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Wo geplagte Kinderseelen zur Ruhe kommen

Internationaler Familientag Wo geplagte Kinderseelen zur Ruhe kommen

Am 15. Mai ist internationaler Familientag. Die OP wirft aus diesem Anlass einen Blick auf eine Familie, die einspringt, wenn die eigene zerbricht, versagt oder überfordert ist.

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Mit einem gelben Köfferchen und seinem Teddybär steht ein Junge am Wegesrand. Wenn ein Kind in seiner eigenen Familie gefährdet ist, muss das Jugendamt mitunter sofort reagieren und die Unterbringung bei Bereitschaftspflegeeltern veranlassen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Seit zwölf Jahren gehören sie zu dem Team der nunmehr vier Bereitschaftspflegefamilien, die beim Jugendamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf unter Vertrag stehen. Die 50-Jährige aus dem Landkreis und ihr gleichaltriger Ehemann wollen anonym bleiben, jedoch sprechen sie mit der OP über das, was sie in der Zeit seit 1999 mit ihren vier eigenen Kindern und vor allem mit den 129 ihnen vorübergehend anvertrauten Kindern erlebt haben.

Sie springen in den Extremsituationen ein. Wenn Eltern sterben, erkranken oder andere Schicksalsschläge das Familiengefüge zerstören, dann sind sie für die Kinder da. Sie fangen die Pflegesöhne und -töchter auch auf, wenn deren eigene Familie versagen. In Fällen von Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung – sie sind die „Ersatzeltern“, die dann übernehmen und dafür sorgen, dass geplagte Kinderseelen zur Ruhe kommen.

„Wenn wir das als Belastung empfinden würden, so könnten wir das gar nicht machen – und schon gar nicht über einen so langen Zeitraum“, erzählt die Bereitschaftsmutter, die ihre Tätigkeit als Berufung versteht: „Ich wollte nach meiner Zeit beim Kinderarzt und in der Kinderbetreuung weiter mit Kindern arbeiten. Uns ist es wichtig, dort Normalität und stabile Verhältnisse zu bieten, wo sie sonst fehlen“, sagt die 50-Jährige und ihr Ehemann nickt bestätigend.

Neben den vier Bereitschaftspflegefamilien im Landkreis, die jederzeit zur Aufnahme von Kindern bereit sein müssen, sind sechs weitere Pflegefamilien für das Jugendamt im Einsatz. „Allerdings ohne Vertrag – das heißt, sie sind nicht verpflichtet, Kinder aufzunehmen“, erklärt Jürgen Rimbach, Leiter des Fachdienstes Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD) beim Fachbereich Familie, Jugend und Soziales – so heißt das Jugendamt in der Behördensprache.

Der ASD holt Kinder in extremen Gefährdungssituationen in Absprache mit Familiengericht und im Notfall unterstützt von der Polizei aus ihren Familien heraus. Inobhutnahme nennt sich dies im Amtsdeutsch. Wenn es aus dem Umfeld eines Kindes einen Hinweis auf eine Gefährdung innerhalb der eigenen Familie gibt, dann schaltet sich der ASD ein – und muss manchmal sofort reagieren.

Im Jahr 2010 holte das Jugendamt 69 Kinder aus ihren Familien heraus und brachte sie bei den Pflegestellen unter. Zu den dafür eingesetzten Familien kommen Heimplätze hinzu. „Eigentlich sind wir gegenwärtig ganz gut ausgestattet, aber es gibt auch Phasen, da ist alles rappelvoll – in der ersten Jahreshälfte 2010 war das so“, erzählt Rimbach.

Seit der Erfassung im Jahr 1999 ist die Zahl der Inobhutnahmen quasi analog zur Zahl der Gefährdungshinweise angestiegen. Vier Kinder holte das Jugendamt damals aus ihren Familien heraus – bis 2008 wuchs diese Zahl jährlich und erreichte damit auch ihren bisherigen Höchststand von 74 Fällen. 2009 waren es ebenso viele. Erstmals seit der Erfassung gab es 2010 einen Rückgang ­– auf 69 Fälle. Dass mehr so genannte Gefährdungsmeldungen bei den Behörden eingehen als früher, führen die Fachleute vor allem auf eine gewachsene Sensibilität in der Bevölkerung zurück.

Von schwierigen Teenagern, die schnellstmöglich wieder zurück wollen in ihr gewohntes Umfeld, über vernachlässigte Babys, bei denen der Windelwechsel seit drei Tagen überfällig ist, bis hin zu Misshandlungsopfern, die zunächst gemeinsam mit dem Kinderarzt versorgt werden müssen: Alles kommt vor.

Die Bereitschaftspflege ist eine Leistung, für die die Pflegeeltern geschult und bezahlt werden. Der Landkreis wendete dafür im Jahr 2010 insgesamt 82.000 Euro auf.

von Carina Becker

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