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Wo der Hund begraben liegt

Tierbestattungen Wo der Hund begraben liegt

„Das Tier hat in unserer Gesellschaft offenbar einen größeren Stellenwert bekommen.“, sagt Susanna Kolbe. Die Marburger Autorin nahm sich daher ein Phänomen zur Brust, das vermehrt zu beobachten ist: Die Bestattung von Tieren auf Tierfriedhöfen.

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Ein liebevoll gestaltetes Hundegrab auf dem Marburger Tierfriedhof am Rotenberg. Bundesweit existieren inzwischen 120 solcher Friedhöfe.Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Da liegt der Hund begraben“ lautet der Titel von Kolbes neuem Buch, das beim Marburger Jonas-Verlag erschienen ist. Dort setzt sich die Kulturwissenschaftlerin mit dem Thema auseinander, dass ihr selbst „am Anfang etwas skurril erschien“.

Sie beschäftigt sich mit Tiergräbern, die teilweise von extremer Verbundenheit mit dem Halter zeugen und auf eine starke Vermenschlichung der Vierbeiner hindeuten. Die Marburgerin fand unter anderem Grabsteine mit Inschriften wie „Du warst menschlicher als ein Mensch“ oder „Du hast den Platz des Kindes eingenommen, das ich nie hatte“.

Wie die Zahlen aus dem Jahr 2012 verdeutlichen, in dem Kolbe 120 Tierfriedhöfe, 160 Tierbestattungsfirmen und fast 20 Tierkrematorien ausfindig machte, handelt es sich bei Tierbestattungen um einen wachsenden Trend. Diesen Trend wolle sie „beobachten, aber nicht bewerten“.

Tierfriedhöfe in Marburg und Unterrosphe

In der Region gibt es einen Tierfriedhof in Marburg sowie einen weiteren im Wald bei Unterrosphe. Das nächstgelegene Tierkrematorium ist in Homberg/Ohm, wo es laut Kolbe große Konflikte mit der Anwohnerschaft gab.

Eigentlich, so Kolbe, habe es keinen direkten Anlass für das Buch gegeben, vielmehr sei die Idee vom Verleger ausgegangen, der auch die Fotos gestellt habe. Je länger sie sich jedoch mit der Trauer der Menschen beschäftigt habe, desto milder sei sie gestimmt gewesen, obwohl sie selbst kein Tierhalter sei.

„Ich habe erst gedacht, ich werde vielleicht zynisch“, sagt sie, doch am Ende war sie „trotz allem Kitsch beeindruckt von der Liebe zum Tier“ und habe immer mehr Verständnis für die Besitzer der Tiere aufgebracht, die die Gräber zum Teil „wirklich pompös“ anlegten.

Tier wird bei Einsamkeitzum Ersatzgefährten

Wie auf menschlichen Friedhöfen beobachtete sie Personen bei der Grabpflege und sah verzweifelte und weinende Menschen - ein Unterschied bestünde kaum. Eine von mehreren Ursachen, so vermutet sie, liegt möglicherweise in der „Individualisierung und Mobilisierung“ der Gesellschaft.

Immer mehr Menschen leben allein, getrennt von Freunden und Familie - das Tier wird somit häufiger zum Ersatzgefährten. „Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist inniger geworden“, sagt die Autorin, gerade Hunde gälten als „treue Gefährten“. Auf den Tierfriedhöfen stellten Hunde daher die Mehrheit dar, auch Katzen seien aber vermehrt zu finden.

Kleintiere werden häufiger im Garten begraben

Kleintiere lassen sich hingegen weniger finden, doch auch dazu hat Kolbe einen Verdacht: die klassische Beerdigung im Garten ist dort naheliegender. Sie ist gesetzlich erlaubt, so lange das Tier unter 50 Zentimetern Erde verscharrt wird. Eine „wilde Bestattung“ in der freien Natur ist hingegen verboten.

Eine weitere Möglichkeit die laut Kolbe zuletzt verstärkten Anklang fand, ist die Einäscherung in Tierkrematorien. Auf diese Weise könnten die Menschen den verstorbenen Begleiter mit nach Hause nehmen und die Urne als „Stylingobjekt“ verwenden. In einigen Haushalten gebe es regelrechte „Altare“ mit den eingeäscherten Überresten des Tieres.

„Auf Alltagsphänomen aufmerksam machen“

tirbt ein Tier bei einem Tierarzt, kommt der Körper, sofern der Halter kein Veto einlegt, in eine sogenannte „Tierkörperbeseitigungsanlage“, wo daraus „tierische Nebenprodukte“, wie zum Beispiel Fette produziert werden. „Früher hätte man gesagt, da wird Seife draus gemacht“, so Kolbe. Dies sei jedoch lediglich ein plakatives Beispiel.

Für den Besitzer sei diese Weiterverwendung verständlicherweise meist eine „sehr unwürdige Verarbeitung des Tieres“, sodass der Boom in der Tierbestattungsbranche auch aus dieser Sicht heraus nachvollziehbar sei.

Bei ihrem Buch, das betont die Autorin, handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Arbeit. Eher gehe es darum „die Menschen auf ein Alltagsphänomen aufmerksam zu machen“.

Lesung bei Lehmanns Media

Neben der Beschreibung dieses Phänomens, widmet sich die Marburgerin auch der Geschichte der Tierbestattung, wofür sie Friedhöfe in Berlin und Paris besuchte.

Des Weiteren ist der Titel recht bildbetont, besonders schöne und emotionale Beispiele für Tiergräber werden präsentiert.

Am Donnerstagabend stellt Susanna Kolbe ihr Buch um 20 Uhr bei Lehmanns Media in der Reitgasse vor.

von Peter Gassner

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