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"Wir müssen da sein, wo diskutiert wird

Die katholischen Pfarrer Dr. Martin Stanke und Klaus Nentwich im OP-Interview im Vorfeld des Marburg "Wir müssen da sein, wo diskutiert wird

Die Pfarrer Dr. Martin Stanke und Klaus Nentwich sprechen im OP-Gespräch von einer "Aufbruchstimmung" unter den katholischen Christen in Marburg.

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Die Pfarrer Dr. Martin Stanke und Klaus Nentwich im OP-Interview: „Wir müssen da sein, wo Menschen leben und wo es Konflikte geben kann.“

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. OP: Sie sind beide Katholiken, sie leben den katholischen Glauben, sie leben für den katholischen Glauben? Was bedeutet das für Sie?

Dr. Martin Stanke, Pfarrer in der Katholischen Hochschulgemeinde: Als Katholik und Christ habe ich für mein Leben erkannt, dass der Glaube eine Wahnsinnsbasis ist, ein Fundament, auf das man Leben aufbauen kann, das begeistert, das Freude vermittelt, das auch Kraft gibt in schwierigen Situationen. Von der katholischen Gemeinschaft der Christen fühle ich mich in besonderer Weise getragen, von Kindes- über Jugendzeit an, bis heute; deshalb bin ich ja auch den Weg als Priester gegangen in der katholischen Kirche.

Klaus Nentwich, Pfarrer in der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul: Die Berufung als Priester, in der Jugend erkannt, hat mich mit der Kirche nochmal mehr verbunden. Ich kann jetzt auch nicht sagen, ich bin von Beruf Pfarrer und mache das von 8 bis 16 Uhr, von Montag bis Freitag, sondern es ist für mich ein Fulltime-Job. Das Konzept des Evangeliums ist ein Lebenskonzept, ich glaube ein Besseres gibt es gar nicht. Von daher ist es mein Ziel, dieses Evangelium Jesu Christi zu verkünden und immer wieder auch neu die Worte und die Sprache zu finden, um es den Menschen von heute verständlich zu machen.

OP: Sie betonen beide vor allem den religiös-spirituellen Aspekt. Die Vorbereitungsgruppe für den Marburger Katholikentag betont besonders die Aufgabe, Schwächeren zu helfen. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Stanke: Wenn wir als Katholiken authentisch leben wollen, müssen wir auf alle Menschen zugehen, dazu gehören auch die Schwachen, die Ärmeren. Das Motto des Katholikentages „Suchet der Stadt Bestes“ zeigt, dass es Auftrag von uns ist, an alle Orte dieser Stadt zu gehen, da zu sein für die, die Hilfe benötigen, aber auch für alle anderen Menschen, die einfach nur in dieser Stadt leben. Auftrag ist beides: Zu helfen und zu sagen, wir haben was für euch, das tatsächlich begeistern kann und tragfähig ist für euer Leben.

Dem karitativen Bereich besonders verpflichtet

Nentwich: Wir leben drei Grundsätze in der katholischen Kirche: neben der Glaubensverkündigung sind eben auch der soziale und karitative Bereich wichtig und das Feiern unseres Glaubens im Gottesdienst. Als Christen in Marburg sind wir dem karitativen Bereich besonders verpflichtet aufgrund des Erbes der Heiligen Elisabeth. Es ist überaus spannend, dies für die heutige Zeit umzusetzen: Nicht nur alles um des Profits willen zu tun, sondern auch um des Menschen willen da zu sein und Christus zu verkünden.

OP: Den Armen helfen - ist das in Marburg tatsächlich so ein Thema für Sie?

Stanke: In der Katholischen Hochschulgemeinde bekommen wir die Not ausländischer Studierender hautnah mit. Landsleute aus allen Nationalitäten kommen zu uns ins Haus, mit denen kommen wir in Kontakt, für die sind wir da. Ja, da ist auch materielle Not verbreitet. Wo wir helfen können, versuchen wir natürlich auch zu helfen. Das hat Grenzen. Aber wir sind da ohne auf die Religion zu schauen.

OP: Der Marburger Katholikentag findet vor und im Hörsaalgebäude statt. Ist die Uni denn ein Ort, an dem Sie mit ihrer Botschaft durchdringen?

Stanke: Die Universität ist ein eher kritisches Umfeld, aber wir müssen genau in diese Brennpunkte hineingehen. Wir müssen da sein, wo diskutiert wird. Dafür gibt es auch den Katholikentag: dass wir hineinkommen in die Diskussion, wir müssen da sein, wo Menschen leben und wo es Konflikte geben kann.

OP: Sie haben mit dem Katholikentag einen großen Erfolg schon gehabt, finde ich. Man spricht nämlich spätestens seit dem Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters vom Katholikentag. Die Frage ist aber: Warum kann sich Marburg auf den Katholikentag freuen?

Nentwich: Es gibt vielfältige Möglichkeiten der Begegnung. Einmal ist ein sehr schöner Gottesdienst geplant, um 10 Uhr, der wird in St. Peter und Paul sein mit dem emeritierten Bischof Wanke von Erfurt. Er ist ein großer Ökumeniker. Der Abschluss des Tages ist mit Anselm Grün, auch jemand, der deutschlandweit bekannt ist. Aber zwischendurch ist ja auch noch viel kleingruppiges Programm. Möglichkeiten für Kinder, Jugendliche und für Erwachsene in verschiedenen Workshops, in verschiedenen Gesprächskreisen, über ihren Glauben und über ihr Christsein und über ihr Dasein als Mensch ins Gespräch zu kommen, neue Impulse zu haben. Ich glaube schon, dass da eine Möglichkeit ist, sehr komprimiert viel Information zu bekommen und Menschen zu begegnen, die alles andere sind als hinterwäldlerisch, was den Katholiken ja oft nachgesagt wird. Die Kirche St. Peter und Paul ist von Samstag auf Sonntag die ganze Nacht bis 6 Uhr morgens geöffnet. So kann man einfach mal zu einer anderen Zeit die Begegnung wagen mit dem, der uns begleitet, der bei uns ist, mit Christus.

Mauerblümchendasein beenden

OP: Und die Katholische Kirche präsentiert sich von ihrer besten Seite?

Stanke: Das ist eigentlich das Hauptziel für mich: Dass die katholische Kirche ihr Mauerblümchendasein beendet und versucht auf Menschen zuzugehen. Wahrscheinlich hätten wir mit Ihnen nie dieses Interview geführt, wenn es den Katholikentag nicht gäbe. Das sehe ich als große Chance: mit Menschen dieser Stadt ins Gespräch zu kommen und Verbindungen zu knüpfen.Nentwich: Die Frage war ja, was wir der Stadt mit dem Katholikentag geben können. Wichtig ist erst einmal, dass wir der Stadt sagen können, wir geben schon ganz viel und vieles wird noch gar nicht so wahrgenommen. Was der Sozialdienst katholischer Frauen tagtäglich tut, was die Caritas und die Kirchengemeinde tagtäglich tun, das ist jede Menge. Und wenn ich das zusammenzähle, bin ich selbst immer wieder erstaunt, was eigentlich schon getan wird.

OP: Dieser Prozess des sich Öffnens als katholische Kirche, der Versuch, ein positives Image noch stärker zu bekommen, fällt in eine für Sie ungünstige Zeit. Nicht nur der Ruf des „Hinterwäldlerischen“ sondern auch die Missbrauchsvorwürfe, die in der katholischen Kirche vorgekommen sind und die Geschichte mit dem Limburger Bischof machen Ihnen zu schaffen.

Stanke: Ich finde bei dieser Diskussion über Tebartz-van Elst immer schade, dass einer von 27 Bischöfen etwas massiv falsch macht, und dann die gesamte gute Arbeit der Kirche dadurch nicht mehr gesehen wird - die ganze gute Arbeit, die tagtäglich in den Gemeinden läuft, wo Leute sich auch vielfältig einbringen. Schauen Sie sich die Vinzentinerinnen an, was tun sie Gutes in ihrem Altenheim, wie engagieren sie sich für Menschen. Sie und die vielen anderen hilfsbereiten Menschen werden durch eine Person vor den Kopf gestoßen.

OP: Missbrauch ist nun einmal ein grausames Verbrechen, und die Verschwendungssucht des Limburger Bischofs passt so gar nicht zum Bild, das sie gerne von der katholischen Kirche zeichnen.

Stanke: Natürlich haben Sie recht: Missbrauch ist wahnsinnig schlimm, und das tut mir auch im Herzen weh. Natürlich ist das auch ein institutionelles Problem gewesen, das der jetzige Papst mit aller Kraft behebt. Die Missbrauchsdebatte hat in der katholischen Kirche den Prozess beschleunigt, darüber nachzudenken und sich bewusst zu werden, was der Kernauftrag der Kirche ist und den auch in die Tat umzusetzen. Tebartz-van Elst hingegen ist das Problem eines Einzelnen, der aber in der Kirche eine herausgehobene Position hatte. Wir müssen uns dennoch trauen zu sagen, es gibt auch viel Positives. Und in unseren Gemeinden gibt es, davon kann sich jeder überzeugen, tatsächlich eine Aufbruchsstimmung. Nentwich: Ich glaube, wir sind es einfach den Menschen schuldig, dass man nicht stehenbleibt und sagt, die katholische Kirche ist jetzt am Ende, machen wir sie halt zu. Personell und finanziell wird es auch in den nächsten Jahren sicher noch gravierende Einschnitte geben. Aber das Sichkümmern um an den Rand Gedrängte wie auch das Sichkümmern um Manager, die überhaupt nicht mehr wissen, was der Sinn des Lebens ist, das ist die große Chance der Kirche und auch ihr Auftrag.

OP: Den Kernauftrag, kann man den in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Nentwich: Die Kirche hat einen missionarischen Auftrag - im positiven Sinne: Von dem Guten, das sie erfährt, zu verkünden; und dass es auch eine Basis gibt, die über dieses Leben hinaus reicht. Der zweite Auftrag ist, bei den Menschen zu sein, die in der Gesellschaft durchfallen - und zwar nicht um sie zu rekrutieren, sondern um der Menschen selbst willen. Der dritte Auftrag ist, die Frage nach Gott lebendig zu halten in einer Gesellschaft, in der Gott kaum noch eine Rolle spielt.

OP: Was kann sich denn für einen persönlich ändern durch den Katholikentag?

Nentwich: Zum ersten hoffen wir, dass sich die Katholiken in Marburg untereinander besser kennenlernen. Zum anderen wollen wir anderen christlichen Gemeinden gegenüber zeigen, wir sind eine offene Gemeinde, die einlädt, die gerne den Kontakt mit ihnen hat. Wir wollen das der ganzen Stadt, auch Nichtchristen, zeigen und die Hemmschwelle möglichst niedrig legen.Stanke: Marburg ist eine Stadt mit einem besonderen sozialen Klima. Viele Gruppierungen arbeiten zusammen auf einer gemeinsamen Grundlage, wenn auch mit unterschiedlichen Meinungen. Wir wollen mit unseren 12000 Katholiken in diesem Zusammenhang wahrgenommen werden als ein Player, der am gesellschaftlichen Wandel und beispielsweise an den Aktionen gegen Gewalt mitmacht.

OP: Im Umkehrschluss heißt das, mit dem gegenwärtigen Zustand sind Sie nicht ganz zufrieden?

Stanke: Ich bin jetzt erst ein Jahr da. Wir werden wertgeschätzt, aber mehr über einzelne Personen wie Schwester Edith zum Beispiel. Aber dass wir als Kirche wahrgenommen werden, als Organisation, die mitgestaltet und die auch angesprochen wird, empfinde ich derzeit nicht.

St. Peter und Paul das Zentrum des neuen Campus

OP: Marburg ist für Katholiken wohl eher Diaspora. Sodass sich natürlich auch die Frage stellt, wie Sie durchdringen mit der Botschaft, die Ihnen wichtig ist.

Nentwich: Da muss man kreativ sein. Die Wege zu den Menschen sind sehr unterschiedlich. Form und Stil, wie Kirche bisher das Evangelium verkündete, müssen sich ändern. So weitermachen wie bisher, würde in 20 Jahren das Ende bedeuten. Ich sehe großes Potential in der Kommunikation, in den neuen Medien, in der Außendarstellung.Stanke: Wir haben in Marburg auf die Zukunft gesehen einen Standortvorteil. Wir sind mit der Kirche St. Peter und Paul im Unicampus präsent. Der wird rund um unsere Kirche gebaut. Wir sind das Zentrum des neuen Campus.

von Till Conrad

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