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Wissenschaftler warnen vor Gier nach Geld

Tagung Wissenschaftler warnen vor Gier nach Geld

Rund 150 Zuhörer kamen am Samstag in die Alte Aula, um mit Wissenschaftlern über die Zukunft nachzudenken und zu diskutieren.

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Interessiert lauschten mehr als 150 Gäste der Podiumsdiskussion zum Thema „Unsere Welt in 20 Jahren: Wie wollen und können wir leben?“

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Die dreitägige, fachbereichsübergreifende Tagung „Von Platon bis zu Global Governance“ fand ihren Abschluss in einer Podiumsdiskussion mit Wissenschaftlern aus Völkerrecht, Sozialpsychologie, Physik und Ethik. Die vier Professoren begutachteten fünf Themenblöcke: Konflikte, Umwelt, Wirtschaft und Soziales, Weltordnung sowie die Rolle der jungen Generation, um die Frage zu beantworten: „Wie wollen und können wir auf der Welt in 20 Jahren leben?“.

„Auseinandersetzungen sind der Motor von Gesellschaften, und geregelte Konflikte sind Teil der Demokratie“, erläuterte der Marburger Sozialpsychologe Professor Ulrich Wagner. Dass Menschen „aggressiv und destruktiv handeln“, sei keinesfalls Teil der menschlichen Natur und habe konkrete Gründe, die in den Lebensumständen einer Person lägen. Der Düsseldorfer Völkerrechtler Professor Alexander Lorz wies jedoch darauf hin, dass „in der Staatenwelt immer wieder von aggressivem Verhalten und Kriegen ausgegangen werden muss“ und es Aufgabe der Politik sei, „Konflikte einzudämmen und so weit wie möglich auszuschließen“. Als Beispiel dafür nannte er die Europäische Union und Integration.

„Bilder des ewigen Friedens überlagern in allen Religionen die Bilder des Heiligen Kriegs“, ergänzte der Theologe Professor Wolfgang Nethöfel.
Im zweiten Diskussionsblock regte Marburgs emeritierter Physikprofessor Hans Ackermann ein Umdenken in der Umwelt- und Entwicklungspolitik an.

„Die Atmosphäre wird als Deponie benutzt, und da schaffen wir nur Linderung, indem wir die offenen Stoffströme schließen“, erläuterte der Naturwissenschaftler. Zu diesen Strömen zählten neben Braunkohle und Kernkraftabfällen alle Stoffe, „die von der Luft nicht absorbiert werden können“. Ein CO2-Ausstoß von 2,5 Tonnen pro Kopf im Jahr sei anzustreben, der aber nur über „Verhaltensänderungen im Energiekonsum“ erreicht werden könne.

Die Problematik der globalen Umsetzbarkeit rückte Lorz in den Vordergrund. „Solche Regeln müssen breit akzeptiert sein, sonst kann das Recht die Einzelfälle nicht sanktionieren“, erinnerte er das Plenum und verwies auf die teilweise stark unterschiedlichen Schadstoffausstöße weltweit. Ein etwas innenpolitischerer Aspekt eröffnete sich mit den Standpunkten zum Thema Wirtschaft und Soziales.

Im menschlichen Denken habe sich das Gefühl durchgesetzt, mehr Leistung rechtfertige mehr Lohn, sagte Professor Wagner. „Jedoch kann niemand das zigtausendfache mehr leisten als jemand anderes“, berichtete er in Bezug auf die Diskussion um Managergehälter. Geld habe sich zu einer „Größe ohne Sättigungspunkt“ entwickelt. Ein „Gier-Gen“ habe der Mensch zwar nicht, jedoch treibe ihn „das Anreizsystem Geld“ an. Die Bürger müssten einsehen, dass Arbeit der Lebenserhaltung diene, „jedoch nur eines von vielen Befriedigungssystemen im Leben ist“.

Gesellschaftswissenschaftler Lorz wies darauf hin, dass mittlerweile „nicht-materielle Verstärkersysteme“ fehlten, um das Streben nach Geld zu kompensieren. „Es zentriert sich alles auf Wohlstand. Andere Dinge wie Religion, politisches Interesse und Ideologien sowie gesellschaftliches Engagement wurden davon ersetzt“, beobachtete Lorz. Die Finanzkrise sei daher „eine Chance auf Rückbesinnung“. Die Frage nach einer gemeinsamen Weltordnung beantworteten die Wissenschaftler skeptisch. „Das Klischee, dass erst die Religionen vereint und konfliktfrei sein müssten, um einen globalen Frieden herzustellen, ist falsch“, offenbarte der evangelische Theologe Nethöfel. Glaube als Gewaltmittel zünde in sämtlichen Erdteilen erst dann, wenn andere, handfeste Probleme zwischen den Menschen entstanden seien.

„Mit Lösungen vor Ort sind wir gut gefahren, von daher halte ich eine zentrale Weltregierung für wenig praktikabel, weil sie weit weg von den Menschen und den Alltagsproblemen ist“, verdeutlichte Lorz seinen Standpunkt. Abschließend machten sich die Diskutanten Gedanken um die Rolle der jungen Generation. „Alles geht immer schneller und wird technisierter.

Die Entscheidungen, vor denen die nachwachsende Generation steht, werden folgenreich“, warnte Professor Ackermann. „Es muss uns gelingen, dass Tempo zu drosseln, damit jede Entscheidung Zeit hat, getroffen zu werden“, meinte der Physiker. Theologe Nethöfel gab den Zuhörern mit auf den Weg, sämtliche Fragen und Antworten in einem „gesamtgesellschaftlichen Kontext“ zu sehen und „stets kritisch zu hinterfragen, ob X tatsächlich notwendig ist, um Y zu erreichen“.

von Björn Wisker

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