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„Wir stoßen an Kapazitätsgrenzen“

Besucherzahlen steigen „Wir stoßen an Kapazitätsgrenzen“

Trotz vieler Kirchenaustritte steigen in vielen Freikirchen und kirchlichen Gemeinschaften die Besucherzahlen an – auch in Marburg. Die OP hat sich umgehört.

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Lobpreisgesang, Gebete und Abendmahl: Der Gottesdienst der Anskar-Gemeinde beschreibt eine internationale Glaubensgemeinschaft.

Quelle: Arnd Hartmann

Marburg. Sonntagmorgen, 11 Uhr. Die Stühle, die im Gottesdienstraum der Anskar-Kirche Marburg eng aneinander gereiht sind, sind bis auf den letzten Platz belegt. Das Publikum ist bunt gemischt, auffallend viele junge Menschen sind mit dabei und Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Sie sitzen oder stehen, strecken ihre Arme, neigen ihre Köpfe zu dem Gesang einer jungen Frau in geblümter Bluse, die auf der Bühne steht und in ein Mikro singt: „Ich weiß, dass Jesus mich ewig liebt, dass er mich rettet und mir vergibt“.

Ziemlich fromme Worte. Was steckt dahinter? „Viele kennen Glauben als Tradition, als irgendwas von der Großmutter“, erklärt Pastor Alexander Hirsch. „Hier erleben auch junge Leute, dass Glaube lebendig und spannend sein, ja sogar Spaß machen kann.“ Glauben vermitteln, der lebendig ist und Spaß macht – das war das Anliegen des heute 39-Jährigen, als er mit seiner Frau Dinah die evangelikal-charismatische Freikirche vor 13 Jahren als eine von insgesamt sechs Gemeinden der Anskar Kirche Deutschland in Marburg gründete.

Besucherzahlen im Gottesdienst mehr als verdoppelt

Seit 2008 stellen sie nicht ohne Freude fest, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher kontinuierlich angestiegen ist und sich seitdem von 37 auf bis zu 100 mehr als verdoppelt hat. „Wir merken, dass wir an Kapazitätsgrenzen stoßen, weswegen wir jetzt beschlossen haben, einen weiteren Gottesdienst einzu­führen“, so Hirsch.

Der Anstieg der Besucherzahlen in der Anskar-Kirche ist kein Einzelfall. In der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) Marburg zum Beispiel blieben die Mitgliederzahlen in den letzten Jahren zwar ungefähr gleich – 190 Menschen sind offiziell Mitglieder der Freikirche –, aber die Besucherzahlen im Gottesdienst stiegen seit 2012 um durchschnittlich 60 Personen an. „Generationenübergreifend haben wir Sonntags um die 240 Gemeindebesucher – darunter auch viele junge Leute“, sagt Thomas Zels, Pastor der Freikirche an der Cappeler Straße.
Ein Grund für das Interesse der jungen Menschen sieht er darin, dass es in Freikirchen „oft ein bisschen lockerer“ zugehe. Es gäbe kaum liturgische Elemente, dafür mehr moderne Musik. Schlagzeug, Keyboard und E-Gitarren sind keine Seltenheit im Gottesdienstgeschehen mehr. Auch das Prinzip der Freiwilligkeit und Selbstständigkeit spiele eine wichtige Rolle. In Mitgliederversammlungen entscheiden die Mitglieder beispiels­weise selbst, wofür sie Geld
investieren und wo sie strategisch etwas ändern wollen.

Vermehrt junge Gottesdienstbesucher, einen weiteren Gottesdienst einführen – das klingt angesichts steigender Kirchenaustritte irgendwie utopisch. Immerhin verzeichnet das Amtsgericht Marburg, das für knapp 125 000 Einwohner in Stadt und Landkreis Marburg-Biedenkopf zuständig ist, seit Jahren immer mehr Austritte aus der evangelischen und der katholischen Kirche: Traten im Jahr 2008 insgesamt 489 Menschen aus der Kirche aus, waren es sechs Jahre später, 2014, bereits 787 Menschen. Ein großer Teil von ihnen (im Jahr 2014 544 zu 242) ist evangelisch.

Austrittszahlen "wenig dramatisch"

Gründe für die Kirchenaustritte können nicht erhoben werden. Laut einer Mitgliederstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die im vergangenen Jahr durchgeführt wurde, nähmen angeblich das religiöse Verständnis wie auch die religiöse Bindung in Deutschland ab. „Wenn dann noch Skandale, wie zum Beispiel im katholischen Bistum Limburg, oder Änderungen beim Einzugsverfahren der Kirchensteuer dazukommen, ist das vermutlich für einige ein Grund, die evangelische Kirche zu verlassen“, mutmaßt Karl-Günter Balzer, Medienbeauftragter der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck.

Er hält die Austrittszahlen jedoch für „wenig dramatisch“. Vielmehr freue er sich, dass nach wie vor viele Menschen die Evangelische Kirche als ihre Kirche verstehen und viele Christen in Gemeinschaften innerhalb der Kirche eine Heimat finden. Dies seien im Landkreis immerhin rund 90 000.

Eine der ökumenischen Gemeinschaften von evangelischen und katholischen Christen, aber auch von Landeskirchlern und Freikirchlern, unter dem Dach der Evangelischen Kirche ist der Christus-Treff (CT) Marburg. Auch hier sind die Mitgliedszahlen in den letzten Jahren gestiegen. Der CT bietet seinen insgesamt rund 600 Gottesdienstbesuchern deshalb schon seit längerem zwei aufeinander folgende Gottesdienste am Sonntagmorgen an sowie gelegentliche Gottesdienste am Richtsberg. „Viele Mitglieder bleiben in ihren Konfessionen beheimatet, manche treten aber durch den Besuch der CT-Gottesdienste auch der Landeskirche bei“, erklärt Elke Werner, Leiterin und Geschäftsführerin des CTs.

„Der im Alltag gelebte Glaube verbindet“

„Ich glaube, dass der im Alltag gelebte Glauben stark verbindet“, so Elke Werner weiter. Ähnlich sieht es auch Anskar-Pastor Alexander Hirsch: „Menschen erleben, dass Sie in der Kirche Beziehung leben können zu anderen Menschen. Auch über soziale und kulturelle Grenzen hinweg.“ Und weil seine Schäfchen so gern beisammen sind, ist die Einführung des zweiten Gottesdienstes auch erst einmal nur eine Übergangslösung. Pastor Hirsch: „Mittelfristig versuchen wir einen größeren Versammlungsort zu finden, an dem dann auch wieder gemeinsame Gottesdienste stattfinden können und die Mitglieder sich sehen können.“ „Unsere Gemeinde hat einen familiären Charakter“, ergänzt seine Frau Dinah.

„Die Kirche ist wie meine neue Heimat“, bestätigt auch die 34-jährige Peruanerin Milagros Huamani, die regelmäßig die Gottesdienste besucht. „Die Art der Predigt und das interkulturelle Zusammensein sind toll.“ Auch Harald Block gefallen „die unterschiedlichen Nationalitäten, die hier mitmachen.“ Berührt ist der 60-Jährige auch von dem Mitgefühl der Gemeindemitglieder: „Die Gemeinde betete für meine Gesundheit, als ich mit Bauchspeicheldrüsenbeschwerden im Krankenhaus lag.“

von Ruth Korte und Arnd Hartmann

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