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Wissenschaftler fordert Moratorium

Lokschuppen Wissenschaftler fordert Moratorium

Das Marburger Stadtparlament soll diesen Freitagabend darüber entscheiden, ob der Lokschuppen auf dem früheren Bahnbetriebsgelände zum Verkauf ausgeschrieben werden soll.

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Die Vision des Fördervereins Lokschuppen: So könnte der Lokschuppen nach den Vorstellungen des Vereins, wie in dieser Fotomontage, unter anderem genutzt werden.

Quelle: Dr. Fritz-Joachim Hüther

Marburg. Der Magistrat schlägt die Ausschreibung vor, damit sich, so formuliert es Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) auf seiner Facebook-Seite, „alle interessanten und spannenden Ideen der öffentlichen Diskussion stellen“.

Der Vorschlag, dem sich der Bauausschuss angeschlossen hat, lautet deswegen, dass derjenige Käufer den Zuschlag erhalten soll, der neben einem Finanzierungskonzept das beste Nutzungskonzept vorlegen kann. Eine Auswahlkommission unter Beteiligung des Denkmalschutzes, der Ortenberggemeinde, Parteienvertretern sowie des Denkmalschutz- und Gestaltungsbeirates soll die Bewerbungen bewerten und dem Stadtparlament dann einen Vorschlag machen.

Der Förderverein Lokschuppen, der Anfang des Jahres gegründet wurde, wird sich in jedem Fall an der Ausschreibung beteiligen, berichteten Vorsitzender Manfred Velte und sein Stellvertreter Dr. Fritz-Joachim Hüther der OP.

„Wir machen Technik früher und heute wieder erlebbar“

Das Konzept des Fördervereins sieht vor, die Nutzung des Lokschuppens und der dazugehörenden Drehscheibe so eng wie möglich an der früheren Nutzung zu orientieren. Die Drehscheibe könne reaktiviert und wieder an das Bahnnetz angeschlossen werden. Der Verein glaubt, dass so etwa historische Sonderzüge den Lokschuppen anfahren können – „wir haben jetzt schon Anfragen von Vereinen“, so Hüther. Drei der ehemaligen Untersuchungsgruben sollen gleichfalls wieder in Funktion genommen werden.

„Wir machen Technik früher und heute wieder erlebbar“, sagt Velte. Und Hüther spricht von einem großen Beitrag für den Tourismus, den ein Technikmuseum in einem der wichtigsten Industriedenkmale der Region leisten könnte. In diesem Zusammenhang existiert auch die Überlegung, hinter der Halle historische Handwerk-Werkstätten – etwa für Sattler – wieder aufzubauen.

Ein Großteil der Waggonhalle könnte nach Vorstellungen des Vereins als Messehalle etwa für Produktpräsentationen genutzt werden. Technische Ausstellungen, die sonst nirgendwo Platz haben, etwa Oldtimer-Ausstellungen, sollen hier ebenso Platz haben wie Großkongresse für mehr als 100 Menschen, für die es in Marburg gleichfalls keine andere Möglichkeit gebe.

Hüther erwartet Investitionskosten von sechs Millionen Euro, die zu einem hohen Anteil förderfähig wären, und von Betriebskosten von unter 300.000 Euro im Jahr – „alles konservativ gerechnet“. Das Finanzkonzept des Fördervereins sei geprüft, Investoren hätten bereits Interesse gezeigt.

Ein zweites Nutzungskonzept hat der Marburger Investor Karsten Schreyer von S+S-Immobilien vorgestellt. Er regt eine Wohnbebauung unter Einbeziehung des Lokschuppens an und den Umbau der Drehscheibe zu einem „Café Drehscheibe“.

Gegner der Ausschreibung des Lokschuppens argumentieren, dass auf diesem Weg nur finanzkräftige Bewerber eine Chance hätten. Der Stadtverordnete der Piraten, Dr. Michael Weber, hat deshalb alternativ ein „Fund-raising“ ins Spiel gebracht, um auch kleineren Projekten eine Chance zu geben.

„Dieser Diskussionsprozess ist überfällig“

Der Marburger Kulturwissenschaftler Professor Karl Braun fordert deswegen in einem „Manifest“ an die Stadtverordnetenversammlung, am Freitagabend nicht über den Antrag abzustimmen, sondern ein „Moratorium“ zu beschließen. „Das Aussetzen der hier vorgelegten Eile müsste begleitet werden von einer offen und öffentlich geführten Auseinandersetzung zur zukünftigen Nutzung des gesamten ehemaligen Bahnbetriebsgeländes“, schreibt Braun.

„Dieser Diskussionsprozess ist überfällig.“ Der Vorschlag des Bauausschusses bevorzuge – ganz im neoliberalen Stil – „finanzkräftige Investoren, aber keinerlei kulturelle Projekte mit Crowdfunding“, kritisiert Braun. Erst mit einem „kreativ entworfenen und gedachten Entwicklungsplan“ bestehe die Chance, über gezieltes Fundraising Landes- und Bundesmittel, die man für einen Kulturstandort braucht, einzuwerben.

Derzeit gibt es Befürchtungen unter Kulturinteressierten, eine „Vorentscheidung“ zugunsten einer Wohnbebauung sei schon gefallen. Hüther kündigte an, sein Verein werde „alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen“, die ihm zur Verfügung stünden.

Spies hatte die Spekulationen über eine Vorentscheidung angeheizt durch eine Bemerkung auf seiner Facebook-Seite, in der er unter den „spannenden Ideen“ den Bogen gespannt hatte von „Ideen von Veranstaltungsraum über Museum über Sporteinrichtungen und sozialen Einrichtungen bis hin zu einer Sanierung mit einer teilweisen oder ergänzenden Wohnmöglichkeit“.

Dr. Bernhard Buchstab, Oberkonservator des Hessischen Landesamts für Denkmalpflege, sagte der OP auf die Frage, ob denn die Denkmalpflege einer Änderung des Bebauungsplans zustimmen werde, die eine Wohnbebauung möglich machen werde: „Die Frage nach der Wohnbebauung fällt zuallererst in die Zuständigkeit, das heißt Planungshoheit der Stadt. Eine Wohnbebauung oder auch andere Konzepte sind aus denkmalpflegerischer Sicht letztendlich im sensiblen Umgang mit der Bausubstanz zu bewerten.“

von Till Conrad

Hintergrund
Der „Förderverein Lokschuppen“ existiert seit April 2016. Er setzt sich laut Satzung für „Erhalt und Nutzung“ des Lokschuppens und des „Lokschuppengeländes“ ein. Kontakt: Vorsitzender Manfred Velte, Tel. 0178/9885557; info@vema-marburg.de.
 
 
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