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"Wir sind zäh und ausdauernd"

Alternatives Wohnprojekt "Wir sind zäh und ausdauernd"

Was macht ein Zuhause aus? Diese Frage haben sich auch Maria Obenaus und Gunter Kramp gestellt. Ihre Antwort: ein Dach, unter dem möglichs viele Menschen zusammen kommen. Das Resultat nennt sich "Hausprojekt Kauz".

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Maria Obenaus und Gunter Kramp vom Hausprojekt Kauz vor einer laut Beamtendeutsch ,,temporären, saisonalen Erweiterung des Wohnraums“ – einem Wohnwagen.

Quelle: Siepmann

Wehrda. Aufgeben kommt für sie nicht in Frage. Nein. Dafür haben sie zu viel investiert. Zu viele Arbeitsstunden. Zu viel Herzblut. Maria Obenaus und Gunter Kramp gehen durch die Zimmer des alten Gebäudes. Einige Räume gibt es erst, seit sie und die übrigen Hausbewohner Wände eingezogen haben, an denen jetzt die Putzpläne hängen und Fotos, die vom Leben im „Hausprojekt Kauz“ erzählen. Aus der sterilen Lagerhalle schuf die Gemeinschaft ein Zuhause. Ihr Zuhause. Vor Jahrzehnten wurden hier noch Waschmittelkomponenten verarbeitet, später lagerten Telefonbücher in dem Flachbau. Zuletzt hatte der Verein „Arbeit und Bildung“ die Räumlichkeiten angemietet. Gunter Kramp tritt in eine der Werkstätten und spricht über die verschiedenen Betätigungsfelder im Haus. Fahrradreparatur, Holz- und Metallverarbeitung gehören dazu. „Es sind Selbsthilfewerkstätten, in denen Gäste und Bewohner kleinen Handwerksarbeiten nachgehen können. Hier sollen keine kommerziellen Gewinne erwirtschaftet werden“, erklärt Kramp. Projekte seien es.

Rechtsstreit über die Wohnverhältnisse

Viele dieser Projekte füllen nun das Haus, in dem mittlerweile acht Erwachsene und ein Kleinkind zusammen leben. Hier wird in Gemeinschaftsarbeit der Garten bestellt, gekocht und zusammen gegessen. Hier könnte die Geschichte glücklich enden. Es könnte eine Geschichte sein, die von Selbstverwirklichung, Gemeinschaft und Harmonie handelt. Die Betonung liegt auf „könnte“...

Die dunklen Wolken, die nun über das Haus „Kauz“ ziehen, resultieren aus einem Rechtsstreit, in dessen Zentrum die Auseinandersetzung um das derzeitige Mietverhältnis steht. Eine Räumungsklage des prozessierenden Vermieters wurde bereits abgewiesen. Die Bewohner des Hausprojekts Kauz fühlen sich im Recht. „Wir haben einen gültigen Mietvertrag, bezahlen immer unsere Miete und alle baulichen Veränderungen, die wir vorgenommen haben, wurden vorher abgesprochen“, sagt Maria Obenaus. Sie möchte ein Sache klarstellen; „Es sollte der Anschein vermittelt werden, dass wir hier illegal leben. Das ist aber nicht so.“

Dass die Wohnrechtsfrage nun vor Gericht verhandelt werden müsse, liege an den veränderten Eigentümerverhältnissen für das Grundstück, sagen die Bewohner. Die ursprüngliche Erbengemeinschaft, bestehend aus drei Brüdern, gibt es nicht mehr. Der jetztige Vermieter zeige sich wenig kooperationsbereit. „Wir wollen eine Lösung. Mehr als ein Jahr lang haben wir über einen neuen Mietvertrag verhandelt. Viele der gestellten Forderungen unseres Vermieters halten wir aber für absolut absurd“, sagt Gunter Kramp. Eine dieser Forderungen sei der Rückbau der Doppelglasfenster, die das Wohn-Kollektiv vorgenommen hatte, um Energiekosten zu sparen. Zudem soll nun die Miete in empfindlichem Maße steigen. Eine Scheune auf dem Grundstück wolle der Vermieter abreißen lassen, sagt Kramp, der das gesamte Grundstück gerne kaufen würde.

Lösungen werden im Kooelktiv angegangen

„Der Vermieter möchte den Platz, wo jetzt die Scheune steht, auch gerne verkaufen - anscheinend nur nicht an uns“, sagt Kramp, der sich weiterhin kämpferisch gibt. Einen Plan für den Kauf des unmittelbar an die Lahn grenzenden Gebäudes hat Kramp schon auf dem Tisch liegen. Das sogenannte Mietshäuser-Syndikat spielt dabei eine entscheidende Rolle. Es ist ein Zusammenschluss von etwa 80 Wohnprojekten in ganz Deutschland. „Das benötigte Geld für den Kauf eines Hauses kommt bei Projekten im Mietshäusersyndikat aus sogenannten Direktkrediten. Menschen können beim Hausprojekt direkt ohne Bank Geld anlegen und bekommen dafür Zinsen. Zusätzlich gibt es im Syndikat eine Unterstützung neuer Projekte aus einem Solidarfonds der durch Überschüsse älterer Projekte gefüllt wird.

Der Gedanke, Probleme im Kollektiv zu lösen, spielt auch in der Großraum-WG eine entscheidende Rolle. „Wir haben einen gewissen Anspruch an unser Zusammenleben im Haus. Hier leben Menschen, die Lust darauf haben, nicht nur nebeneinander zu wohnen, sondern miteinander zu leben“, sagt Maria Obenaus.

Die WG hat bereits einiges erreicht: Die Wohnwagen auf der Wiese hinter dem Haus sind im Behördendeutsch als „temporäre, saisonale Erweiterung des Wohnraums“ anerkannt. Eine vom Gesetzgeber geforderte „Bauvoranfrage“ zur Nutzungsänderung des Gewerbegebäudes als Wohnhaus wurde ebenfalls positiv beschieden. Im Streit mit ihrem Vermieter sind die Bewohner von Haus Kauz bereit, bis zur letzten Instanz zu kämpfen: „Wir sind zäh und ausdauernd“, sagt Maria Obenaus.

von Dennis Siepmann

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