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„Wir werfen keinen Bewohner raus“

Altenhilfe „Wir werfen keinen Bewohner raus“

Was wird aus dem Marburger Konzept für die ­Altenhilfe am Richtsberg? Diese Frage sorgte im ­Sozialausschuss für Debatten.

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Seit Jahren sucht die Stadt eine Lösung für das Altenzentrum St. Jakob.

Quelle: Nadine Weigel (Archiv)

Marburg. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hofft, dass bis Mitte nächsten Jahres das neue Konzept für die Marburger Altenhilfe so weit gediehen ist, dass sich die politischen Gremien damit befassen und eine Entscheidung treffen können - möglichst noch vor den Sommerferien. Zwei bis drei mögliche Standorte seien derzeit „in der näheren Diskussion“, sagte er am Mittwoch im Ausschuss für Soziales, Jugend und Gleichstellung zu einem Bericht über die Altenhilfe. Er wolle diese Standorte aber noch nicht öffentlich nennen, „sonst erfahren es die Anlieger aus der Zeitung“, sagte Spies. Im September hatte der Oberbürgermeister das Vitos-Gelände ins Gespräch gebracht.

Derzeit prüfe eine Arbeitsgemeinschaft, in der die betroffenen städtischen Fachdienste, die Altenhilfe und die Wohnungsbaugesellschaft Gewobau vertreten sind, mögliche Standorte und Alternativen. Denn das Ende 2015 nach jahrelangen Diskussionen von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Konzept hatte die hessische Pflege- und Heimaufsicht abgelehnt (die OP berichtete mehrfach). Und diese Ablehnung ist bindend, wie der Oberbürgermeister auf Nachfrage von Dr. Christa Perabo (Grüne) klarstellte. „Ohne den Segen der Heimaufsicht dürfen Sie überhaupt nicht bauen“, sagte Spies.

Das nicht genehmigte Konzept hatte vorgesehen, dass auf vier Stockwerken des Seniorenheims je zwölf Plätze in Wohngemeinschaften sowie sieben bis acht stationäre Pflegeplätze entstehen. Die Aufsichtsbehörde ist aber der Auffassung, dass Menschen, die stationäre Pflege benötigen, andere Funktionsräume und anderes Personal brauchen als Bewohner der Hausgemeinschaften.

Für Streit im Ausschuss sorgte die Frage, wie schnell die bislang 32 vollstationären Pflegeplätze in der Sudetenstraße abgebaut werden sollen, wenn die Hausgemeinschaften eingerichtet werden. Perabo fragte Spies, ob die Pflegeaufsicht über den geplanten Abbau informiert worden sei. Spies betonte daraufhin, der Abbau der 32 bestehenden Plätze sei „ein Prozess, der über Jahre geht“. Die Stadt dürfe alte Menschen nicht in Heime zwingen, die auf einem niedrigeren Standard seien. „Solange ich Aufsichtsratsvorsitzender bin, werden keine alten Menschen rausgeschmissen“, erklärte Spies. Da der Beschluss keinen Zeitplan enthalte, gehe er nicht davon aus, dass dies anders gemeint war. „Doch, das war anders gemeint“, widersprach Perabo. „Fragen Sie doch mal ihren Vorgänger, was intendiert war. Es ging nicht darum, alte Menschen aus dem Haus zu werfen, sondern einen Prozess anzustoßen.“ Ziel der Beschränkung auf nur noch 48 Plätze sei die bessere Integration der Altenhilfe in den Stadtteilen.

„Wir liegen dichter zusammen als Sie denken“, beschwichtigte Spies daraufhin. „Wir sind völlig einig, dass wir möglichst wenig stationäre Pflege wollen. Die Frage ist nur, auf welchem Weg wir das erreichen?“ Es gebe eben einen Bedarf an stationärer Pflege, und er wolle, dass auch diese Menschen in öffentlichen Einrichtungen sein könnten.

Zwei Alternativen zum beschlossenen Konzept

Allerdings sagte Spies auf eine Frage von Perabo auch, es gebe noch keine abschließende Entscheidung, ob man weiterhin dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung folge, 48 Plätze in der Altenhilfe zu schaffen. „Die einzige Frage ist momentan, wo baut man, wie viel Platz steht zur Verfügung“, so der Oberbürgermeister. An den von der Stadtverordnetenversammlung beschlossenen Grundsätzen - Integration der Altenhilfe in die Stadtteile und Bildung von Hausgemeinschaften - will Spies aber festhalten.

Derzeit sind zwei mögliche Alternativen zum ursprünglichen Konzept der Stadt in der Diskussion. In der als „Stadtverordnetenversammlung quer“ genannten Alternative sollen in dem Seniorenheim an der Sudetenstraße auf vier Etagen Hausgemeinschaften mit je zwölf Plätzen sowie daneben je acht normale Mietwohnungen entstehen. Zwei weitere Etagen sollen je 20 Plätze für stationäre Pflege erhalten. Das Modell „Doppelstandort“ sieht hingegen vor, dass an der Sudetenstraße ein Standort für Betreutes Wohnen und ein Begegnungszentrum entstehen. Am zweiten Standort sollen demnach Wohngruppen für Menschen entstehen, die intensive Pflege brauchen. Nach Ansicht des Oberbürgermeisters wird bei einem Neubau der Umbau von stationären Strukturen zu Hausgemeinschaften viel leichter.

von Stefan Dietrich

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