Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
"Wir müssen uns unser Leben zurückholen"

Maikundgebung in Marburg "Wir müssen uns unser Leben zurückholen"

„Der 1. Mai ist mehr als nur ein Tag für Ausflug, Bier und Bollerwagen“, sagte CDU-Mann Marian Zachow am Freitag bei der Mai-Demo des DGB in Marburg. Und gab damit den Auftakt zu einer sehr politischen Veranstaltung.

Voriger Artikel
Grillhütte abgebrannt
Nächster Artikel
Forscher will Angst vor Keimen nehmen

Thüringens Ministerpräsident, der Linken-Politiker Bodo Ramelow, sprach als Hauptredner bei der Mai-Kundgebung in Marburg.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Vom Gewerkschaftshaus in der Bahnhofstraße zogen etwa 600 Teilnehmer durch die Oberstadt und zur Kundgebung auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz nahe der Mensa, wo noch einmal etwa 300 Menschen mehr die Reden der Gäste verfolgten und sich anschließend bei angenehmem Frühlingswetter den 1. Mai gemütlich mit Musik der Gruppe „Shake Hands“ ausklingen ließen.

Hauptredner war der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), der früher als Gewerkschaftssekretär auch lange in Marburg tätig war und viele Jahre im Landkreis gelebt hat.

1.Mai DGB Kundgebung - Marburg, Bahnhofstrasse - Foto / Michael Hoffsteter

Zur Bildergalerie

Marian Zachow (Foto: Hoff­steter), Erster Kreisbeigeordneter und frisch gekürter stellvertretender Landesvorsitzender des christdemokratischen Arbeitnehmerflügels CDA, hatte schon auf der Zwischenstation am Marktplatz eine kurze Ansprache gehalten. Er schlug sich auf die Seite all derer, die dafür kämpfen, dass die „Zukunft der Arbeit“ wieder stärker aus Sicht der Arbeitenden mitgestaltet wird.

„Arbeit ist mehr als nur Broterwerb“, sagte Zachow. Die Zukunft der Arbeit müsse aber auch „bunt“ sein. „Die, die bei uns Zuflucht suchen, müssen mit offenen Armen empfangen werden“, ausländischen Menschen müsste Deutschland auch den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen.

Vaupel bricht Lanze für Erzieher und Erzieherinnen

Ähnlich deutlich äußerte sich in der Frage der Aufnahme und dem Umgang mit Flüchtlingen auch Marburgs scheidender Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). Er brach zudem eine Lanze für die Erzieherinnen und Erzieher, die in Tarifverhandlungen um eine Aufwertung ihrer Berufe kämpfen: „Ich unterstütze das, obwohl ich im Moment nicht weiß, wie die Kommunen das bezahlen sollen.“

Die Marburger Erzieherin und Verdi-Kämpferin Cordula Tschirschnitz ergriff für ihre Kolleginnen und die Mitarbeiter der sozialen Dienste bei der Kundgebung das Wort und forderte erneut bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung.

„Wir sind Zukunftsgestalter und Bildungsarbeiter“, betonte sie mit Blick auf die Arbeit mit kleinen Kindern. „Unser Frauenberuf gehört schon lange aufgewertet. Und wenn das passiert, wird es bald auch mehr als nur vier Prozent Männer in diesen Berufen geben.“ Die Gesellschaft und die Eltern unterstützten die Forderungen, sagte die Erzieherin. Sie hoffe, dass das auch so bleibe, wenn ein harter Arbeitskampf mit Streiks geführt werden müsse.

Nach 25 Jahren feiere er zum ersten Mal wieder mit den Marburger Kollegen den 1. Mai, berichtete Bodo Ramelow. Dafür hatte er sich eine fast weltumspannende Rede zurechtgelegt, die von den Zuhörern mit großem Applaus gewürdigt wurde. Ramelow ging darin auf den Ukrainekonflikt ein, der vor etwas mehr als 25 Jahren im kalten Krieg, mit den gleichen Akteuren, auch bei uns in Deutschland hätte Wirklichkeit werden können.

Ramelow: "Wir sind Teil der Fehlentwicklung"

Ramelow sprach auch die Ursachen des Flüchtlingsstroms nach Europa an, der gerade von Ländern wie Deutschland mitverschuldet sei. „Wir sind Teil der Fehlentwicklung“, sagte Ramelow: durch Waffenlieferungen in Krisengebiete, durch das Zulassen von entfesselten Finanzmärkten, wo Hedgefonds in Afrika in großen Mengen Land aufkauften, um damit oder mit den dort erzeugten billigen Lebensmitteln an der Börse zu handeln.

Das und die Fehler in der Arbeitsmarktpolitik wirkten am Ende auch auf Arbeitnehmer hier zurück. Die Zulassung von Leiharbeit als Regelarbeit habe eine Spaltung in den Belegschaften ermöglicht. Internationale Firmen wie Amazon und Zalando, die Angestellte schlecht bezahlten und zugleich Steuern zu minimieren verstehen, zeigten mögliche weitere Seiten der „schönen neuen Welt“.

Wer heute die Arbeitswelt mitgestalten wolle, müsse sich einer Politik widersetzen, die den Menschen zum Gegenstand macht und ihn nur nach seiner „Nützlichkeit“ bewerten will. „Wir müssen uns unser Leben wieder zurückholen“, forderte Ramelow. Dafür brauche es mehr denn je Solidarität - zum Beispiel eine Bürgerversicherung, in die jeder einzahlt, Genossenschaften, die für das Gemeinwohl arbeiten. Aber auch Solidarität untereinander, gegenüber Flüchtlingen und Kollegen am Arbeitsplatz.

von Michael Agricola

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr