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„Wir sind sehbehindert, nicht gehbehindert“

Kooperation von Blista und Astrid-Lindgren-Schule „Wir sind sehbehindert, nicht gehbehindert“

Fünftklässler der Blindenstudienanstalt und Viertklässler der Astrid-Lindgren-Schule lernten bei einem dreitägigen Kooperationsprojekt miteinander und voneinander.

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An drei Projekttagen lernten sich Schüler der Astrid-Lindgren-Schule und der Blista näher kennen.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. 19 Kinder laufen mit lautem Gejohle auseinander und verschwinden in allen vier Himmelsrichtungen, um sich auf dem Schulgelände der Blindenstudienanstalt (Blista) zu verstecken. Zwei Kinder bleiben zurück.

30 Sekunden verstreichen, dann machen sich Olga und Thill auf die Suche. Seinen Blindenstock hat er fest im Griff. Mit der anderen Hand hat er sich bei Olga, die ihn vorsichtig und umsichtig führt, eingehakt. Dicht an dicht wie ein Ehepaar schreitet das Duo voran. Eine Szene, die den Geist des Projekts widerspiegelt.

„Schüler gehen gestärkt aus den Projekttagen heraus“

21 Kinder nehmen an dem Projekt, das über drei Tage geht, teil. Elf Schüler der Blista, zehn der Astrid-Lindgren-Schule. „In Zeiten von Inklusion ist das Kennenlernen anderer Lernhintergründe sehr wichtig. Außerdem lernen meine Schüler dadurch Verantwortungsbewusstsein“, sagt Claudia Arnold, Lehrerin an der Astrid-Lindgren-Schule auf dem Richtsberg. Zum dritten Mal findet das Projekt statt. Laut Arnold sei es bisher ein voller Erfolg gewesen: „Die Schüler gehen gestärkt aus den Projekttagen heraus, da sie ihren Horizont erweitert haben.“ So sei es auch diesmal.

Es stehen nicht nur Spiel, Spaß und Spannung auf dem Programm. Die Schüler der Astrid-Lindgren-Schule sollen nachvollziehen, wie blinde und sehbehinderte Kinder lernen und sich im Alltag bewegen. So werden die Viertklässler von den Blista-Schülern in der Blindenschrift, im mathematischen Zeichnen sowie dem Gehen mit dem Blindenstock unterwiesen. Besonders Letzteres hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Die Schüler der Astrid-Lindgren-Schule beteuern, Sehbehinderte von nun an mit anderen Augen zu sehen.

„Ich habe mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, wie sehbehinderte und blinde Menschen leben. Jetzt habe ich zumindest eine Ahnung. Außerdem bin ich bestimmt aufmerksamer für die Probleme anderer Menschen geworden“, sagt Olivia. Um lebenspraktische und soziale Fähigkeiten zu üben, sollen die Kinder gemeinsamen Waffeln backen und Obstsalat machen. Während die einen Erdbeeren schneiden, und sich die anderen um den Waffelteig kümmern, ertastet Blista-Schüler Mihnea ein Plastikpäckchen und nascht daraus.

Niemand warnt ihn, dass es sich um Backpulver handelt. „Digga, was ist das denn? Das ist ja ekelhaft“, ruft er angewidert und versucht, sein Lachen zu unterdrücken. Ein Malheur, das die übrigen Kinder köstlich amüsiert. Auch bei der Arbeit kommt der Spaß nicht zu kurz.

„Zapfenkacken“
 sorgt für Spaß

Einige der Kinder gehen raus, um Sonne zu tanken. In der Verdauungspause läuft der eloquente Blista-Schüler Thill zu rhetorischer Hochform auf: „Es macht schon Spaß und die meisten Kinder sind nett, aber manchmal neigen sie zur Überhilfe. Ich sage immer: Wir sind sehbehindert, nicht gehbehindert.“ Doch für die Kinder der Astrid-Lindgren-Schule ist der Kontakt mit Sehbehinderten neues Terrain, auf dem es sich erst einmal zurecht zu finden gilt. „Ich glaube der Sinn von so einem Projekt ist, dass wir gerade solche Feinheiten lernen sollen“, hält Lisa entschieden Thill entgegen.

Das letzte Spiel der drei Projekttage sorgt für besondere Erheiterung – „Zapfenkacken“. Ein Spiel, das sich die Astrid-Lindgren-Schüler Kevin und Khaibar ausgedacht haben. Allerdings stellt schon das Erklären des Spiels die beiden Jungs vor einige Probleme. Denn nur vormachen, wie das Spiel funktioniert, hilft den Blista-Schülern recht wenig. „Erklärt mal ganz genau, wie es geht“, fordern sie. Die Jungs ringen nach den richtigen Worten – Schulung der Sprachkompetenz. „Im Vorfeld sollten sich die beiden Klassen Spiele überlegen, die sie den Kindern von der anderen Schule erklären und beibringen“, erklärt Annette Körber.

Die Schüler, aufgeteilt in zwei Teams, klemmen sich einen Tannenzapfen zwischen die Beine und müssen ihn in einen 
zehn Meter entfernten Eimer bugsieren. Jeglicher Einsatz von Händen ist strengstens untersagt. Das Team, das die meisten Tannenzapfen sicher im 
Eimer verstaut, trägt den Sieg davon. Ab geht’s. Unter viel 
Gekicher und Gelächter hüpfen, humpeln und stolpern die Schüler durch die Gegend. Unaufgefordert nehmen die Viertklässler die Fünftklässler an die Hand, wenn diese an der Reihe sind und geleiten sie zu 
den Eimern. Der lautstarke 
Abschluss von drei Tagen Lernen und Lachen.

von Benjamin Kaiser

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