopf“, erklärt Gimler.

Auch an der Fleischtheke wird sie freundlich bedient, die Stimmung ist locker. Während Käsefrikadellen und Schwarzwälder Schinken in den Wagen wandern, ist auch Zeit für einen Scherz. Das war in den vergangenen Monaten nicht immer so. In der Anfangszeit nach der Ladeneröffnung hätten sich die Mitarbeiter noch regelmäßig genügend Zeit für ­Petra Gimler und ihre ebenfalls blinde Mitbewohnerin Gabriele Struck genommen. Das sei aber immer seltener geworden. Zu Urlaubszeiten sollten die beiden nur noch nach telefonischer Absprache kommen, berichten sie. Kurz vor Weihnachten habe man dann kaum noch Zeit für sie gehabt. „Wir fühlten uns dort unerwünscht“, sagte Gimler damals in einem Gespräch mit der OP.

Kunden nehmen Rücksicht und zeigen Geduld

Telefonisch erklärte Supermarktbetreiber Christopher Kempf, er habe seit anderthalb Jahren Personalnöte in seinem Markt. Gerade in der Vorweihnachtszeit sei der Laden voller als üblich, da habe er keine Mitarbeiter von der Kasse als Einkaufshilfe abstellen können. „Ich habe Frau Gimler und Frau Struck als liebe und nette Kundinnen kennengelernt, sie dürfen liebend gerne bei uns einkaufen kommen“, sagte er damals. Dass seine Kunden Verständnis dafür hätten, wenn keine weitere Kasse geöffnet werden kann, weil die Mitarbeiter blinden Menschen beim Einkauf helfen, glaube Kempf nicht.

Während Petra Gimler und ­Anni Hammer den Einkaufswagen nach dem Bezahlen auf Seite schieben, nehmen die anderen Kunden augenscheinlich gerne Rücksicht und zeigen ­
Geduld. Hammer räumt die ­Einkäufe in Gimlers Rucksack. Der wiegt nun geschätzte sieben Kilo. So beladen macht sie sich mit Tell auf den Heimweg.

Mittlerweile ist es draußen dunkel geworden, für Petra Gimler macht es keinen Unterschied. „Dabei ist es ein Irrglaube, dass Blinde in Dunkelheit leben. Bei mir ist es eher ein graues Dämmerlicht“, erklärt die 55-Jährige. Nach 20 Minuten zu Hause angekommen, stellt sie den schweren Rucksack ab. Sie freut sich, dass es den Supermarkt in ihrer Nähe gibt, alle anderen liegen für sie mindestens eine halbe Stunde entfernt. So kann sie selbstständig bleiben und muss nicht auf Lieferdienste zurückgreifen. Nach dem Gespräch kurz vor Weihnachten habe sich die Stimmung zwischen den beiden Frauen und den Supermarktmitarbeitern wieder etwas entspannt. Gimler hofft, dass sie auch in Zukunft regelmäßig dort einkaufen gehen können.

Ihre Lebensmittel muss sie nun noch ausräumen – und dabei jedes Teil genau an den Ort packen, an dem es immer steht. „Da machen sich Sehende, Handwerker oder Haushaltshilfen zum Beispiel oft keine Gedanken darüber. Wenn jemand etwas verräumt, dann muss ich es manchmal tagelang suchen.“

von Philipp Lauer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr